Wann denken Sie, wird diese Krise überwunden sein?

Sturm: Nicht so bald. Denn wer könnte für die Weltwirtschaft die Lokomotive sein? Die USA kaum, da sind die strukturellen Probleme noch zu gross. Am ehesten noch Asien, doch auch die Länder dort sind stark von der US-Konjunktur abhängig.

Wie sind Ihrer Ansicht nach die Aussichten für die Schweiz?

Sturm: Erst im nächsten Jahr werden wir wieder positive BIP-Wachstumsraten sehen, doch selbst diese werden das Potenzialwachstum nicht erreichen. Das heisst, die Wirtschaft wird selbst dann unterausgelastet bleiben.

Wo sehen Sie das Potenzialwachstum für die Schweiz?

Sturm: Nach wie vor zwischen 1,5 und 2%. Jetzt in der Krise denken alle, die strukturellen Probleme seien so gross, dass das Potenzialwachstum sinken muss. Aber die Erfahrung zeigt, dass es meist weniger schlimm kommt als befürchtet.

Wann glauben Sie, wird die Schweizer Wirtschaft wieder entsprechend ihrem Potenzial wachsen?

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Sturm: Über das Jahr 2010 hinaus wagen wir noch keine Prognose. Im Herbst 2009 werden wir eine Prognose machen, die bis 2011 reicht.

Bisher blieb der Konsum in der Schweiz noch stabil, für die meisten Leute ist die Krise vorerst vor allem ein Medienereignis.

Sturm: Bisher wirkte der Konsum stabilisierend. Wenn die Arbeitslosigkeit wie erwartet deutlich zunimmt, wird der Konsum aber auch leiden. Unsere eigenen Umfragen und die Detailhandelsstatistiken mahnen jedenfalls zur Vorsicht.

Die Krise geht von einbrechenden Exporten aus. Wann wird auch die Binnenwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen?

Sturm: Wir sind mitten in diesem Prozess drin. Zwischen den sehr pessimistischen Erwartungen bei den im Inland produzierenden Unternehmen und der bei diesen noch relativ stabilen Lage klafft momentan noch eine grosse Lücke. Die Lage wird sich aber leider entsprechend den düsteren Erwartungen tatsächlich verschlechtern.

Wo gibt es positive Signale?

Sturm: Solche sind nicht einfach zu erkennen. Doch selbst beim Eintreffen des schlimmsten erwartbaren Rezessionsszenarios bis Ende Jahr werden wir noch ein Bruttoinlandprodukt produzieren, das dem von 2006 entsprach. Damals ging es uns immerhin ziemlich gut.

Noch selten lagen Ökonomen mit ihren Prognosen so stark daneben wie während der aktuellen Krise. Was taugen ihre klassischen Prognosemodelle noch?

Sturm: Aus ökonomischer Sicht leben wir seit September in einer neuen Welt. Unsere Prognosen fussen auf vergangenheitsbasierten Modellen, mit denen wir versuchen, das wahrscheinlichste Szenario herauszukristallisieren. Damit ist eine Prognose immer schwierig, wenn wir Neuland betreten. Das, was wir in den vergangenen ein bis zwei Jahren gesehen haben, ist eine Aneinanderreihung von unwahrscheinlichen Szenarien, wofür es keine Erfahrungswerte gab.

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Welche Alternativen gibt es?

Sturm: Das ist schwierig. Alternativ kann nur noch auf theoretische Konzepte zurückgegriffen werden. Es gibt aber sehr unterschiedliche Theorien.

Wenn man Auseinandersetzungen unter den Ökonomen verfolgt, entsteht tatsächlich der Eindruck eines grösseren Streits. Wie beurteilen Sie das?

Sturm: Einig sind sich die meisten Ökonomen einzig darüber, dass der Finanzmarkt die Wurzel dieser Wirtschaftskrise ist. Zur Diskussion Anlass gibt dagegen eine der Grundannahmen der modernen ökonomischen Theorie: Die Annahme stets effizienter Märkte. Wir Ökonomen müssen also in diesem Bereich einige Standardannahmen überdenken. Die Lehrbücher müssen umgeschrieben werden.

Was kann die Ökonomenzunft aus der aktuellen Krise lernen?

Sturm: Vieles. Unter anderem, dass viele ältere Theorien gar nicht so falsch waren. Wer glaubte, Märkte seien immer effizient, hat in der gewaltigen Zunahme der Liquidität, die letztlich der Krise zugrunde liegt, kein Problem gesehen. Zudem ist bei der Regulierung ein Umdenken nötig: Die Systemrisiken müssen stärker in den Fokus genommen werden.

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Kommen wir zur Konjunkturpolitik. Das wichtigste Instrument sind die Kurzfristzinsen der Nationalbank (SNB). Diese Zinsen sind praktisch bei null.

Sturm: Die konventionelle Geldpolitik ist damit am Ende. Immerhin hat die SNB schnell auf die Krise reagiert, schneller als die Europäische Zentralbank EZB. Die Leute bei der SNB sind kluge Köpfe, sie haben sich schon bisher als sehr erfinderisch darin erwiesen, einerseits den Bankenplatz zu sichern und anderseits die Kurzfristzinsen zwischen den Banken - gemessen am Libor - auf das gewünschte tiefe Niveau zu senken. Sie haben vieles gemacht, das ich zuvor nicht für möglich gehalten habe. Dennoch: Der Normalzustand ist noch nicht wiederhergestellt.

