Avenir Suisse hat soeben einen Vorstoss zur Stärkung der AHV lanciert und will das Rentenalter schrittchenweise an die Lebenserwartung der Pensionierten anpassen. Wann würden Sie nach dieser Formel pensioniert?

Thomas Held: Bei mir wäre der Unterschied aufgrund meines fortgeschrittenen Alters sehr klein. Ich würde statt im März im Juni 2011 zum ersten Mal eine AHV-Rente erhalten. Je weiter aber jemand noch vom Rentenalter entfernt ist, desto grösser werden die Schrittchen, um die sein Arbeitsleben verlängert würde. Die Idee hinter unserem Konzept ist, dass diese Verzögerung der Pension aus subjektiver Sicht und im Vergleich mit den Vorjahrgängen nur geringfügig ausfällt. Wenn also ein 30-Jähriger erfährt, dass er mit 68 statt 65 in Rente geht, dürfte ihn das zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum in seiner Lebensqualität beeinträchtigen. Ich hoffe zumindest, dass sich die jungen Berufsleute in der Schweiz heute nicht primär mit ihrem AHV-Alter auseinandersetzen.

Der Vorstoss soll also keine zu grosse Empörungswelle auslösen?

Held: Das Thema AHV wird seit dem Vorstoss von Pascal Couchepin tabuisiert. Primär möchten wir den dringenden Handlungsbedarf darlegen, um das System vor dem drohenden Kollaps zu bewahren. Unsere Idee einer sanften oder eben schrittchenweisen Erhöhung, die sich an der Lebenserwartung des jeweiligen Jahrgangs orientiert, wurde von vielen Seiten interessiert aufgenommen und als praktischer Ansatz bezeichnet. Die Alternative wären nämlich AHV-Beitrags- oder Mehrwertsteuererhöhungen, was auch sofort empörte Gegenreaktionen und letztlich eine Blockade auslösen würde.

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Avenir Suisse macht es also besser als Bundesrat Couchepin, der mit seinem Vorstoss «Rentenalter 67» vor sechs Jahren genau solche Gegenreaktionen und eine Blockade provozierte.

Held: Obschon die damaligen Vorschläge vom Bundesamt für Sozialversicherungen unter Herrn Couchepin im Grunde richtig und auch gut begründet waren, sind bei der Kommunikation wahrscheinlich Fehler passiert, die für das Scheitern wesentlich mitverantwortlich waren. Ich bin optimistisch, dass wir mit unserem Vorstoss die öffentliche Diskussion des AHV-Problems wieder in Gang bringen können.

Begnügt sich Avenir Suisse damit, die Diskussion wieder anzustossen?

Held: Nein, auf keinen Fall. Wir werden die Diskussion aktiv begleiten, zum Beispiel mit der Organisation von Debatten, Tagungen oder Kongressen. Wie bei anderen Studien bereiten wir die Inhalte für verschiedene Zielgruppen redaktionell auf und halten auch oft Referate, um die Vorschläge zu erklären. Das ist eine sehr intensive Kommunikationsphase, die aber für eine bestimmte Thematik trotzdem nicht allzu lange dauern darf. Wir müssen und wollen jeweils wieder neue Themen anpacken und können die Ressourcen nicht für eine einzelne politische Debatte überstrapazieren.

Möchte Avenir Suisse auch bei einer allfälligen Umsetzung einer neuen Regelung für das AHV-Alter eine Rolle spielen?

Held: Bei der Umsetzung selbst würden wir eher in den Hintergrund treten. Dafür ist die Politik zuständig. Dabei geht es auch um Taktik und Kompromisse. In diesen Prozess können wir als unabhängiger Think Tank nicht eingreifen. Unsere Kernaufgabe ist es, wichtige Themen frühzeitig aufzugreifen, Lösungsansätze zu erarbeiten und diese in einem gewissen Sinn zu verkaufen bzw. die öffentliche Diskussion darüber anzuregen. Dabei pflegen wir natürlich enge Kontakte mit Politik, Parteien, Institutionen, Verbänden oder Verwaltungen. Wir vertreten aber nie eine interessierte Partei, sondern gehen Themenkomplexe immer aus einer übergeordneten volkswirtschaftlichen Sichtweise an.

