Alice Cui gehört zu einem kleinen Team, das an einem für die Region unterkühlten Februartag auf dem Campus der Hong Kong University neugierige potenzielle Studenten über Angebote der Wirtschaftsfakultät und das tägliche Treiben auf dem Gelände der grössten Uni der fernöstlichen Finanz- und Handelsmetropole informiert. Es ist Info-Tag für junge Interessenten aus der nördlichen chinesischen Nachbarschaft. «Die meisten, die zu unserem Stand kommen, sind an einem Job in der Finanzwirtschaft interessiert», lässt sie wissen. Wie sie selbst. Vor drei Jahren kam sie von Nantong in der Provinz Jiangsu nach Hongkong, und sie hat es nicht bereut. Bei der Deutschen Bank steigt sie nach Semesterende ein. «Ich hatte Glück», findet sie und hofft auf internationale Erfahrung in Europa und, warum nicht, Amerika. Ein ganz wesentlicher Grund für ihren Zuschlag aber war der ausgezeichnete Ruf der Frankfurter Gruppe in den fernöstlichen Landen. Cui: «Vor allem für Debütanten ist Reputation von enormer Bedeutung. Alle hier wissen das.»

Unterschiedliche Vorlieben

Nicht nur in Asien-Pazifik, wie die auf Corporate Communication spezialisierte Gruppe Hill Knowlton herausfand. Sie leuchtete Prioritäten junger MBA-Absolventen weltweit aus. «Für die Unternehmen ist es heute noch wichtiger zu wissen, was sie interessiert, denn der Wettbewerb um die Besten unter ihnen spitzt sich zu, und das überall», sagt Glenn Schloss, der eine Studie mit dem Titel «Reputation and the War for Talent» für Hill-Knowlton Asia Pacific in Hongkong begleitet hat. In zwölf renommierten internationalen Business Schools wurde ausgeleuchtet, was die Newcomer mehr oder weniger interessiert, darunter an der Harvard Business School, MIT, der Columbia Business School, der HEC in Paris, der London Business School, der italienischen SDA Bocconi, der Tsinghua University in Peking und der Chinese University in Hongkong.Interessant nicht nur für Hill & Knowlton war, dass die heutige und die künftige Firmenwelt von den angehenden Managern beileibe nicht in gleicher Weise gesehen wird. Schloss: «Und das gilt neben der Reputation für die bevorzugten Industrien auch für die Regionen, die zunehmend angesteuert werden.» In Europa ist, gleich aus welchen Gründen, Consulting wesentlich populärer als in fernöstlichen Landen. Dort fasziniert wie im Fall Alice Cui die Finanzwirtschaft. Dann erst folgen Consulting, Pharma/Healthcare, Manufacturing und Telekom.Die Europäer interessieren sich nach Consulting mehr für Finanzen, die Konsumgüterindustrie, Energy und Technologie. Das fertigende Gewerbe ist weit weniger beliebt als in den Kreisen der fernöstlichen MBA-Starter. Deren Kommilitonen an US Schulen liegen zwischen beiden Gruppen. Wie in Asien liegt die Finanzwirtschaft auf der Prioritätenliste vorn, gefolgt von Consulting, allerdings weniger ausgeprägt als in Europa, dann Technologie, Einzelhandel und Immobilien.

Gegensteuer geben

Auch in der Arena der Aversionen scheiden sich die Geister. Die Europäer wollen nichts wissen von Unternehmen der Wehr- und Transportwirtschaft. Ungünstig schneiden in ihren Augen auch die Immobilien, der Einzelhandel und das produzierende Gewerbe ab. Die Amerikaner mögen ebenfalls die Wehrwirtschaft, die Produktion und hier vor allem die Automobilindustrie nicht. Hinter der Wehrwirtschaft rangiert auf der No-Liste der fernöstlichen Studenten auf dem Sprung Medien/Entertainment, für die sich deutlich mehr Amerikaner interessieren, sowie Energie und ebenfalls die Automobilindustrie.«Die vielen negativen Storys über Verkehrsprobleme in den dortigen Städten und auch den rauen Wettbewerb spielen da sicher mit», vermutet Schloss. Überall ernten Unternehmen in Alkohol-, Tabak- und auch in der Chemieindustrie schlechte Noten. «Überzeugen, dort einzusteigen, ist ein Problem», stimmt Ivo Hahn zu. Er ist Schweizer CEO der Personal-Consulting-Gruppe StantonChase Asia Pacific in Hongkong. Betroffenen Firmen empfiehlt er, die Attraktivität mit aufgerüsteten Angeboten auf den Territorien internationale Erfahrung und Gehalt zu verbessern. Ivo Hahn: «Es kann gegengesteuert werden.»Der strahlende Firmenname ist absolutes Top im globalen MBA-Lager, aber auch hier gibt es Unterschiede darüber, was das genau bedeutet. Umwelt und Social Responsibility heisst das vor allem in fernöstlichen Landen, gefolgt von Aufstiegschancen, Markenname und Qualität. Der Markenname zählt in Europa am meisten, anschliessend berufliche Chancen und Umwelt/Social Responsibility. Jenseits des Atlantiks wird Reputation viel mehr mit Karrierechancen gleichgesetzt. Unternehmenskultur, finanzielle Leistung und Umwelt/soziale Verantwortlichkeit folgen.
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Attraktive Schweizer Jobs

