Begriffe wie Corporate Social Responsibility, Nachhaltigkeit oder Compliance finden in Gesellschaft und Wirtschaft immer grösseren Anklang. Augenscheinlich entwickeln insbesondere die hochentwickelten Volkswirtschaften vermehrt den Anspruch, «grüner», «sozialer» und «gerechter» im wirtschaftlichen Austausch zu werden. Angesichts zunehmender Umweltsensitivität und der globalen Wirtschaftsvernetzung gilt es insbesondere auch im Wirtschaftsgebaren, konform mit den steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen zu sein.

In der Logistikbranche, der Branche also, welche die globale Vernetzung und Arbeitsteilung ermöglicht und dabei zugleich in hohem Masse von ihr profitiert, arbeiten verladende Unternehmen wie auch Logistikdienstleister mit Hochdruck an Konzepten wie Green Logistics oder Green SCM. Dabei herrscht in vielen Logistikfirmen noch grosse Ratlosigkeit darüber, was der Anspruch der Nachhaltigkeit speziell bedeutet und mit welchen Ansätzen konkrete Massnahmen in der Praxis umzusetzen sind. Denn die wachsende Bedeutung des Dreiklangs ökonomischer, ökologischer und sozialer Belange für die eigene Firmenstrategie birgt neben der Herausforderung der Operationalisierung konkreter interner Massnahmen auch die Aufgabe der Einbeziehung der Möglichkeiten und Ansprüche wichtiger Lieferanten, Subunternehmer und Kunden.

Bisher kaum Kriterien

Bislang hat sich hier vor allem die Konsumgüterindustrie hervorgetan, die durch sogenannte Codes of Conduct Lieferanten in ihre Nachhaltigkeitskonzepte einbindet. Für Logistikdienstleistungen hingegen existieren bisher kaum geeignete Anforderungs- und Bewertungskriterien der Nachhaltigkeitsleistung einschliesslich passender Anreizsysteme. Diese Aspekte verfolgen aktuell verschiedene unternehmensübergreifende Ansätze, wie zum Beispiel der BME-Arbeitskreis Green Logistics, mit dem Ziel, Massnahmen und Kriterien für eine umweltfreundlichere Logistik zu entwickeln, die unter anderem im Rahmen des Einkaufs von Logistikdienstleistungen zum Einsatz kommen können. Zudem haben grosse Verlader in den letzten Jahren proprietäre Nachhaltigkeitsmanagementsysteme implementiert, konkrete Unternehmensziele definiert sowie entsprechende Organisations- und Reportingstrukturen geschaffen.

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Der Brückenschlag zur Logistik ist aus Sicht der Nachhaltigkeit bislang kaum erfolgt. Drei mögliche Gründe spiegeln sich in den Erkenntnissen aus insgesamt 17 explorativen Interviews mit Geschäftsführern, Nachhaltigkeitsbeauftragten und Einkäufern von Logistikdienstleistungen: Die Konkretisierung von firmenweiten Nachhaltigkeitszielen für die Logistik, fehlende Detaillierung bei den Kundenanforderungen sowie die Komplexität und Abstraktheit des Nachhaltigkeits-Begriffs. Angesichts dieser Entwicklungen erarbeitet der Lehrstuhl für Logistikmanagement der Universität St. Gallen gemeinsam mit acht Partnern –BASF, DB Schenker, Fiege (CH), Kube & Kubenz, Planzer (CH), SCA Packaging (CH), Würth Logistics (CH) und Zweifel Chips (CH) – im Rahmen der Studie «Nachhaltigkeit in der Logistik» Empfehlungen für die Operationalisierung von Nachhaltigkeit in der Ausschreibungs- und Vertragsgestaltung zwischen Verladern und Logistikdienstleistern.

Ziel ist es, ökonomische, ökologische und soziale Massnahmen sowie dazu passende Leistungsindikatoren zu identifizieren und konkrete Gestaltungsempfehlungen zu unternehmensübergreifend sinnvollen Informations-, Kontroll- und Anreizmechanismen abzuleiten. Es wurde schnell deutlich, dass im Auswahl- und Entscheidungsprozess die Nachhaltigkeitsleistung die Preisdebatte nicht verdrängen wird, aber der zunehmende Outsourcing-Anteil im Logistikgeschäft die Ergänzung von Nachhaltigkeitszielen und -standards in der Dienstleisterauswahl und der Vertragsgestaltung erfordert. Zudem wird der Umgang mit Nachhaltigkeit ein zusätzliches Auswahlkriterium darstellen, das bei vergleichbaren Preis-Leistungs-Angeboten entscheiden wird.

