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Risiko
Ermotti gegen Thiam: Zwei Wege, ein Ziel

Sergio Ermotti und Tidjane Thiam: Beide suchen in Asien ihr Heil. Bilder: Keystone / Collage: HZ

UBS und Credit Suisse stellen sich strategisch unterschiedlich auf, für beide bleibt die Entwicklung des asiatischen Marktes aber zentral. Doch die UBS hat die klar besseren Karten.

Von Patrick Herger («Schweizer Bank»)
am 24.01.2016

Die vergangenen zehn Jahre waren leid- und wechselvoll für die Schweizer Grossbanken. Die UBS musste vom Staat gerettet werden, die Credit Suisse brauchte eine Kapitalinfusion von 10 Milliarden Schweizer Franken durch neue Geldgeber aus Katar und kürzlich nochmals eine Kapitalspritze über 6 Milliarden Franken. Während die UBS mittlerweile in etwas ruhigerem Fahrwasser angelangt ist, hat es bei der Credit Suisse einige überraschende Entwicklungen gegeben. Dazu zählt die Berufung von Tidjane Thiam an die Spitze der Credit Suisse und seine Neuausrichtung der Unternehmensstrategie. Nachdem Thiams Pläne bekannt sind, wird sichtbar, dass die UBS und die CS sehr unterschiedliche Wege beschreiten.

Eine Gemeinsamkeit gibt es allerdings: Beide Banken sind deutlich kleiner geworden. Vor zehn Jahren betrug die Bilanzsumme der UBS 2,06 Billionen Franken, diejenige der Credit Suisse 1,34 Billionen. Heute hat die UBS eine Bilanzsumme von 980 Milliarden Franken, die CS von 860 Milliarden. Die addierten Bilanzsummen von UBS und CS machen damit noch das etwa 2,5-Fache des BIP aus.

Kleineres Risiko

Damit verringert sich das Risiko nicht nur für die Aktionäre, sondern auch für die Schweiz. Insbesondere die UBS hat nach dem Bail-out durch den Staat die Risiken konsequent reduziert. CEO Sergio Ermotti spricht von einer «Nahtoderfahrung» seiner Bank, und diese Erfahrung hat einschneidendere Veränderungen bewirkt, als sie die CS vorzunehmen bereit ist.

Die UBS ist auf ihrem Weg deshalb deutlich weiter als die Credit Suisse. Die Kapitalisierung gehört zu den besten im Bankensektor, die ausserbilanziellen Verpflichtungen und Risiken der UBS sind praktisch auf null zurückgefahren worden und Sergio Ermotti hat seine Bank auf eine relativ risikoarme Kernkompetenz, auf die Vermögensverwaltung, ausgerichtet.

Neue Struktur für die CS

Die ausserbilanziellen Verpflichtungen und Risiken der CS betragen immer noch 50 Prozent der Bilanzsumme, weshalb mit zusätzlichen 6 Milliarden Franken die Kapitalbasis gestärkt werden musste. Ausserdem hat CS-CEO Tidjane Thiam seiner Bank erst Ende des letzten Jahres eine neue Struktur gegeben, bei der das Investment Banking die dominante Geschäftseinheit bleiben wird. Dazu möchte Thiam Ende 2017 20 bis 30 Prozent der Schweizer Universalbank an die Börse bringen.

Der Plan wird mit der Unterbewertung der Universalbank an den Finanzmärkten begründet. Ausserdem schaffe ein Teilverkauf Preistransparenz und erlaube, mit dem erlösten Geld als Konsolidator im Schweizer Markt aufzutreten. Dennoch sorgt die Ankündigung für Irritation. Ein Teil-Spin-off könnte zu Interessenkonflikten mit dem Mutterhaus führen. Deshalb rechnen viele Experten entweder mit einer gänzlichen Abspaltung auf lange Sicht oder damit, dass die Credit Suisse die Schweizer Einheit irgendwann teurer zurückkaufen wird. Der teilweise Börsengang wäre dann nur eine ungewöhnliche und riskante Form, einen Kredit aufzunehmen.