Wo wollen die Newcomer einsteigen und vorankommen? Geografische Mobilität und Interessen sind ebenfalls nicht im gleichen Boot. Am reiselustigsten, und das mit Abstand, sind die Europäer. Weniger die Amerikaner, noch weniger fernöstliche Absolventen. Wenn sie umziehen, dann vor allem in Richtung Nordamerika oder Europa.Europäische und amerikanische MBA-Starter sehen das nicht viel anders. Wie steht es mit dem Mittleren Osten, Afrika oder Lateinamerika? Alice Cui hebt abwehrend die Hände und spricht für die gesamte junge MBA-Gemeinde. Asien ist für die Amerikaner eine akzeptable Option, ebenfalls, wenn auch weniger, für Europäer. Unter dem Strich bringt das eine beachtliche Attraktivität für Akteure der Finanzwirtschaft in Europa, so auch in der Schweiz.

 

NACHGEFRAGT
«Unser Horizont der Talentsuche wird breiter»

Fidelis Götz, Chef der Internationalen Geschäfte, Bank Sarasin, Hongkong.

Spüren Sie den «War for Talents»?

Fidelis Götz: Private Banking ist hochgradig People Business. Um erfolgreich zu sein, brauchen wir erstklassige Leute, die die Interaktion mit unseren Kunden und den Finanzmärkten meistern. Sind sie leicht zu finden? Sicher nicht. Nimmt die Konkurrenz zu? Unbestreitbar.

Wie sieht das Profil der MBA-Starter aus, die die Bank Sarasin sucht?

Götz: Das definiert weitgehend der Bedarf unserer Klienten. Wir expandieren derzeit unter anderem in aufsteigenden jungen Industrieländern. Dort sind wohlhabende Leute, die an einem Service wie dem unsrigen interessiert sind, häufig junge, erfolgreiche Unternehmer der unterschiedlichsten Branchen. Nicht wenige sind auf internationalen Märkten aktiv. Indische Geschäftsleute zum Beispiel, die in Mumbai, Singapur, Hongkong und Schanghai managen. Unser Service folgt dem mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit weitgehend holistischen Kenntnissen, die auf dem globalen Parkett zuhause sind. Als Investorin sind wir auf dem Feld umweltfreundlicher Technologien und alternativer Energien tätig. Solches Know-how interessiert uns ebenfalls.

Ist das ein Branchentrend, holistisches, globales Profil?

Götz: Sehr wahrscheinlich. Eben weil wir uns zunehmend auch ausserhalb unserer traditionellen Märkte engagieren.

Welche Business Schools stehen oben auf Sarasins Prioritätenliste?

Götz: Die besten in der jeweiligen Region, in der wir zulegen. Hier in der Schweiz Schulen wie die Universität St. Gallen.

Wird wegen der wachsenden Talent-Enge sowie der sich ändernden Wünsche Ihrer Klienten auch Sarasins Suche nach neuen Teammitgliedern globaler?

Götz: Durchaus. Unser Horizont der Talentsuche wird breiter, wie unser Geschäft.

 

NACHGEFRAGT
«Wir wollen einer der ersten Hubs werden»

Michael Suen, Bildungsminister Hongkong.

Banken, Versicherungen und andere Unternehmen im Fernen Osten berichten über zunehmende Probleme, junge Talente mit soliden finanzwirtschaftlichen Kenntnissen zu finden. Warum?

Michael Suen: Zum guten Teil hat der Personalmangel mit dem enormen wirtschaftlichen Wachstum in der Region, vor allem in China, zu tun. Seit mehreren Jahrzehnten sind das jährlich um die 10%, und die Finanzbranche wächst schneller als die Wirtschaft im Durchschnitt. Hinzu kommt, dass es in China an guten Ausbildungsstätten für MBA und ähnliche Bildungsgänge fehlt. Wir versuchen gemeinsam mit Hochschulen in China, Europa und Nordamerika gegenzusteuern.

London managt ein Programm «London ? City of Learning», um langfristig zu sichern, dass der Finanzplatz auf ausreichend gute junge Leute zugreifen kann. Ist das ein Modell für den Finanzplatz Hongkong?

Suen: Auf jeden Fall sieht das interessant aus. Vor allem der Versuch, die Hochschulen mit den dortigen finanzwirtschaftlichen Akteuren zusammenzubringen.

Die Swiss Re managt bereits in Hongkong eine regionale Bildungsstätte, die für andere Versicherungen zugänglich ist. Ist das eine Option, die Zukunft hat?

Suen: Wegen rasanter Innovationen nicht nur in der Finanzwirtschaft wird hier in der Region wie anderswo die Weiterbildung auch nach einem Hochschulabschluss immer wichtiger. Nicht nur das rasche wirtschaftliche Wachstum setzt uns unter Druck. Deshalb müssen wir zunehmend auch gemeinsam mit interessierten Unternehmen unsere Ressourcen mobilisieren. Was die Swiss Re und andere Gruppen tun, geht in die richtige Richtung, aber es muss weiter zugelegt werden. Für die Regierung hat die dynamische Entwicklung des Finanzplatzes Hongkong Priorität. Das schliesst sehr wohl die Arena einer erstklassigen Aus- und Weiterbildung ein. Unser Ziel ist es, zu einem der ersten Bildungshubs der Region zu werden.