Fast drei Jahre lang dauerte der Hype mit zeitgenössischer Kunst, der in London, Paris und New York mit seinen Party-Auktionen angeheizt wurde. Nun ist der überhitzte Markt dabei, sich zu normalisieren, und wandelt sich von einem Verkäufer- zu einem Käufermarkt. Zum Glück, ist man versucht zu sagen, denn es besteht die Hoffnung, dass künftig wieder die Kunst und nicht das Geld im Mittelpunkt steht.

Dass der Kunstmarkt nicht autonom, sondern mit seinen immensen Spekulationen Teil des Wirtschaftssystems ist, hat sich in den letzten drei Monaten deutlich gezeigt. Sowohl die Messen wie auch die Auktionen mit zeitgenössischer Kunst mussten teilweise starke Umsatzeinbussen verzeichnen. War bei der Kunstmarktkrise von 1990 noch die Kunst des Impressionismus und der Klassischen Moderne das Hauptopfer, ist es nun die zeitgenössische Kunst mit ihren ausser Kontrolle geratenen Preisen. Die Auktionshäuser mussten seit Oktober in London, New York und Hongkong hohe Rückgangsraten von 30 bis 50% einstecken. Allein Sotheby’s soll bei den Herbstauktionen 52 Mio Dollar an Garantiesummen verloren haben. Nach den Rekordpreisen von 2007 ist man nun wieder auf dem Preisniveau von 2005 angelangt. Rückgangsquoten von 30% waren früher normal - auch in guten Kunstmarktperioden. Nur ein überhitzter Markt nimmt alles mit.

Diversifikation ist angesagt

Der Markt für zeitgenössische Kunst hatte in den letzten Jahren alle anderen Sammelgebiete aus den Schlagzeilen verdrängt. Wie riskant die Konzentration auf wenige Sparten ist, musste jedoch das drittgrösste internationale Auktionshaus Phillips de Pury & Company erfahren: Zeitgenössische Kunst, Design, Schmuck und Multiples erwiesen sich als zu enges Segment; im Oktober musste das Auktionshaus an den russischen Luxusgüter-Importeur Mercury-Group verkauft werden. Die Überlebensstrategie vieler lautet deshalb: Hohe Qualität, breit gefächert. Schwächelt ein Gebiet, kann es durch ein anderes aufgefangen werden.

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Die Klassische Moderne und Kunst nach 1945 wurden vom Höhenflug der Zeitgenossen zwar auch beflügelt, doch explodierten die Preise nicht in demselben Mass. Trotz Finanzkrise erweist sich dieser Sektor deshalb bisher als relativ stabil. Im November wurden in New York Rekordpreise zwischen 20 und 60 Mio Dollar für Werke von Munch, Degas und Malewitsch gezahlt. Die Käufer kamen hauptsächlich aus den USA sowie Europa. Fazit: Wenn aussergewöhnliche Werke zum Verkauf stehen, ist die Nachfrage ungebrochen. Das beweisen die 37 Mio Dollar, die bei Sotheby’s ein Tänzerinnen-Pastell von Edgar Degas erzielte - ein absolut erstaunlicher Preis für eine Papierarbeit eines Impressionisten. Der Mangel an Spitzenwerken hält die Preise hoch und verspricht auch im neuen Jahr Rekordzuschläge.

Am 30. November und 1. Dezember 2008 ging bei Christie’s in Hongkong fast die Hälfte der hochspekulativen zeitgenössischen chinesischen Kunst zurück, und viele Zuschlagpreise lagen unter den Schätzungen. Auch dies ist ein Zeichen von wiedererwachter ökonomischer Vernunft. Doch scheint bereits die nächste Spekulationswelle anzurollen: In der gleichen Auktion brachten indonesische Künstler Spitzenpreise von bis zu einer Mio Dollar, und auch indische Kunst liegt stark im Trend.

Die kauffreudigsten Sammler kommen jeweils aus dem eigenen Land, doch auch Trendsetter wie Charles Saatchi kaufen nun zeitgenössische Kunst aus Indien. Afrikanische und ozeanische Kunst wird ebenfalls stärker nachgefragt, und auch die Orientalisten sind weiterhin mit starken Preisen erfolgreich.

Die Nachfrage nach russischer Kunst - einem der grössten Wachstumsmärkte der vergangenen Jahre - hat sich abgeschwächt. Fotografie sowie Design des 20. Jhs. scheinen ebenfalls ihre Hochpreisphase hinter sich zu haben. Kein Glanzjahr hatten 2008 die Alten Meister, denn hier ist der Mangel an Spitzenwerken besonders frappant. «Sammler sehen, dass die Altmeisterkunst ihren Wert behält. Deshalb verkaufen sie nicht. Es wird den Auktionshäusern schwer fallen, gute Auktionen zusammenzubekommen», ist der Altmeisterhändler Johnny van Haeften überzeugt. Wenn aussergewöhnliche Werke auf den Markt kommen, sind noch immer genügend liquide Sammler zur Stelle.

Tod, Scheidung und Schulden

Bei den New Yorker Prestigeauktionen im November sind Christie’s und Sotheby’s noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Insgesamt lagen die Gesamtergebnisse von 666 Mio Dollar für die Abendauktionen deutlich unter der erwarteten 1 Mrd Dollar. Sammler aus dem Mittleren Osten und Russland wurden nur vereinzelt aktiv. Die nächste Bewährungsprobe stellen die Londoner Auktionen Anfang Februar dar.

Zu den Toplosen gehören bei Christie’s «Dans la Prairie» von Monet (Schätzpreis 15 Mio Pfund) und bei Sotheby’s eine «Petite danseuse de quatorze ans» von Degas (9-12 Mio Pfund). Dennoch sind die Kunstbesitzer mit Einliefern erst einmal vorsichtiger geworden. In erster Linie dürften die altbekannten drei «Ds» - Death, Divorce, Debt (Tod, Scheidung, Schulden) - dafür sorgen, dass der Markt im Fluss gehalten wird.