PENSIONSKASSEN. Von der freien Wahl der Pensionskasse wollen Bundesrat und Parlament nichts wissen. Stattdessen wird nun die Pension Governance ausgedehnt. Ist das ein zukunftsträchtiger Weg?

Martin Janssen:

Das reicht meiner Ansicht nach nicht. Wir haben in der beruflichen Vorsorge zu viel Bürokratie und zu wenig Wettbewerb. Zum Vergleich: Stellen wir uns vor, jede Firma hätte ihre eigene Bäckerei. Das würde jedermann als absurd ansehen. Bei der 2. Säule hingegen verzichtet man freiwillig auf die Kräfte des Marktes.

Sie haben im letzten Jahr drei Modelle für eine freie oder beschränkte Kassenwahl vorgeschlagen. Würde damit die berufliche Vorsorge auf eine bessere Basis gestellt?

Janssen: Eine freie Kassenwahl führt nicht zu ungeordneten Verhältnissen wie im «Wilden Westen». Unsere Vorschläge gehen von klaren Vorgaben und Richtlinien aus. Es ist ratsam, die Reformschritte schrittweise zu vollziehen. In einer ersten Etappe, beispielsweise, müsste der Arbeitnehmer bei einem Stellenwechsel sein Kapital nicht zügeln, sondern könnte es beim ursprünglichen Arbeitgeber belassen. Allein diese kleine Freiheit würde den Wettbewerb fördern.

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Wird mit mehr Wettbewerb nicht der Solidaritätsgedanke strapaziert? Das Beispiel Krankenkassen zeigt: Niemand will die schlechten Risiken.

Janssen: Bei der beruflichen Vorsorge würde ich zwischen dem Versicherungs- und dem Sparprozess unterscheiden. Im Versicherungsteil muss der Kollektivitätsgedanke an vorderster Stelle stehen. Die Sparprozesse aber sollten nicht kollektiviert werden.

Die Verwaltungskosten der einzelnen Pensionskassen weichen stark voreinander ab. Nähern sich diese Aufwandpositionen einander an, wenn die Arbeitnehmer frei wählen können?

Janssen: Die ausgewiesenen Aufwendungen entsprechen nur in wenigen Fällen dem, was es wirklich kostet. Viele integrierte Anbieter nehmen Erträge aus dem Kapital und subventionieren damit die Verwaltung. Ein echter Kostenvergleich ist entsprechend schwierig. Aber es ist davon auszugehen, dass der Markt zu einer Annäherung der Kosten führen wird, wenn Transparenz vorgeschrieben wird.

In der Schweiz gibt es derzeit rund 3000 Pensionskassen. Weshalb sieht man keine markante Konsolidierung?

Janssen: Der Konzentrationsprozess hat sicher eingesetzt. Ich schätze, dass sich die Zahl der Vorsorgewerke um mehr als 5% pro Jahr reduziert. Die Konsolidierung kommt aber aus verschiedenen Gründen nur schleppend voran: Für viele Arbeitgeber ist die Pensionskasse ein wichtiges Lohnelement, das sie nicht aus der Hand geben möchten, obwohl eine gute Sammelstiftung ohne unnötige Planvielfalt sehr viele Freiheiten zulässt. Zudem legt eine Unternehmung ihre Vorsorgegelder oft bei der Bank an, die ihr Kredite erteilt. Und schliesslich haben wir die Intransparenz: Die meisten Leute wissen nicht genau, wie teuer die Verwaltung einer Pensionskasse wirklich ist.

Kann man davon ausgehen, dass die Gelder bei deutlich weniger Pensionskassen effizienter angelegt werden?

Janssen: Ja, grosse Pensionskassen können ihre Mittel mit einem guten Management zu besseren Konditionen anlegen. Bei unserem langjährigen Kunden, der Pensionskasse Stadt Zürich, lagen die ersten Offerten der Banken um 100 Basispunkte. Heute werden die Gelder im Schnitt für weniger als 10 Basispunkte verwaltet.

