Ist der Schweizer Innovationsstandort tatsächlich so top, wie ihn internationale Vergleichsstudien darstellen?

Ruedi Noser: Wenn man die Statistiken konsultiert, dann sind wir beinahe überall top, ausser in zwei Bereichen. Beim Kapital, das wir pro Kopf für Start-ups aufbringen, sind wir höchstens im europäischen Mittelfeld. Und bei der Zahl neuer Arbeitsplätze, die wir in neuen Firmen aufbauen, stehen wir weit hinter den USA zurück. Wir sind zwar sehr innovativ, doch verdienen vermutlich andere mit unseren Innovationen ihr Geld.

Warum?

Noser: Ich denke, einer der entscheidensten Punkte ist, dass wir in der Schweiz viele etablierte Firmen haben, denen es gelingt, über lange Zeit sehr innovativ zu sein. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass wir anscheinend zu wenige Leute haben, die versuchen, ihre Idee in einem eigenen Unternehmen zum Erfolg zu bringen. Das liegt an unserer Risikokultur.

Welches sind die grössten Stärken des Innovationsstandorts Schweiz?

Noser: Die grösste Stärke ist unser duales Bildungssystem. Dieses bietet eine enorme Durchlässigkeit im Arbeitsmarkt. Die Schweiz ist wohl eines der wenigen Länder, wo Leistung mehr zählt als der Hochschulabschluss. Man kann es auch mit einer Berufslehre und sehr guter Leistung an die Spitze der Hierarchie schaffen. Was zum Beispiel in lateinischen Ländern praktisch unmöglich ist. Diese Durchlässigkeit führt auch dazu, dass die durchschnittliche Bildung sehr hoch und die Schweizer Industrie krisenresistenter ist.

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Welche Branchen ragen besonders heraus?

Noser: Ich denke, dass die klassische MEM- und Pharmabranche obenaus schwingen. Wobei es uns mit der Medizinaltechnik gelungen ist, beides zu kombinieren.

Wo orten Sie die grössten Schwächen?

Noser: In allen Branchen, in denen das Marketing für den Erfolg wichtiger ist als das eigentliche Produkt. Das ist auch ein Grund, warum wir in der ICT-Branche praktisch keine internationale Rolle spielen, obschon wir eine optimale Ausgangslage haben.

Wie kann die Schweiz ihren Innovationsstandort nachhaltig stärken?

Noser: Es braucht mehr Risikokapital für Start-ups - auch um ein Umfeld zu schaffen, das dazu führt, dass gute Ideen aus dem Ausland in die Schweiz kommen. Betrachtet man die Geschichte von Start-ups in den USA, dann stellt man fest, dass viele aus dem Ausland zugewandert sind, weil sie in den USA die besseren Rahmenbedinungen vorfinden als in Europa, speziell für die Finanzierung. Der Kampf um die besten Talente wird wichtiger als das Ansiedeln von Firmen. Deshalb setzen wir uns auch für den Innovationspark in Dübendorf ein. Er soll zu einem Magnet für die weltbesten Forscher und Ingenieure werden.

Was muss die Politik konkret machen?

Noser: Die Politik in der Schweiz muss mit Eingriffen in das Innovationssystem vorsichtig sein. Zur Verbesserung der finanziellen Rahmenbedingungen sollte man die Pensionskassen zwingen, bei der Start-up-Finanzierung in der Schweiz aktiver zu sein. Denn heute sind sie dies vornehmlich in den USA. Zudem sollte der Bund die Basis für einen Innovationspark schaffen und damit den Forschungsstandort Schweiz international stärken. Und im Bereich der Steuern sollte der Fiskus Fremdkapital nicht länger gegenüber Eigenkapital bevorteilen. Auch das ist eine wichtige Forderung der FDP.Die Liberalen.

Die FDP hat eine Innovationsstrategie lanciert. Was erhofft sie sich davon?

Noser: Mit unserem zwölf Forderungen wollen wir sicherstellen, dass die Schweiz auch in 20 Jahren noch zu den innovativsten Ländern der Welt gehört. Wenn uns das gelingt, sind wir in der Lage, die Probleme, die sich hier stellen, zu lösen, und unsere Kinder werden Arbeit und Wohlstand finden.

Werden diese Forderungen den nächsten Google aus einem Schweizer Labor hervorbringen?

Noser: Google ist ein Glücksfall, ein Sechser im Lotto, den man sich zwar wünscht, aber kaum kriegt. Ich wäre zufrieden, wenn es eine SAP aus der Schweiz geben würde.