Für die konkrete Umsetzung geeigneter Kriterien im Auswahlprozesses stellen sich dabei zwei zentrale Fragen: Welche Informationen spielen bei der Bewertung der Nachhaltigkeitsleistung von Logistikunternehmen eine Rolle? Und wie können diese abgefragt werden? Dabei ist es wichtig, einen gesamthaften Eindruck über die Aktivitäten des Dienstleisters bezüglich Nachhaltigkeit zu gewinnen, um letztlich den «konformen» Logistikdienstleister auswählen zu können. Unternehmensübergreifende Informations-, Kontroll- oder Reportingsysteme zur gezielten Überwachung und Steuerung der Nachhaltigkeitsaktivitäten, welche zudem einem einheitlichen «gerechten» Standard folgen, sind heute noch nicht verfügbar.

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Die Messbarkeit im Sinne der Quantifizier- und Kontrollierbarkeit anhand von Leistungsindikatoren ist aber eine Grundvoraussetzung für ein firmenübergreifendes Reporting. Der ökonomische, ökologische und/oder soziale Mehrwert für den Verlader bestimmt dabei klar die Relevanz der jeweiligen Anforderung. Demgegenüber stehen Zielkonflikte, insbesondere bei Massnahmen, welche hohe Investitions- oder Transaktionskosten für den Logistikdienstleister verursachen wie Investitionen in alternative Antriebe.
Bezüglich Anreizmechanismen wurden unterschiedliche Aussagen gemacht: Insbesondere grosse Verlader können sich vorstellen, nachhaltige technologische Innovationen von Fall zu Fall durch spezifische Anreize zu fördern. In Frage kommen beispielsweise Prämiensysteme, längerfristige Vertragslaufzeiten oder ein gemeinsames Engagement im Nachhaltigkeitsbereich. Kleine und mittelständische Unternehmen betrachten Nachhaltigkeitskriterien im Ausschreibungsprozess und jährliche Dienstleistergespräche anhand eines erweiterten Fragenkatalogs als geeigneten Anreiz für Logistikdienstleister, sich nachhaltig zu engagieren.

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Auswahl geeigneter Massnahmen

Als wichtiges Ergebnis der Studie wird zurzeit ein Fragenkatalog entwickelt, der den beteiligten Unternehmen als Entscheidungsunterstützung zur gezielten Auswahl geeigneter Massnahmen sowie passender Leistungsindikatoren und Anreizmechanismen dienen soll. In acht Workshops wurden hierfür von Verladern und Dienstleistern relevante Themenbereiche identifiziert, Auswahlfragen definiert und individuell vor dem Hintergrund der jeweiligen Geschäftsbeziehung gewichtet. Bei der Gewichtung wurden moderierende Faktoren wie Messbarkeit, Zielkonflikte und der Mehrwert für das verladende Unternehmen berücksichtigt.

Neben der Entwicklung eines anwendungsorientierten Werkzeugs ist ein weiteres Ergebnis der Studie absehbar: Wettbewerbsfähigkeit und Gewinnerzielung sind die Grundlage des Geschäftslebens, und dies gilt trotz aller ergänzenden umwelt- und sozial motivierten Nachhaltigkeitsbestrebungen ohne Ausnahme auch für die Logistik – auf den guten Mix kommt es an. So braucht es zwar noch Vorreiter in der Logistikbranche, die über gesetzliche Vorgaben und Standards hinausgehen. Langfristig kann das hochgesteckte Ziel einer nachhaltigen Logistikbranche nur durch die intensive Zusammenarbeit von Verladern und Logistikdienstleistern erreicht werden.
 

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Logistik-Lehrstuhl

Vollständige Studie
Die vollständige Studie «Nachhaltigkeit in der Logistik – Anreizgestaltung für Logistikdienstleister» wird voraussichtlich im September 2011 vorliegen.

Forschungsplattform
Der Lehrstuhl für Logistikmanagement der Universität St. Gallen wird von Professor Wolfgang Stölzle geleitet und gilt mit seiner anwendungsorientierten Ausrichtung als führende Forschungs-, Lehr- und Weiterbildungsplattform für die Themen Supply Chain Management, Logistik, Transport und Verkehr in der Schweiz. Erforscht werden komplexe Problemstellungen der Logistik, überdies werden innovative Konzepte und Methoden erarbeitet.