Abendrotstimmung über dem Gaswerkareal in Bern. Auch vor dem Eingang zum Variété Broadway. Die Zuschauer sind in Prosecco-Laune. «Wir führen Sie ans Licht», lockt der kreidenweisse Prinzipal ins spärlich beleuchtete Theaterzelt, wo er wenig später zu Graf Dracula mutiert. Die Gäste sind gefügig. Wirklich an den Hals wird der Blutsauger aber nur einer Akrobatin gehen.

Fernab der Bühne ist David Schoenauers Teint sportlich braun, sein Wesen unverstellt galant. Er bittet mit Gattin Jrma Schoenauer auf die Veranda ihres stilechten Wohnwagens. Seit 18 Jahren ziehen sie mit dem Variété Broadway zwischen April und November von Bern nach Zug, Kriens, Zürich und Basel. «Wir könnten noch nicht zwölf Monate am selben Ort leben», sagt die Prinzipalin. Aber sie seien ja nicht mit Koffern, sondern mit ihrer Bleibe unterwegs. Zu Beginn waren es 21 «Wägeli», unterdessen ist der ambulante Freistaat auf über 50 Anhänger angewachsen, die von Jeeps und Traktoren gezogen werden. Man hofft jeweils auf niedrige Treibstoffpreise.

6000 wetterfeste Stammgäste zählt das Variété Broadway heute. Das Heiligste im mobilen Theaterleben ist für Jrma Schoenauer der grüne Ordner mit den Reservationen. Gerade in Zeiten der Krise scheint das Geschäft zu laufen. Schliesslich werden hier Seele, Geist und Gaumen verführt und verwöhnt. Das ganzheitliche, über vierstündige Wellness-Programm kostet 110 bis 120 Fr. pro Person.

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Organisation mit Improvisation

«Trotz zunehmender Gebühren und Vorschriften geniessen wir für ein KMU grosse Freiheiten», erklärt David Schoenauer, «wir sind Fahrende in der Unterhaltungsbranche - ein KMU auf Rädern.» Das Wohnwagenbüro ist mit Notebooks, Drucker und Internetanschluss ausgestattet. In der Slow-Food-Küche kann von Spargelquiche über Rindsroulade bis zu Schokoladenmousse alles selbst hergestellt werden. Im Kostüm-wagen fehlt keine Nadel und der Technikwagen ist für alle Notfälle bereit. Organisation ist hier ebenso wichtig wie Improvisation.

Und damit der Karren auch an den Zielorten läuft, braucht es gepflegte Kontakte zu lokalen Medien, Lieferanten, alten und neuen Gästen. Gesellige Naturen machen aus Networking ein Vergnügen. So spaziert David Schoenauer beispielsweise am Mittag zum temporären Nachbarslokal in der Dampfzentrale hinüber und bestellt «das, was in der Küche ist, aber nicht auf der Karte erscheint».

Es sei eine Herzblutgeschichte, sich in diesem alten Theater von Jacky Steel immer wieder neu zu erfinden, meint David Schoenauer. Die Idee zum aktuellen Programm «Blutsauger, Genuss-Wesen und begnadete Körper» entstand vergangenen August in Zürich beim Plaudern. Auf einmal liefen im Kopf des Direktors Bilder ab. Das eine ergab das andere. Und Jrma Schoenauer liess versuchsweise die ätherische Akrobatin Virginie an den Stelzen von Draculas Diener herumklettern. Das Resultat besticht in der Show durch schauerliche Originalität. Überhaupt: Wenn sich die Französin unter dem Theaterdach an den Gerüsten entlangschlängelt, bekommt man das Gefühl, sie sei von einer anderen Welt; lieber in der Luft als auf dem Boden.

Wie verschieden Künstler sein können, zeigt ein anderes Wesen mit Angelina-Jolie-Lippen und so langen Beinen, als könnten sie das Zelt durchspannen. Verführerisch sitzt ein weiterer Artist in einer Badewanne und spielt mit dem Wasser. «Intellekt mich alle mal», findet derweil ein Sprachakrobat zu seiner Gesprächspartnerin - einer Glühbirne. Das Durchschnittsalter der Artisten liegt bei rund 27 Jahren. Sie versprühen unverbrauchte Schönheit und scheinen als Ensembles zu harmonieren.

Seminarfähige Konfliktfähigkeit

Es gibt Betriebe, die Mitarbeiter ins Variété Broadway schicken wollen. Nicht nur des Vergnügens wegen: Hinter der Bühne sollen sie sich in Team- und Konfliktfähigkeit üben. Alle Angestellten teilen sich einen Dusche- und Toilettenwagen und spielen im Theater hautnah zusammen. Solche Seminare wären für Jrma Schoenauer aber ein Graus: «Wir wollen doch nicht unsere Seele verkaufen.» Wichtig sei, dass Unstimmigkeiten direkt angesprochen und gelöst würden. Im Variété Broadway darf sich auch kein Artist zu schade sein, notfalls am Schluss mitzuhelfen, die Tische abzuräumen.

Die Arbeitswoche der Schoen-auers dauert von Dienstag früh bis Samstag spät. Dazwischen sind sie in ihrer Ferienwohnung in Fidaz GR. Ein bisschen Abstand vom Geschehen gehört zum Programm - gerade für Fahrende.