Der Schweizer Aussenhandel wird sich 2010 ganz sicher besser als in diesem Jahr entwickeln.» Daniel Küng, Chef der Schweizer Aussenhandelsplattform Osec, rechnet für das nächste Jahr mit einer Exportentwicklung «im deutlich positiven Bereich». «Ich persönlich gehe von einem Wachstum von 4 bis 5% aus», sagt Küng. Und sollten sich die USA, für die Schweiz der zweitwichtigste Absatzmarkt, schneller als erwartet erholen und die EU rascher Tritt fassen, dann könnte laut Küng das Exportvolumen zusätzlich wachsen.

Hoffnung nach Annus horribilis

Diese Einschätzung ist Balsam für die Exporteure, die 2009 massive Nachfrageeinbrüche verkraften mussten. Denn die Rezession war primär durch die Krise in der Finanzindustrie und der Exportwirtschaft geprägt. Das Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco, spricht von einer «einjährigen rasanten Talfahrt». Die gesamtschweizerischen Exporte dürften 2009 je nach Schätzung um 10 bis 13% zurückgehen. Oder in Zahlen ausgedrückt: Unser Land wird 2009 Waren im Wert von knapp 180 Mrd Fr. ausführen, womit der Vorjahreswert (207 Mrd Fr.) deutlich unterschritten wird.

Besonders hart getroffen hat es die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (Mem-Industrie). Die Aufträge aus dem Ausland lagen in den ersten neun Monaten im Durchschnitt um 32,4% tiefer, jene aus dem Inland um 19,5%. Die Ausfuhren lagen in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 23,4% tiefer als in der Vorjahresperiode.

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Kein Wunder, bleibt Johann N. Schneider-Ammann, Präsident der Industrievereinigung Swissmem, entsprechend vorsichtig: «Voraussagen zum heutigen Zeitpunkt sind äusserst schwierig. Wir meinen, dass unsere Industrie die Talsohle erreicht hat und dass ein Aufwärtstrend auf tiefem Niveau erwartet werden kann.» Gleichzeitig präzisiert Schneider-Ammann, dass der Aussenhandel vor allem von der deutschen Lokomotive abhänge. In Normaljahren wächst die Mem-Industrie im einstelligen Prozentbereich. «Wir sind bestenfalls in der Normalität zurück», sagt Schneider-Ammann. Genauer will er nicht werden - «wir wissen es schlichtweg nicht.»

Die vorsichtige, letztlich aber positive Grundstimmung, die ihren Niederschlag in nach oben korrigierten BIP-Zahlen für 2010 findet, gründet im raschen und entschiedenen Eingreifen der Zentralbanken und der Regierungen. Die lockere Geldpolitik und staatlichen Konjunkturprogramme nach dem extremen Einbruch des Welthandels als Folge der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers bescheren den Volkswirtschaften nun wieder positive Wachstumszahlen.

In neuen Märkten präsent

Die BRIC-Staaten werden laut Küng weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Auch wenn das Exportvolumen der Schweizer Firmen in diese Weltregionen noch gering ist, so gibt es doch eine positive Nachricht. Laut Osec erzielt die Schweiz in jenen Ländern die höchsten Exportwachstumsraten, die auch am stärksten wachsen. «So hat sich zum Beispiel der Exportanteil der BRIC-Länder an den schweizerischen Gesamtexporten in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt», rechnet Küng vor.

Schneider-Ammann relativiert: Die BRIC-Staaten machten nur einen kleinen Teil der gesamten Mem-Exporte aus. «Unser bescheidener Aufschwung findet dann statt, wenn die verschiedensten Firmen in den verschiedensten Ländern, vor allem auch in Deutschland und der EU, ihre Brötchen erkämpfen können.»

Damit der Schweizer Aussenhandel vom Aufschwung wirklich profitieren kann, ist für Schneider-Ammann der «freie und ungehinderte Zugang zu den Märkten» wichtig. «In diesem Sinne liegen die Abschlüsse von Freihandelsabkommen mit den aufstrebenden Ländern sehr in unserem vitalen Interesse». Ferner müsse der Standort Schweiz seine Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Und wie? «Das sind ein paar politische Weichenstellungen wie die Aktienrechtsreform, die Unternehmenssteuerreform, die Abzockerinitiative und deren Gegenvorschlag politisch zu klären», fordert Schneider-Ammann, «und dies rasch». Die Sicherung der Schweizer Heimbasis für die Mem-Industrie ist dem Unternehmer und FDP-Nationalrat wichtig.

Und wie steht es um die Beziehungen zum wichtigsten Handelspartner, der EU? Über 60% der Schweizer Exporte gehen in die EU, nach Deutschland allein 20%. Osec-Chef Küng bezeichnet die Beziehungen als gut. Schneider-Ammann schliesst sich diesem Urteil an, fügt aber hinzu: «Das heisst aber nicht, dass wir sorglos in die Zukunft schauen können». Der Dialog sei entscheidend, und dieser müsse gepflegt werden. «Wichtig ist, dass künftige Vereinbarungen nicht reaktiv, nicht unter Zeitdruck und schon gar nicht im Stadium der ‹Erpressung› entwickelt und geschlossen werden können.»

EU-Beitritt ist keine Frage

Die Europäer würden sich mehr und mehr den interkontinentalen Herausforderungen gegenüberstehen. Da gelte es, die hiesigen Kräfte zu bündeln. «Die Schweiz macht mit», so Schneider-Ammann, «ohne der EU beitreten zu müssen.»