Wie stark macht sich der konjunkturelle Abschwung bei IWC bemerkbar?

Georges Kern: Es gibt kein Unternehmen der Uhrenindustrie, das die Rezession nicht zu spüren bekommt. IWC kann sich aber besser aus der Affäre ziehen als andere Wettbewerber. Der Schaden hält sich bei uns in Grenzen.

Die Schweizer Uhrenexporte sind im Juli um 25,9% eingebrochen: Sind Ihre Verkäufe im ähnlichen Umfang zurückgegangen?

Kern: Wir schlagen uns besser. Asien entwickelt sich Gott sei Dank gut. China und die wichtigen Märkte Hongkong und Macao erweisen sich für uns als robust und entwickeln sich besser, als wir dies vor ein paar Monaten befürchtet hatten. Das hilft uns.

Dies lässt sich allerdings kaum auch für die USA sagen?

Kern: In den USA sind aufgrund der Finanzkrise bei allen Marken die Verkäufe zurückgegangen. Diesem Trend können wir uns nicht entziehen.

Wie stark ist der Markt in Europa eingebrochen?

Kern: Grossbritannien läuft noch erstaunlich gut, auch Deutschland und Frankreich halten sich relativ gut, während Spanien starke Rückschläge verzeichnet. Angesichts der konjunkturellen Lage in Europa dürfen wir zufrieden sein.

Müssen Sie die Produktionskapazitäten bei der IWC reduzieren?

Kern: Nein. Wir haben in der Boom- phase keine Überkapazitäten aufgebaut. In den guten Zeiten blieben wir vernünftig.

Ist der Abschwung gestoppt?

Kern: Die Nachricht, dass in Deutschland und Frankreich die Wirtschaft wieder wächst, und die Börsenerholung wirken sich positiv aus. Die Erwartung einer konjunkturellen Erholung auch in den USA hilft zusätzlich. Die Psychologie spielt hier eine grosse Rolle. Wenn die Kauflust im Keller ist, werden keine Luxusuhren gekauft. Jetzt hat sich die Stimmung zumindest aufgehellt. Es gibt keine katastrophalen Hiobsbotschaften mehr. Das ist für das Kaufverhalten sehr wichtig.

Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Kern: Quantifizieren möchte ich das nicht. Der Motor schnurrt wieder, jedoch mit kleinem Drehmoment. Es gibt eine Handvoll Marken, denen es besser geht. IWC gehört dazu.

Warum?

Kern: Das Kundenverhalten hat sich verändert. Der Kunde will gerade in Krisenzeiten sichere Werte. Es gibt keine Spontankäufe mehr. Banker, die mit ihrem Bonus spontan eine Uhr für 20000 oder 30000 Fr. kaufen, bleiben aus. Der Kaufentscheid dauert länger. Der Kunde sucht nach starken Marken, die für Qualität stehen. Marken wie IWC verkaufen sich besser, weil sie nicht für Protz, sondern für echte Inhalte stehen. Dazu kommt, dass wir in den letzten sieben Jahren ein gutes Image aufgebaut haben. Eine glaubwürdige Kommunikation, unsere auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Strategie und die Qualität unserer Produkte helfen uns heute.

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Die Swatch Group hat mit ihren Halbjahreszahlen die Börse positiv überrascht. Entwickelt sich IWC ähnlich gut?

Kern: Wir erhalten auf jeden Fall von unseren Händlern positive Reaktionen. Wir sind resistent, weil unsere Marke für Understatement steht und nicht für Überheblichkeit. Ebenso wie bei den Autos sind bei den Uhren derzeit Marken, die für bescheidene Eleganz stehen, stärker gefragt. Unsere Uhren kommen nicht aus Paris, nicht aus New York, sondern aus der Kleinstadt Schaffhausen. Das kommt gut an.

Welche Trends stellen Sie fest: Welche Modelle werden gerade jetzt stärker bevorzugt?

Kern: Edelmetall-Uhren mit viel Gold oder Platin sind weniger gefragt. Die Konsumenten bleiben zwar bei der Marke, kaufen aber eine günstigere Version. Was man vorher in Platin gekauft hat, kauft man heute in Stahl. Eine Uhr darf in der heutigen Zeit nicht protzig wirken. Das ist im Meeting zum Beispiel mit Geschäftspartnern kontraproduktiv.

Welche Erwartungen haben Sie für das 2. Halbjahr?

Kern: Die Händler hatten in der ersten Jahreshälfte noch die Lager abgebaut. Jetzt hoffen wir auf Besserung. Wir bleiben aber vorsichtig und sehen keinen Grund für eine Euphorie. Es gibt erste Anzeichen zumindest für eine Stabilisierung. Wir hoffen, die Krise mit ein paar blauen Flecken zu überstehen.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für die Schweizer Uhrenindustrie?

