Economiesuisse verliert seinen Präsidenten und Direktor an einem Tag. Wie zerstritten ist das Führungsgremium?
Hans Hess: Es gab keinerlei Streitigkeiten innerhalb von Economiesuisse. Es gab auch keine Streitereien mit Herrn Gentinetta. Daher kann von einem Eklat keine Rede sein. Wir sind alles erwachsene Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden können.

Was bedeutet das?
Wir hatten einfach unterschiedliche Auffassungen, wie Economiesuisse aus strategischer Sicht neu auszurichten ist. Diese Frage hat letztlich dazu geführt, dass der Vorstandsausschuss zur Einsicht gelangt ist, dass wir mit dem amtierenden Direktor den notwendigen Strategiewechsel nicht vollziehen können.

Also geht Economiesuisse mit dem Rücktritt von Pascal Gentinetta zum Finanzplatz Schweiz auf Distanz.
Nein. Das hat damit nichts zu tun. Herr Gentinetta verfügt über eine hervorragende Persönlichkeit und er hat bei Economiesuisse hervorragende Arbeit geleistet. Aber vielleicht war es für Ihn nicht ganz so einfach, die Spur zu wechseln, auf welcher er sich so viele Jahre befunden hat. Wenn Sie als Direktor sechs Jahre lang mit ihrer Arbeit einen Verband auf eine bestimmte Art und Weise leiten und prägen, ist es nicht einfach, den Kurs zu wechseln und zu sagen: Ich werde jetzt bescheidener, zurückhaltender.

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In den vergangenen Monaten wurde viel über das Salär von Pascal Gentinetta debattiert. Erhält der abtretende Direktor eine Abgangsentschädigung?
Economiesuisse kennt keine Abgangsentschädigungen. Herr Gentinetta verfügt über eine sechsmonatige Kündigungsfrist.

Das bedeutet, dass er noch sechs Monate lang Lohn beziehen wird.
Das ist richtig.

Neben Rudolf Wehrli und Pascal Gentinetta hat auch Ursula Fraefel Economiesuisse stark geprägt - insbesondere bei Abstimmungskampagne und der Kommunikation. Welche Rolle wird Sie in Zukunft bei Economiesuisse spielen?
Wir verfolgen nicht das Ziel, Köpfe rollen zu lassen. Das war nie unser Ziel, auch wenn das mit dem Doppelrücktritt von Herrn Wehrli und Herrn Gentinetta auf den ersten Blick so aussehen mag.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihr während und auch nach dem Abstimmungskampf zur Abzocker-Initiative viele Fehler unterlaufen sind.
Selbstverständlich hat Frau Fraefel diese Fehler zu verantworten. Frau Fraefel ist aber eine Frau mit vielen Talenten und Charaktereigenschaften. Wenn Sie in der Lage und auch gewillt ist, die neue strategische Ausrichtung von Economiesuisse mitzutragen - insbesondere bei der Frage der Kommunikation - dann ist Frau Fraefel bei uns hochwillkommen. Wenn sie die Veränderungen nicht mittragen will, wird sie sich wahrscheinlich verändern müssen.

Nun muss sich Economiesuisse auf die Suche nach einem neuen Präsidenten und einem neuen Direktor machen. Was für einen Präsidenten braucht Economiesuisse jetzt?
Wir haben eine Findungskommission eingesetzt, welche diese Frage zu lösen hat. Vor wenigen Wochen haben wir denn auch eine Kandidatenliste erstellt, die wir jetzt bearbeiten. Gespräche mit potentiellen Kandidaten finden ebenfalls statt. Der neue Präsident muss aber bereit sein, mindestens 50 Prozent seiner Zeit und Kraft in die Arbeit bei Economiesuisse zu investieren - und dies mit einer sehr hohen Flexibilität. Darüber hinaus muss er in der Schweizer Wirtschaft gut verankert sein, damit er deren Bedürfnisse verstehen und der Politik verständlich erklären kann.

Und was muss er dann tun?
Economiesuisse vermittelte der Öffentlichkeit in der Vergangenheit einen abgehobenen Eindruck. Wir haben diese Botschaft verstanden. Wir müssen deshalb in der Tonalität und im Umgang mit der Politik und unseren Mitgliedern Veränderungen vornehmen. Wir müssen weniger reden und mehr zuhören. Inhaltlich hingegen sind wir hochkompetent. Davon bin ich überzeugt. Wir sind zuversichtlich, dass wir bis Ende August den Nachfolger von Herrn Wehrli vorstellen können. Wenn uns das nicht gelingen sollte, werden wir auf eine Interimslösung zurückgreifen, bis der neue Präsident gefunden ist.