Peter Gomez, seit viereinhalb Jahren Präsident des Verwaltungsrates der Schweizer Börse (heute SIX Group, einst SWX Group), war von 1999 bis 2005 als Rektor der Universität St. Gallen hierzulande eine der treibenden Kräfte hinter der Umsetzung der Bologna-Reform.

Vor zehn Jahren prägte Gomez dazu folgenden Leitsatz: «Die Schweizer Universitäten verändern sich in den nächsten zehn Jahren so fundamental wie in den letzten 500 Jahren zusammen.» Gefragt, wie Gomez den Anfang 2001 geprägten Ausspruch Ende 2010 heute verlängern würde, antwortet er gegenüber der «Handelszeitung»: «... aber sie haben das Potenzial dieses Quantensprungs noch lange nicht ausgeschöpft.»

Neben seiner Funktion als VR-Präsident der Schweizer Börse ist Peter Gomez nach wie vor als Professor für Betriebswirtschaftslehre (seit 1990) sowie als Dean der Executive School of Management, Technology and Law ES-HSG (seit 2005) für die Universität St. Gallen tätig: «So erfahre ich die Freuden und Leiden von Bologna fast tagtäglich.»

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Der richtige Bildungsweg?

Die Bologna-Reform erachtet Gomez als den richtigen Bildungsweg für die Schweiz: «Denn sie hat unser Studiensystem international kompatibel gemacht, den Wettbewerb zwischen den Schweizer Universitäten gefördert und die Durchlässigkeit verschiedener Studienangebote ermöglicht», resümiert Gomez.

Ähnlich klingt es bei den angesprochenen Hochschulen. Jérôme Grosse, Kommunikationschef der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), erklärt stellvertretend: «Die Bologna-Reform hat es uns erlaubt, die Mobilität der Studenten zu erhöhen. Darüber hinaus hat sie die Flexibilität und die Multidisziplinarität in unsere Kurse eingeführt.»

Thomas Hildbrand, Leiter Bereich Lehre der Universität Zürich, sagt: «Auch für die Schweiz ist die Umsetzung der Zielsetzungen der Bologna-Reform in Abstimmung mit allen anderen Signatarstaaten der richtige Weg.» Mit der Unterzeichnung der Bologna-Erklärung sei 1999 ein Entwicklungsprozess zur Etablierung eines Europäischen Hochschulraums eingeleitet worden. «Diese Zielsetzung ist auch für die Schweiz von grosser Bedeutung, namentlich vor dem Hintergrund der immer globaler werdenden Wissensgesellschaft und der immensen Bedeutung von Wissen für die Schweiz. Im Verlauf des Bologna-Prozesses haben die Signatarstaaten die wesentlichen Elemente dieses Europäischen Hochschulraums konkretisiert und in gemeinsamer Diskussion weiterentwickelt. Die damit verbundene Erhöhung der Transparenz im Bildungswesen unterstützt die Vergleichbarkeit der Studienangebote und verbessert die Durchlässigkeit der Systeme, und dies fördert die Mobilität im tertiären Bildungssektor.»

Sowohl pro als auch contra

Die im Vergleich zu anderen Ländern rasche, konsequente und einheitliche Umsetzung, die Bereitstellung einer grösseren Vielfalt des Angebots und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Studierenden nun jederzeit beurteilen können, wo sie leistungsmässig stehen, erachtet Peter Gomez von der Universität St. Gallen als geglückt. Dies sei wesentlich das Verdienst der Geschlossenheit der damaligen Rektorenkonferenz (CRUS) bei der Führung des Bologna-Prozesses.

Thomas Hildbrand ergänzt: «Ende 2010 kann die erfolgreiche Einführung der zentralen strukturellen Elemente der Zielsetzungen der Bologna-Reform konstatiert werden.» Dazu zählten in erster Linie das gestufte Studiensystem, die Modularisierung mit den das Studium begleitenden Prüfungen sowie die Grundlegung eines gemeinsamen Verständnisses betreffend Qualitätssystem. «Diese Elemente sind selbstverständlich noch nicht überall in derselben Tiefe etabliert. Sie sind aber wichtige Voraussetzung für das Gelingen der nächsten Schritte.»

Noch nicht als geglückt bezeichnet Gomez das ECTS-System: «Es wird wie das Sammeln von Rabattmärkchen betrieben und verleitet die Studenten zum Auswendiglernen. Auch wird immer mehr Detailwissen kultiviert - wie übrigens auch in der Forschung. Der ganzheitliche Ansatz muss wieder gestärkt werden, beispielsweise durch integrale Schlussprüfungen und interdisziplinäre Veranstaltungen.»

Eine Zielsetzung, die laut Hildbrand von der Universität Zürich noch nicht genügend erreicht wurde, ist die Förderung der Mobilität. «Hier gilt es, vor allem noch inhaltliche Fragen der Anerkennung und Anrechnung von Studienleistungen zu lösen, die immer mehr Zeit benötigen als rein strukturelle Veränderungen.» Weiter müssten einige Optimierungen vorgenommen werden, wie etwa bei der Prüfungslast durch Optimierung der Modularisierung, bei der zielgruppenspezifischen Information oder bei der effizienteren Administration der Übergangsprozesse.

Gemäss Grosse von der EPFL gelte es, sowohl die Qualität der Kandidaten für den Master zu kräftigen als auch die Aufnahmekriterien zu stärken, beispielsweise für das Mentoring.