Kern: Es kann nochmals Konsolidierungen in der Branche geben. Die Produktionskapazitäten werden momentan schon angepasst. Gewinner der Krise werden jene mit einer starken Marke, viel Cashflow und wenig Schulden sein. Die Anzahl Marken wird wahrscheinlich kleiner. Schwache Marken, die keinen Inhalt haben, werden jetzt verschwinden. Wir bereiten uns auf den Aufschwung vor, indem wir in den wichtigen Märkten Asiens investieren.

Wo investieren Sie konkret?

Kern: In China und Indien. Es gibt bis ins Jahr 2020 in China 350 Mio Menschen, die in der Lage sind, Luxusuhren zu kaufen. Wir haben gerade in Hongkong eine Flagship-Boutique eröffnet. Auf rund 200 m2 zeigen wir nicht nur unsere Uhren, sondern ganze Erlebniswelten rund um unsere verschiedenen Uhrenfamilien. Ein Raum ist der Fliegerei gewidmet, ein anderer dem Segeln und der Navigation, ein weiterer dem Tauchen usw. Dazu haben wir in Zusammenarbeit mit den besten Herstellern im jeweiligen Gebiet hochwertige Accessoires wie Tauchmaterial, Lederwaren oder sogar ein Rennrad entwickelt, die es nur in dieser Flagship-Boutique zu kaufen gibt.

Planen Sie auch in anderen Ländern solch grosse IWC-Shops mit den Erlebniswelten?

Kern: Ja, das ist die Idee. Die neue Flagship-Boutique in Hongkong ist ein erster Schritt. Dieses Konzept werden wir möglicherweise auf andere Märkte ausdehnen, vielleicht auch in der Schweiz. Wobei auch Dubai und die USA für ein solches Konzept prädestiniert sind. Man muss eben gerade jetzt Mut haben, andere Wege zu gehen.

Was macht IWC anders?

Kern: Wir verfolgen konsequent eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmensstrategie. Alle unsere Gebäude in Schaffhausen sind CO2-neutral. Auch unser Marketing will nicht nur kurzfristig die Verkäufe ankurbeln, sondern sinnvolle Projekte unterstützen. Beispiele dafür sind die Plastiki-Expedition von David de Rothschild, die Forschungsarbeiten der Charles Darwin Foundation auf den Galapagos-Inseln, die Zusammenarbeit mit der Cousteau Society oder unser Engagement im Bereich Social Responsibility mit der Laureus-Stiftung für Kinder und Jugendliche. Früher hat man uns wegen unseres Engagements für Ökologie und Soziales belächelt.

Und heute?

Kern: Früher nannte man uns die Grünen aus Schaffhausen. Das hat sich geändert. Auf Ökologie und soziale Verantwortung zu setzen, ist für uns sinnvoller als für viel Geld unser Logo auf einen Formel-1-Rennwagen zu kleben. Wir sind immer noch eine stark technische und grundsolide Männermarke. Viele Marken leiden darunter, dass sie kein klares Profil haben. Ohne klares Profil hat es eine Marke doppelt schwer. Unsere Kunden kaufen nicht Produkte, weil eine bestimmte Persönlichkeit eine IWC trägt, sondern weil sie sehen, dass wir uns für sinnvolle Projekte einsetzen und als Unternehmen und Marke eine hohe Glaubwürdigkeit erschaffen haben.

Aber auch Sie arbeiten intensiv mit Hollywood-Stars.

Kern: Wir arbeiten mit Stars wie Cate Blanchett oder Jean Reno, aber auch mit dem Schriftsteller Paulo Coelho. Mit diesen Persönlichkeiten haben wir aber keine eigentlichen Werbeverträge. Die finden IWC toll. Darum sind wir Partner. Sie kommen zu uns, weil sie Spass haben mit uns und wir sie kreativ in unsere Arbeit einbinden.

Wo wollen Sie mit IWC hin?

Kern: Trotz des Wachstums der letzten Jahre hat IWC noch ein immenses Potenzial. Wir wollen IWC nachhaltig weltweit als eine absolute Top-Marke etablieren. Das dauert Jahrzehnte. Aber wir sind auf einem guten Weg, dies zu erreichen.

Wo steht IWC in zehn Jahren?

Kern: Wir werden alles daransetzen, in zehn Jahren noch besser, schöner und grösser zu sein.

Und Georges Kern ist dann noch immer CEO von IWC?

Kern: Ich würde es mir wünschen. Wir haben ein wunderbares Team. CEO von IWC zu sein ist ein Traumjob.

Aber es gäbe für Sie vielleicht noch einen schöneren Job: Wollen Sie nicht Nachfolger von Norbert Platt als CEO von Richemont werden?

Kern: All diese Nachfolgegerüchte sind frei erfunden. Zu diesen Spekulationen möchte ich mich auch nicht weiter äussern. Ich fühle mich sehr wohl beim «Maison» IWC. Wir haben noch sehr viel zu tun.