Ihr Think Tank ist also ein Vermarkter von guten Ideen?

Held: So ist es. Wie nützlich diese Ideen im Endeffekt sind resp. was davon umgesetzt wird und zu konkreten Reformen führt, kann nur schwierig quantifiziert werden. Wenn zum Beispiel Politiker Impulse von Avenir Suisse in Vorstösse oder Gesetzesänderungen einfliessen lassen, geht es nicht um uns als Quelle oder Absender. Es ist nicht unser Ziel, zitiert zu werden. Es geht uns nicht um Markenerkennung.

Wie hoch schätzen Sie den aktuellen Wert der Marke Schweiz ein?

Held: Ich habe mit der Definition einer Marke Schweiz generell etwas Mühe. In gewissen Bereichen, etwa im Tourismus, kann ein solcher Markenwert sicher definiert werden. Ansonsten würde ich eher vom Ruf der Schweiz sprechen, etwa für den Arbeitsmarkt oder die Sicherheit. In der Wirtschaft sind es dagegen die Unternehmen, die Marken aufbauen und deren Wert steigern. Daraus einen Markenwert für das ganze Land abzuleiten, halte ich für problematisch.

Aber das UBS-Desaster hat doch der gesamten Schweiz nachhaltig geschadet.

Held: Klar verkörpert die Marke UBS den Bankenplatz und damit auch die Schweiz. Die Probleme der UBS haben so auch Auswirkungen auf die Reputation des Landes. Ob davon alle Bereiche und andere Marken betroffen sind, weiss ich nicht.

Wo treffen sich denn der Marktwert der ökonomischen Schweiz und der Ruf der politischen Schweiz?

Held: In den 1980er- und teilweise in den 1990er-Jahren waren die Berührungspunkte zwischen den beiden Bereichen viel enger. Ich habe soeben das neue Buch über den Unternehmer sowie alt FDP-Parlamentarier Ulrich Bremi gelesen. Darin kommt die frühere Vorstellung einer Art «Swiss Incorporate» gut zum Ausdruck, also die Idee, dass Behörden, Firmen und Politik gemeinsam agieren und die Marke Schweiz vertreten und fördern. Im Milizsystem, das Herr Bremi in fast idealer Weise verkörperte, besetzten Personen gleichzeitig in Politik und Wirtschaft und Verbänden wichtige Funktionen, was den Gedankenaustausch und die Abstimmung von Positionen ermöglichte.

Was hat sich seither verändert?

Held: Die Globalisierung, von der die Schweiz mit ihrer Offenheit und ihren internationalen Firmen in hohem Mass profitierte, hat gleichzeitig dieser Idee einer «Swiss Incorporate» die Basis entzogen. In den multinationalen Unternehmen in der Schweiz, sowohl in den Niederlassungen und Hauptsitzen ausländischer Unternehmen als auch bei den schweizerischen Global Players arbeiten viele Nicht-Schweizer im Management oder auch in den Verwaltungsräten, es wird englisch, spanisch und chinesisch gesprochen. Diese Welt hat - auch gesellschaftlich - mit Bern wenig zu tun. Das hat auch einen Einfluss auf unsere politischen Institutionen.

Gerade über den Bundesrat wird ja zurzeit heftig diskutiert. Was halten Sie von den Vorschlägen für eine Regierungsreform?

Held: Ich bin ziemlich skeptisch gegen-über organisatorischen Vorschlägen wie einer Verlängerung des Bundespräsidentenamtes usw. Meiner Meinung nach wäre es hilfreich, wenn man die Exekutive im Sinne einer höheren Legitimation stärken würde. Dies würde es vielleicht auch ermöglichen, die heute extreme Departementalisierung, die eigentlich der Idee der Verfassung widerspricht, zu überwinden.

Sie befürworten folglich die Volkswahl des Bundesrats?