Dann sind die kleinen Pensionskassen im Nachteil?

Janssen: Nicht unbedingt, auch die Kleinen haben eine Chance, sofern sie unabhängig sind von ihrem Vermögensverwalter und sich einen guten Berater suchen.

Wie sieht es mit dem Risiko beim Asset Management aus?

Janssen: Gute Banken sind in der Lage, hochwertige Leistungen im Asset-Management zu einem tiefen Preis zu erbringen. Und viele Schweizer Banken stehen hier mit ihren Angeboten auch international in der ersten Reihe. Damit wollen diese Banken, und das ist gut so, Geld verdienen. Ist nun eine Pensionskasse bereit, die Bank mit einer Performance-abhängigen Gebühr zu entschädigen, muss man erwarten, dass die Banken im Rahmen des Zulässigen möglichst viele Risiken fahren, weil sie dann besser entschädigt werden.

Die Pensionskassen haben sich nur zögerlich in alternativen Investments, wie Hedge-Fonds oder Private Equity, engagiert. Lässt sich damit eine ansprechende Rendite erzielen?

Janssen: Zu den Risiken, die entschädigt werden, gehören diversifizierte Aktienrisiken, Commodity- und Hurrikanrisiken, Volatilitätsrisiken oder Illiquiditätsrisiken. Fremdwährungs- und Durationsrisiken gehören hingegen zu den Risiken, die im Durchschnitt nicht entschädigt werden. Der erwartete Ertrag eines risikolosen Schweizer-Franken-Obligationenportfolios ist mit anderen Worten gleich hoch wie ein gemischtes Portfolio aus Staatspapieren in Euro, Dollar und Yen. Das zweite Portfolio hat aber mehr Risiken, wenn Kapital und Zinsen am Schluss der Anlageperiode in Franken vorliegen müssen. Tätigt nun eine Pensionskasse eine Anlage in einen intransparenten HedgeFond, weiss sie nur, dass sie – typischerweise – 2% fixe Kosten und 20% Performance-abhängige Fee zahlen muss. Ob das Risiko fair entschädigt wird, weiss sie nicht.

Zahlt sich eine passive Anlagestrategie mit Indexprodukten aus?

Janssen: Bei jeder Anlagestrategie, ob passiv oder aktiv, sind Entscheide zur Asset-Allokation zu fällen. Auf Stufe Anlagestrategie komme ich nicht um aktive Entscheide herum. Die konkrete Abbildung einer Anlageklasse in einzelne Titel hingegen wird am besten und kostengünstigsten über Indexprodukte vorgenommen.

Sollten die Vorsorgegelder aus demografischen Überlegungen auch zu einem guten Teil in Schwellenländern investiert sein?

Janssen: Im ersten Schritt gilt es, den Anteil risikoloser oder risikoarmer Obligationen festzulegen. Das soll unbedingt in Franken geschehen und nicht in ausländischen Währungen. Die risikobehafteten Anlagen, typischerweise Aktien, sollen hingegen weltweit gestreut werden. Die konkreten Anteile können beispielsweise im Rahmen einer Optimierung festgelegt werden. Je nach unterliegenden Annahmen umfasst ein solches Portfolio auch Aktien in Emerging Markets im Umfang von vielleicht 3 oder 4%. Mehr als 10% würde ich selber aber nicht in diesen Märkten anlegen.

Die finanzielle Situation in der beruflichen Vorsorge hat sich seit der Vermögensvernichtung vor fünf Jahren entspannt. Trotzdem wird bemängelt, die Performance der Pensionskassen sei ungenügend.