Spin-Off des Asiengeschäfts

Überlegungen zu Teilverkäufen führen zu mehr Unsicherheit, denn bereits wird spekuliert, ob nicht bald auch ein Spin-off des Asiengeschäfts zur Debatte stehen wird. Die Aktionäre der Credit Suisse werden auch durch andere Punkte mit einer grösseren Unsicherheit konfrontiert als die Aktionäre der UBS, zum Beispiel durch die unterschiedliche Art und Weise, in der sich die Grossbanken organisieren.

Die UBS organisiert sich nach ihren vier Geschäftsbereichen: Vermögensverwaltung, Investment Banking, Retail Banking und Asset Management. Das Geschäftsmodell richtet sie allerdings klar auf einen einzigen Bereich aus. Bereits heute erwirtschaftet das Wealth Management 50 Prozent des Vorsteuergewinns. 30 Prozent kommen aus dem Investment Banking, der Rest aus den beiden anderen Geschäftsbereichen. Und weil die UBS sich als führender Vermögensverwalter positioniert, soll der Anteil des Wealth Managements weiter zunehmen.

One-Stop-Shop UBS

Die Vermögensverwaltung bedingt, dass die UBS weiterhin eine Investment-Banking-Sparte hat, denn die neuen Milliardäre aus Asien erwarten One-Stop-Shop-Lösungen, sie wollen die Bankdienstleistungen für sich als Privatperson und diejenigen für ihr Unternehmen aus einer Hand. Bei der UBS ist das Investment Banking deshalb nur eine Art Auxiliarservice für das Vermögensverwaltungsgeschäft.

Die fünf Organisationseinheiten der CS sind die Geschäftsbereiche globale Märkte, Investment Banking und Vermögensverwaltung sowie die beiden Einheiten Schweizer Universalbank und APAC (Asia Pacific). Globale Märkte ist dabei der für Finanzierungen zuständige Teil des Investment Banking, weshalb man diese beiden Einheiten als zusammengehörig betrachten darf und sie beide unter Investment Bank subsumieren kann.

Credit Suisse: Komplexere Struktur

Auch, wenn man nur vier Organisationseinheiten für die CS annimmt, hat sie eine komplexere Struktur als die UBS. Denn die CS organisiert sich nicht nach einem einheitlichen Prinzip, sondern einerseits nach Geschäftsbereichen, andererseits nach geografischen Regionen. Das erhöht die Gefahr von Kompetenz- und Interessenkonflikten und macht Doppelspurigkeiten wahrscheinlich.

Der Bereich APAC beinhaltet zum Beispiel eine integrierte Investment Bank, obwohl es die Organisationseinheit Investment Banking gibt. Das soll nicht bedeuten, dass eine solche Organisationsform per se schlecht ist, denn komplexe Umwelten können komplexe Strukturen erfordern. Der Verwaltungsaufwand und die Organisationskosten werden jedoch höher ausfallen als bei der UBS. Dies ist einer der Gründe, warum sich die CS weiter oben auf der Rendite-Risiko-Kurve positionieren muss als die UBS.

Thiams Risikolust

Dass die CS risikoaffiner bleibt als die UBS, zeigt die angestrebte Gewichtung ihrer Geschäftsbereiche. Während die UBS sich mit der Vermögensverwaltung auf einen sehr berechenbaren Kompetenzbereich fokussiert, um dort Marktführer zu sein, setzt die CS auf die simultane Beackerung unterschiedlicher Geschäftsfelder mit der Investment Bank als stärkstem Gewinntreiber. Im Jahr 2018 sollen jeweils 21 Prozent des Vorsteuergewinns aus den Geschäftsfeldern APAC und Wealth Management fliessen, 23 Prozent aus der Schweizer Universalbank und 35 Prozent aus dem Investmentbanking. Weil APAC ebenfalls Investmentbanking-Dienstleistungen anbietet, werden Letztere mehr als 40 Prozent zum Vorsteuergewinn beitragen.

