Mit dem Bankiertag treten Sie nach zehn Jahren an der Spitze der Bankiervereinigung zurück. Was waren die wichtigsten Meilensteine, die in Erinnerung bleiben?

Urs Roth: Die Gespräche zu den bilateralen Verträgen zwischen der Schweiz und der EU kamen zu Beginn meiner Amtszeit in die entscheidende Phase. Das war für den Finanzplatz ein ganz wichtiger Schritt. Anstelle des automatischen Informationsaustausches in Steuerfragen anerkannte die EU eine Quellensteuerlösung als gleichwertiges Instrument zur Besteuerung der Zinserträge. Ein Fortschritt war auch das Abkommen über die Personenfreizügigkeit, mit dem die Banken ihr Rekrutierungsfeld auf die gesamte EU ausdehnen konnten. Dazu kamen ein Betrugsabkommen, ausgerichtet auf die indirekten Steuern, sowie ein Assoziierungsabkommen zu Schengen/Dublin. Zuletzt hat uns die Finanzkrise mit den nachfolgenden Regulierungsvorschlägen voll in Anspruch genommen. Und last, but not least beschäftigten uns auch die Übernahme von OECD 26 und die Finanzplatzstrategie 2015 mit dem Abgeltungssteuervorschlag.

Als die Angriffe vom Ausland, speziell von den USA, am grössten waren, schien die Bankiervereinigung wie paralysiert. Was sagen Sie zur Kritik, der Dachverband habe in der hitzigen Debatte um das Bankgeheimnis zu passiv agiert?

Roth: In der Öffentlichkeit hat dies einen solchen Eindruck erwecken können. Wir mussten aber in der Kommunikation gegen aussen diesen Schutz der Privatsphäre hochhalten. Das wirkte naturgemäss sehr defensiv. Im Hintergrund wurde aber sehr intensiv gearbeitet. Es galt, die Möglichkeiten zu evaluieren, wie sich das Bankgeheimnis angesichts der Finanzkrise und des veränderten globalen Umfelds aufrechterhalten lässt. Man kam zum Schluss, die Schweiz müsse den Vorbehalt zum Artikel 26 des OECD-Musterabkommens aufheben und künftig Amtshilfe bei allen Steuerdelikten gewähren. Das haben wir dem Bundesrat signalisiert, worauf die Doppelbesteuerungsabkommen mit einer grossen Anzahl von Ländern revidiert wurden. Gleichzeitig haben wir der Regierung vorgeschlagen, mit interessierten Staaten über eine Abgeltungssteuer eine weitergehende Kooperation zu suchen.

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Früher verteidigte der Bundesrat das Bankgeheimnis als «nicht verhandelbar». Hat allein der amerikanische Druck genügt, dass die Schweiz jetzt auch Amtshilfe bei Steuerhinterziehung gewährt?

Roth: Das darf man nicht nur auf den Fall der UBS in den USA beziehen. Das globale Umfeld hat sich durch die massiven Staatshilfen und die entsprechende Verschuldung in vielen Staaten grundlegend verändert. Die Steuereinnahmen sind zu einem essentiellen Faktor geworden. Sicher lässt sich nicht bestreiten, dass die unrechtmässigen Handlungen von einzelnen UBS-Mitarbeitern in den USA den moralischen Druck auf die Schweizer Banken erhöht haben.

Trotz neuen Doppelbesteuerungsabkommen drängen gewichtige EU-Staaten auf den automatischen Informationsaustausch. Kann diese Forderung mit einer Abgeltungssteuer aufgefangen werden?

Roth: Aus meiner Sicht gibt es keine offizielle Stellungnahme der EU, die Schweiz habe den automatischen Informationsaustausch zu übernehmen.

Auf den Schweizer Vorschlag gibt es bis anhin keine positiven Signale. Ist die Abgeltungssteuer eine Totgeburt?

Roth: Nein, das glaube ich nicht. Wir haben dieses Abgeltungssteuermodell ohne äusseren Druck entwickelt, um die steuerlichen Ansprüche ausgewählter Länder zu berücksichtigen. Die Arbeiten sind im Gang, und es gibt auch ermutigende Anzeichen.

Das Zinsbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und der EU ist erst ab 2013 neu verhandelbar. Kommt danach die Abgeltungssteuer?

Roth: Das lässt sich nur schwer beurteilen. Zunächst wird mit einzelnen Staaten verhandelt. Es bleibt offen, ob das Modell später auf die EU-Ebene gehoben wird. Die Mitgliedsländer der EU werden darüber entscheiden, wie es mit der Zinsbesteuerung weitergehen soll. Bisher ist noch kein politischer Entscheid gefallen. Das Abgeltungssteuermodell würde modulartig aufgebaut, wobei die Zinsbesteuerung ein Teil davon wäre.

Die Abgeltungssteuer stösst bei den Kantonalbanken und Raiffeisenkassen nicht nur auf Zustimmung. Es wird der Vorwurf laut, die Bankiervereinigung vertrete in dieser Frage allein die Interessen der Grossbanken.

Roth: Das ist verständlich. Jede Bankengruppe wacht darüber, dass auch die eigenen und nicht nur die Interessen der anderen berücksichtigt werden. Im Verwaltungsrat der Bankiervereinigung gab es bei der Entscheidfindung über die Abgeltungssteuer aber ganz klare Mehrheiten. Die Sorgen und Bedenken des Inlandsektors sind uns aber bewusst, und wir tragen dem auch Rechnung.