Janssen: Man darf nicht alle Kassen über einen Leisten schlagen. Eine Vorsorgeeinrichtung mit 64-jährigen Versicherten sollte vor allem über Geldmarktpapiere mit einer Laufzeit von einem Jahr oder über Obligationen, die in einem Jahr verfallen, verfügen. Bei einem jungen Technologieunternehmen mit Leuten im Altersschnitt von 30 Jahren findet sich im Portfolio dagegen sinnvollerweise ein hoher Aktienanteil. Entsprechend lassen sich die jährlichen Erfolgsausweise kaum miteinander vergleichen. Als gravierend stufe ich hingegen den Umstand ein, dass die Pensionierten heute eine Rente auf der Basis eines Umwandlungssatzes von rund 7% mit einem impliziten Zins von gegen 5% erhalten. Das Alterskapital der Erwerbstätigen, die das gesamte Anlagerisiko tragen müssen, wird hingegen zurzeit nur mit 2,5% verzinst.

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Das heisst, der Erwerbstätige ist klar benachteiligt?

Janssen: Ja, und gleichzeitig werden die Kassen bei dieser Entwicklung laufend ausgehöhlt. Die Situation der Vorsorgewerke wird insgesamt viel zu positiv dargestellt. Die festen Verpflichtungen, dass heisst die Rentenzusagen, werden mit bis zu 5% statt 2% pro Jahr diskontiert und erscheinen so, gemessen an der garantierten Sicherheit der Renten, viel zu tief. Bei vielen Pensionskassen liegt der Deckungsgrad heute, bei einem technischen Zins von 4% pro Jahr, zwischen 100 und 110%. Setzt man einen ökonomischen korrekten Zins an, müsste der Deckungsgrad – im besten Fall – mit vielleicht 90% ausgewiesen werden. Ich kenne bedeutende Pensionskassen, die in dieser Situation mehr als 50% risikobehaftete Anlagen halten. Diese für mich unverständliche Risikobereitschaft kann dazu führen, dass eine Pensionskasse mit einem eher älteren Versichertenbestand praktisch über Nacht in eine nicht mehr sanierbare Situation geraten kann.

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Es gibt viele Reformvorschläge. Was müsste als Erstes verbessert werden?

Janssen: Nötig ist zunächst mehr Transparenz. Die Leute müssen wissen, dass sie im Alter weniger Rente erhalten werden, als sie heute erwarten.

Einzelne Vorschläge zielen darauf ab, den obligatorischen Teil der 2. Säule mit der AHV zu fusionieren und gleichzeitig das Überobligatorium vollständig zu liberalisieren.

Janssen: Obwohl Liberalisierung grundsätzlich positiv ist, bin ich bei einer Verschmelzung von BVG-Obligatorium und AHV eher skeptisch. Das Drei-Säulen-Prinzip ist eine intelligente Idee, die man beibehalten sollte.

Im Brennpunkt steht momentan auch die 3. Säule. Ist die steuerbegünstigte Säule 3a bei den tiefen Renditen überhaupt attraktiv?

Janssen: Wenn man im Alter einen viel tieferen Steuersatz hat als heute, lohnt sich das selbst bei einem Zinssatz von null. Ich finde die heutige Situation aber auch unbefriedigend. Da sparen sich viele Familien mit 5000 oder 6000 Fr. Monatslohn und zwei Kindern jeden Monat 500 Fr. quasi vom Mund ab und müssen dann 1% oder mehr Gebühren auf ihrem Vorsorgekapital bezahlen.Vielleicht würde es schon etwas nützen, wenn es eine Webseite gäbe, auf der die vielfältigen Angebote vergleichbar dargestellt würden. Ich schliesse aber nicht aus, dass eine akzeptable Situation erst dann eintritt, wenn alle Anbieter gezwungen werden, neben den eigenen Produkten auch standardisierte Lösungen mit Indexprodukten und ohne verdeckte Kosten anzubieten.

Die schlechte Rendite wird aber in jedem Fall durch den Steuervorteil aufgewogen?

Janssen: Ja, aber man kann es auch härter formulieren: Der Steuervorteil wird zu einem erheblichen Teil von den Anbietern vereinnahmt.

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