Die Risiken und die Gewinnvolatilität sind im Investment Banking deutlich höher als in der Vermögensverwaltung. Die CS sagt zwar, dass sie sich innerhalb des Investment Banking auf die weniger volatilen Dienstleistungen konzentrieren möchte, trotzdem spurt sie auf einen Pfad ein, der deutlich riskanter ist als derjenige der UBS.

Lohn für das Risiko

CS-CEO Tidjane Thiam weiss, dass er seine Aktionäre für das Akzeptieren höherer Risiken entschädigen muss. Seine Zielvorgaben sind deswegen ausserordentlich ambitioniert. In den nächsten drei Jahren soll der Vorsteuergewinn im Wealth Management um 91 Prozent auf 2,1 Milliarden Franken steigen, im Investment Banking um 75 Prozent auf 3,5 Milliarden. Für den Bereich APAC und die Schweizer Bank ist eine Steigerung von etwa einem Drittel vorgesehen, auf 2,1 bzw. 2,3 Milliarden Franken. Von den erwirtschafteten kumulierten Vorsteuergewinnen über die nächsten Jahre sollen 40 Prozent an die Aktionäre ausgeschüttet werden, das sind 10 Milliarden Franken.

Wenn man annimmt, dass jedes Jahr 2 Milliarden Franken ausgeschüttet werden und Banken mit dem 30-Fachen ihrer Dividendenausschüttungen bewertet werden, implizieren Thiams Vorgaben einen Kursanstieg der CS-Aktie um 50 Prozent auf 30 Franken.

UBS: Vorsichtige Zielformulierung

Die UBS formuliert ihre Ziele deutlich vorsichtiger. Angestrebt wird für 2017 eine Rendite auf das Eigenkapital abzüglich Goodwill und anderer immaterieller Vermögenswerte (RoTE) von 15  Prozent. Für 2018 wird eine Rendite von über 15 Prozent angestrebt. Im Moment liegt sie bei 14,5 Prozent.

Die Credit Suisse begründet die hochgesteckten Ziele mit den grossen Chancen in Asien und will dort dementsprechend stark wachsen. Wegen der besonderen Ansprüche der reichen asiatischen Kunden muss die CS einen Investment-Banking-Arm haben. Dieser ist aber nicht wie bei der UBS lediglich ein Mittel, um die Vermögensverwaltung zu unterstützen, sondern soll auch in den nächsten Jahren der mit Abstand wichtigste Gewinnlieferant bleiben.

Gefährderter CS-Erfolg

Der Erfolg der CS hängt damit von zwei Dingen ab, die sich je nach Entwicklung gegenseitig verstärken oder schwächen können. Die Investmentbank muss konstant hohe Gewinne liefern, und in Asien braucht es die Akquirierung vieler reicher Kunden.

Das sind keine einfachen Aufgaben. Eine Rezession in wichtigen Märkten, höhere Zinsen oder eine Abschwächung im Fusions- und Übernahmesektor könnten dafür sorgen, dass die Investmentbank nicht die vorgesehenen Gewinne liefern kann. Und der Markt in Asien ist enorm umkämpft, wobei die UBS der stärkste Anbieter ist. Hinsichtlich der verwalteten Vermögen und der Anzahl Mitarbeiter ist sie doppelt so gross wie die CS. Diese ist in Asien die Nummer drei, hinter der Citi.

Harte Revierkämpfe

Nicht alle Experten trauen der CS daher in Asien die angestrebten Erfolge zu. Dazu werden die Revierkämpfe härter, weil neue Anbieter aus Asien, Indien und Südamerika in die vielversprechenden Märkte drängen. Ausserdem schwächt sich das Wachstum in China gerade deutlich ab, was die Nachfrage nach Bankdienstleistungen senken wird.

Die UBS ist weniger von günstigen Umständen abhängig, um erfolgreich zu sein. Das Vermögensverwaltungsgeschäft läuft auch in einem schwierigen Umfeld passabel, deswegen sind die Downside-Risiken überschaubar. Umgekehrt bietet die CS mit ihrem stärker auf Marktvolatilitäten reagierenden Geschäft auch mehr Raum für positive Überraschungen.

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