Was heisst das konkret?

Roth: Die Banken mit wenig ausländischer Kundschaft haben kostenmässig ein Problem. Wir sind mit der SIX-Gruppe im Gespräch, um eine Standardlösung zu schaffen, die alle Banken verwenden können. Wenn wir das gemeinschaftlich tun, ist es für ein einzelnes Geldinstitut billiger.

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist es um den vor drei Jahren lancierten «Masterplan Finanzplatz Schweiz» still geworden. Ist das Ziel, bis 2015 auf Rang drei hinter New York und London aufzurücken, noch realistisch?

Roth: Wir tragen die Vision weiter. Es ist derzeit schwer zu beurteilen, ob dies bis 2015 oder erst ein bis zwei Jahre später möglich ist. Die strategischen Überlegungen werden laufend weitergeführt. Zwar ist der Masterplan in den Boomzeiten entstanden, aber er enthält sehr viele Elemente, die diese Krise überdauern. Die Schweiz verfügt in Nischenmärkten, wie etwa dem Commodity Trade Finance oder bei der Produktion von alternativen Anlagen, bereits über eine starke Stellung, die sich ausbauen lässt.

Momentan sind aber die Banken wegen der sinkenden Margen und des verschärften Konkurrenzkampfs auf die Kostenbremse getreten. Es werden Arbeitsplätze abgebaut.

Roth: Es gab 2009 im Bankensektor insgesamt einen Stellenabbau um 2,4%. Die Beschäftigtenzahl liegt aber immer noch deutlich über 100 000.

Hält der rückläufige Trend auch im 1. Halbjahr 2010 an?

Roth: Nein, es geht wieder leicht aufwärts. In vielen Banksparten werden bereits wieder Leute eingestellt.

Mit dem Swiss Finance Institute will man global eine Spitzenposition in Forschung und Lehre erreichen. Ist dieses Projekt auf Kurs?

Roth: Ja, diese Initiative zur Stärkung der universitären Ausbildung und Forschung ist eine Erfolgsgeschichte. Wir konnten im Rahmen einer Public Private Partnership gemeinsam mit den Hochschulen und der Eidgenossenschaft genügend Mittel zusammenlegen, um damit die Finanzforschung in allen drei Landesregionen massiv auszubauen. Die Fakultät besteht aus rund 50 Forschern. Dazu kommt eines der grössten globalen Doktoranden-Programme mit gegen 100 Studenten. Auch die Executive Education wurde um eine internationale MBA-Stufe erweitert.

In Asien gewinnen Finanzplätze wie Singapur oder Schanghai rasch an Bedeutung. Was spricht für den Bankenplatz Schweiz?

Roth: Die Vermögensverwaltung ist ein Handwerk. Ein Handwerker ist begehrt, wenn er Qualitätsarbeit abliefert. Das gilt auch für unser Private Banking mit einem über Jahrzehnte aufgebauten Know-how. Die Personenfreizügigkeit sorgt für ein zusätzliches Mitarbeiterreservoir aus dem EU-Raum. Singapur hat wegen der Ressourcenknappheit in dieser Hinsicht ein Problem.

Als Nicht-EU-Mitglied wird den Schweizer Banken der Marktzugang in wichtigen Ländern erschwert. Wie kann diese Diskriminierung beseitigt werden?

Roth: Dieser Protektionismus, der im Gefolge der Finanzkrise noch zugenommen hat, erfüllt uns mit Sorge. Wir bemühen uns in Brüssel derzeit sehr aktiv, um solche Diskriminierungen gegenüber Drittländern in neuen Regulierungen der EU zu verhindern. Bei den Gesprächen zur steuerlichen Kooperation, so etwa mit Deutschland, weisen wir darauf hin, dass solche Benachteiligungen verschwinden müssen.

Unter dem Stichwort «Too big to fail» gibt es politische Forderungen, die Grossbanken müssten sich vom Investment Banking trennen.

Roth: Das würde den Finanzplatz schwächen. Glücklicherweise ist aber diese Diskussion um ein Trennbankensystem weltweit praktisch vom Tisch. Selbst in den USA will man nicht in die Zeit der Glass-Steagall-Gesetze zurück. Diese Fakten fliessen auch in die Arbeit der Schweizer Expertengruppe ein.

Spitzenbanker sprechen davon, die Schweiz sei mit ihrer Regulierung dem Ausland um zwei bis drei Jahre voraus. Ist das ein Grund, dass sich der Expertenbericht für eine stärkere Bankenregulierung verzögert?

Roth: Die genauen Gründe kenne ich nicht. Ich habe aber Verständnis dafür. Wir leben in einem globalen Umfeld, in dem sich die einheimischen Banken behaupten müssen. Die Schweiz ist keine Insel. Bis Ende 2010 soll das internationale Regelwerk finalisiert sein. Es macht wenig Sinn, wenn unser Land vorgängig Schritte unternimmt, die nicht in Übereinstimmung mit diesen neuen Vorschriften sind.

Die hektischen Zeiten innerhalb der Bankbranche sind für Sie nun vorbei. Wie möchten Sie den dritten Lebensabschnitt gestalten?

Roth: Zunächst nehme ich mir eine Auszeit. Ich reise für ein paar Monate nach Südfrankreich, um dort einem Verwandten, der ein Weingut hat, an die Hand zu gehen. Bei diesem ersten Sabbatical in meinem Leben möchte ich mir auch Klarheit verschaffen, wie ich den nächsten Lebensabschnitt gestalte.