Die Papierfabrik Utzenstorf und Stahl Gerlafingen leisten Pionierarbeit. Die beiden Energie-Grossverbraucher beziehen seit Anfang der Woche einen Teil des Erdgases von einem «zuverlässigen, international bedeutenden Öl- und Gaskonzern», wie Anton Pfister, Geschäftsführer der IG Erdgas, Recherchen der «Handelszeitung» bestätigt, und nicht mehr von der Gebietsversorgerin Regio Energie Solothurn.

Den Namen des neuen Gaslieferanten will Pfister aus Geschäftsgründen ungenannt lassen. Der «Handelszeitung» aber liegt schriftlich vor, dass es sich beim Konzern um die Berner Stromversorgerin BKW FMB Energie AG handelt, die seit längerem mit gasförmiger Energie Geschäfte plant. Ihre Vorlieferantin ist Gasmulti E.ON Ruhrgas, eine Tochter der Düsseldorfer E.ON AG, die wiederum mit 20% an BKW beteiligt ist. BKW bestätigt, dass Stahl Gerlafingen und die Paperfabrik Utzenstorf zu ihrem Kundenkreis gehört.
Die Partner planen auch das kontroverse Kraftwerk in Utzenstorf. Für die Regio Energie Solothurn, die beide Gaswechsler weiterhin mehrheitlich beliefert, hat der Deal «kaum spürbare Auswirkungen», da die Zusatzenergie früher per Heizöl beigesteuert wurde. Pressesprecherin Sandra Hungerbühler unterstreicht stolz: «Dank der Regio Energie gibt es im Grossraum Solothurn bereits heute einen Strom- und Gaswettbewerb.» Gewinner seien die Kunden. Für Hungerbühler sind dabei aber «die Spielregeln wichtig».


Gasdurchleitung ist Neuland

Diese Regeln dürften aber noch zu reden geben, denn Gasdurchleitung ist Neuland. Eingefädelt hatte den Gasdeal IG-Erdgas-Chef Pfister, der seit 2006 als Geschäftsführer der Interessengemeinschaft grosser Erdgasverbraucher amtiert. Pfisters Befund: Der Industriepreis ist im Vergleich zum Ausland oftmals höher.
Roger Breu, Leiter Logistik von Stahl Gerlafingen, sagt: «Der Energiepreis ist für unsere Konzernmutter Beltrame relevant, wenn sie Investitionsentscheide für die in Europa verteilten Produktionsstandorte fällt.» Zurzeit zahle das Unternehmen in der Schweiz bis zu 30% mehr für Erdgas als an anderen Produktionsstandorten. «Wir sind in den vergangenen Jahren sogar gegenüber dem hochpreisigen Italien ins Hintertreffen geraten.» An den Energiekosten hängen am Ende die 610 Arbeitsplätze im solothurnischen Gerlafingen, sagt Breu. Seitdem das Rohrleitungsgesetz in Kraft ist, sind die gesetzlichen Voraussetzungen für einen Gasmarkt geschaffen – aber nur auf Papier. Artikel 13 besagt: «Die Unternehmung ist verpflichtet, vertraglich Transporte für Dritte zu übernehmen, wenn sie technisch möglich und wirtschaftlich zumutbar sind, und wenn der Dritte eine angemessene Gegenleistung anbietet.»
Die Realität ist oftmals kompliziert, sagt Anton Pfister: «In Tat und Wahrheit ist es bisher noch zu keiner unabhängigen Durchleitung von Erdgas gekommen.»

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Swissgas importiert

Verbraucher werden heute mit Erdgas versorgt, welches grösstenteils Swissgas importiert. Sie betreibt das Geschäft als Einkäuferin der Regionalverteilerinnen (siehe Infografik). Swissgas sowie auch die fünf Verteilerinnen sind mehrheitlich im Besitz der etwa hundert Stadt- und Regionalwerke, die das Schweizer Gasgeschäft gemeinwirtschaftlich betreiben (siehe Nachgefragt). Der Erdgas-Verband schreibt, dass «aus Kostengründen» eine vollständige Öffnung des Gasmarkts wenig sinnvoll erscheine. Für Ruedi Rohrbach von Swissgas ist es so optimal: «Unsere Organisation ist schlank und die Schweiz erreicht durch die Nachfragebündelung eine minimale Grösse, um als Grosskunde zu verhandeln. International gesehen sind wir ein kleiner Markt.»

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Nachgefragt Walter Steinmann: «Neue Player wollen Gas-Szene aufmischen»

Der Direktor des Bundesamtes für Energie, Walter Steinmann, plädiert für eine realistische Betrachtung des Gasmarktes.

Theoretisch ist der Gasmarkt in der Schweiz seit langem offen, wieso wird wenig Gebrauch davon gemacht?

Walter Steinmann: Die meisten Gaskunden sind stärker an der Versorgungssicherheit als an einer Marktöffnung interessiert. Erst in den vergangenen Jahren sind erste Durchleitungsanfragen eingetroffen: Einige wenige Grossverbraucher aus der Papier-, Bau- und Stahlindustrie haben ein Volumen, mit dem sie auf dem Markt effektiv eine wirksame Nachfrageposition aufbauen können. Und jetzt kommen neue Player, die mit neuen Konzepten die Gas-Szene Schweiz aufmischen wollen.

Die Durchleitungsstelle ist heute bei der Gasindustrie angesiedelt. Kann dies auch in Zukunft gelten?

Steinmann: Ja, das ist durchaus denkbar. In der Startphase ist dies sicher akzeptabel, später wird aufgrund der Erfahrungen aber die Frage einer vollständig unabhängigen Stelle zu stellen sein.

Wie kann der Gasmarkt reguliert werden?

Steinmann: Dies könnte in Anlehnung an die Regelungen im Stromversorgungsgesetz erfolgen. Auch die EU hat klare Richtlinien, denen wir bei der Ausgestaltung des Marktes längerfristig Rechnung tragen müssen.

Ein Gasmarktgesetz war lange Zeit in Diskussion. Wie geht es weiter?

Steinmann: Kurzfristig besteht seitens der Bundesbehörden keine Absicht, eine Vorlage für ein Gasmarktgesetz zu erarbeiten. Das kann sich jedoch ändern, etwa wenn sich Streitfälle beim Netzzugang Dritter häufen.