Held: Das Thema ist mit dem Vorstoss der SVP nicht das erste Mal auf dem Tisch, sondern wurde schon von Ökonomen und Politikwissenschaftlern diskutiert. Ich persönlich befürworte die Volkswahl, weil sie die Bundesräte gegenüber Parlament und Verwaltung stärken würde.

Wie gut vertritt der aktuelle Bundesrat die Schweiz auf dem internationalen Parkett?

Held: Die Schweiz kämpft mit einem institutionellen Problem. Für eine Regierungsorganisation, wie wir sie haben, ist es sehr schwierig, gegen aussen klar die Interessen des Landes zu vertreten. Das zeigt sich vor allem in Krisensituationen, von denen wir in jüngster Zeit einige erlebt haben und die wir noch immer spüren. Ich denke aber, dass dies ein internes Problem ist, das im Ausland kaum oder gar nicht wahrgenommen wird. Die Bedeutung der Schweiz auf internationaler Ebene hat abgenommen. Diese Tendenz hat sich seit der Gründung der G20, wo die Schweiz nicht vertreten ist, weiter verstärkt.

Aufsehen über die Grenzen hinaus erregen zurzeit die umstrittenen Plakate der Anti-Minarett-Initiative. Wie schädlich sind diese für den Ruf der Schweiz?

Held: Es besteht sicher die Gefahr eines Imageverlusts im Ausland, auch bei Geschäftskunden und -partnern der Schweiz. Das war auch schon in der Vergangenheit der Fall im Zusammenhang mit Plakaten, die rassistische Tendenzen zeigten. Die traurige Ironie liegt darin, dass die Schweiz bezüglich Integration eines der weltweit fortschrittlichsten Länder ist. Viele Ausländer, die in die Schweiz kommen, sind höchst erstaunt über die Offenheit und die liberale Haltung der Schweizer gegenüber anderen Kulturen und Völkern und müssen feststellen, dass im Gegensatz zu den Vorurteilen kaum jemand diskriminiert wird.

Was nützt dies, wenn Plakate jenseits der Grenzen eine andere Botschaft vermitteln?

Held: Ich finde es schade, dass damit gegen aussen ein komplett falsches Bild vermittelt wird. Trotzdem darf der Effekt nicht überbewertet werden. Schliesslich hat das Schweizer Volk alle derartigen Vorlagen immer ganz klar verworfen, was auch im Ausland zur Kenntnis genommen wurde. Es ist auch eine Stärke der Schweiz, dass der Souverän über solche Vorlagen abstimmen kann. Ich gebe Ihnen allerdings Recht: Sollte die Minarett-Initiative angenommen werden, dann hätte die Schweiz im Ausland wirklich ein Problem.

Die Schweizer Wirtschaft schöpft ihre Stärke auch aus der Innovation. Wie kann dies nachhaltig gesichert werden?

Held: Innovationen werden fast nur von der Privatwirtschaft hervorgebracht und zum grössten Teil auch durch sie finanziert. Deshalb sollten primär die vorteilhaften Rahmenbedingungen für Unternehmen in der Schweiz zumindest gewahrt und nach Möglichkeit verbessert werden. Der Staat soll so wenig wie möglich regulieren, mit diplomatischen Aktivitäten dafür vermehrt als Türöffner für Schweizer Firmen im Ausland auftreten. Ich denke dabei nicht an die grossen Konzerne, die das nicht nötig haben, sondern an international orientierte KMU, für die noch mehr getan werden könnte. Österreich ist ein gutes Beispiel für ein entsprechendes Engagement der Diplomatie.

Was kann Avenir Suisse für eine derartige Verbesserung in der Schweiz beitragen?

Held: Auch hier können wir nur als Ideengeber auftreten, nicht als operationeller Akteur. Wir stehen den KMU nicht in beratender Form bei, sondern nehmen ihre Anliegen auf, führen Studien zu entsprechenden Themenkomplexen durch oder organisieren Tagungen und Diskussionen, die möglicherweise Impulse zu konkreten und zielführenden Massnahmen geben.