Viele Leute sind wegen der ungebremsten Geldversorgung der Banken durch die SNB bereits wegen einer möglichen grossen Inflation besorgt.

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Sturm: Im Moment ist die Sorge nicht die Inflation, eher das Gegenteil, eine Deflation. Tatsächlich wächst auch nicht die Geldmenge, sondern deren Zusammensetzung ändert sich. Damit die wirtschaftlich relevante Geldmenge zunimmt, müsste die Geldschöpfung der Banken über Kredite zunehmen. Insbesondere für eine Zunahme der Kreditvergabe zwischen den Banken fehlt das Vertrauen immer noch. Die Geldmenge, die die Nationalbank den Banken zur Verfügung stellt, wird somit wieder bei der Nationalbank gelagert. Folglich hat die Umlaufgeschwindigkeit von Geld merklich abgenommen.

Wenn das Finanzsystem allerdings wieder normal funktioniert ?

Sturm: Dann muss die Nationalbank schnell auf die Bremse treten, um Inflation zu verhindern. Doch es ist ihr gelungen, die Banken sehr schnell mit Geld zu versorgen, daher bin ich auch zuversichtlich, dass es ihr in kürzester Zeit - innerhalb weniger Wochen - gelingen wird, dem System auch wieder Geld zu entziehen.

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Zur Konjunkturankurbelung verbleibt momentan also nur die Fiskalpolitik: Auch in der Schweiz setzt man jetzt auf ansonsten verschmähte staatliche Anschubprogramme.

Sturm: Ich bin normalerweise kein Anhänger dieser Art von Konjunkturpolitik. Doch jetzt gibt es dazu keine Alternative. Man darf aber von den getroffenen Massnahmen auch nicht zu viel erwarten, sie können die Lage nur lindern, die fehlende Auslastung aber nicht beheben. Ausserdem sprechen wir meistens nur vom Bund, doch zwei Drittel der Staatsausgaben werden von den Kantonen und den Gemeinden getätigt. Hier besteht die grosse Gefahr - wie sich bei einigen Kantonen bereits gezeigt hat -, dass diese jetzt sparen und die Krise damit noch verschlimmern.

Bereits ist laut Bundesrätin Doris Leuthard ein drittes Konjunkturprogramm in Vorbereitung. Im Juni soll darüber entscheiden werden. Was kann ein solches noch bewirken?

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Sturm: Um die Potenziallücke wirklich durch staatliche Nachfrage zu füllen, müsste viel mehr investiert werden. Doch schon mit den beiden bisherigen Paketen hat man die Investitionsmöglichkeiten praktisch ausgeschöpft.

Welchen Kriterien müssen denn die Ausgabenprogramme genügen?

Sturm: Es sollte nur in Projekte investiert werden, die auch einen nachhaltigen Nutzen stiften - es macht keinen Sinn, Löcher zu graben, um sie dann wieder aufzufüllen, sie müssen rasch umsetzbar sein, sozusagen in der Schublade schon bereitliegen -, und die Ausgaben sollten einmalig und zeitlich beschränkt sein, damit daraus im Politsystem keine künftigen Ansprüche abgeleitet werden. Nach diesen Kriterien liegen über die geplanten Ausgaben hinaus wohl kaum verfügbare Projekte vor.

Mit den Programmen wird in den Bau investiert. Doch der Bauindustrie geht es verhältnismässig gut. Unsere Probleme stammen vom einbrechenden Export.

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Sturm: Stimmt. Doch den Export können wir nicht mit Konjunkturpaketen beeinflussen. Allerdings zeigt auch der Bau bereits erste Schwächen. Ausserdem bleibt bei Investitionen hier ein grosser Teil der Anschubwirkung auf die inländische Produktion beschränkt, was politisch erwünscht ist.

Dass bei Konjunkturpaketen in der offenen Schweiz ein verhältnismässig grosser Teil der Wirkung durch Mehrimporte verpufft, ist eine generelle Kritik an diesen Massnahmen.

Sturm: Hier ist die Optik zu eng. Wenn Deutschland Opel hilft, nützt das auch der Schweizer Wirtschaft. Wir profitieren generell mehr von den Konjunkturpaketen der Länder um uns herum, als diese durch unsere profitieren. Wenn jeder auf den anderen hofft, um davon zu profitieren, tut keiner etwas. Dann leiden alle.

Viele Leute sorgen sich schon jetzt, dass durch die zunehmenden Staatsausgaben die Staatsverschuldung wieder bedrohlich zunimmt.

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Sturm: Wir sind nicht Island. Selbst wenn die Verschuldung auf 50% des BIP steigt, stehen wir international noch gut da. Die Schulden werden durch die automatischen Stabilisatoren in der Folge der Krise ohnehin zunehmen: Wegen einbrechender Steuereinnahmen und ansteigender Sozialausgaben.

Mit einem weiteren Konjunkturpaket wird möglicherweise die Schuldenbremse ausgehebelt.

Sturm: Nein, dann versteht man diese falsch. Über die vergangenen guten Jahre wurden hier Reserven von 8,8 Mrd Fr. durch geringere als geplante Ausgaben aufgebaut, die jetzt für die Krise verwendet werden können. Nochmals: Das Problem liegt weniger im Mangel an verfügbaren Mitteln als in jenem an vernünftigen verfügbaren Projekten.