Die Publikation des Berichts zum Subventionsskandal bei Postauto erschüttert die Post in ihren Grundfesten. Bereits am Sonntag warf Postchefin Susanne Ruoff den Bettel hin. Aufgrund der Erkenntnisse aus den Untersuchungsberichten fehle die Vertrauensbasis für eine weitere Zusammenarbeit, begründete Postpräsident Urs Schwaller den Schritt. Zugleich werden sämtliche Mitglieder der Geschäftsleitung von Postauto per sofort freigestellt.
 
Bislang verschont blieb dagegen bisher der damalige Finanzchef der Post, Pascal Koradi. Der 45-Jährige ist heute Chef der Aargauischen Kantonalbank und war von März 2012 bis April 2016 Herr der Zahlen beim gelben Riesen – jener Periode, in welche die Post mit gesetzeswidrigen Buchungen ihre Gewinne drückte, um dadurch überhöhte Subventionen vom Bund zu erhalten.

Koradi über fiktive Buchungen informiert

Die Frage ist, ob Koradi bei der AKB haltbar ist. Denn die von Schwaller heute vorgestellten Gutachten werfen ein äusserst schlechtes Licht auf den Finanzmann. Sie legen nahe, dass Koradi über die fragwürdigen Gewinnverschiebungen bei der Postauto AG bestens Bescheid wusste – und aktiv an den Tricksereien beteiligt war.  

Am 4. Juli 2013 wird Koradi – wie auch Postchefin Susanne Ruoff – ein Entwurf des Prüfungsberichts der internen Revision zugestellt. Darin heisst es, dass Buchungen vorgenommen wurden, «welche nicht dem mit dem Regulator vereinbarten Wertefluss entsprechen». Und: «Es besteht ein massgebliches Risiko, würde der Regulator von diesem Vorgehen erfahren.»

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Dreieinhalb Wochen später, am 29. Juli 2013 erkundigt sich ein Mitarbeiter, wer im Bereich «Finanzen» über die Buchungen zur Verschleierung der Gewinne bei Postauto im Bilde sei. Und erhält von einer Person aus dem Umfeld von Koradi zur Antwort: «Beim Konzern (F) ist Herr Koradi über die Korrekturbuchungen informiert.» Man habe das Risiko erkannt und Massnahmen definiert.

Kreatives Accounting

Bis 2015 kaschierte Postauto die wirklichen Gewinne, indem sie diese jeweils von der Sparte «Regionaler Personenverkehr» (RPV) in die Sparte «Übriges» umbuchte. Dabei wurden fiktive Kosten —beispielsweise nie angefallene Kosten für Pneus der Sparte RPV belastet und im Gegenzug als Ertrag unter «Übriges» ausgewiesen.

Weil dieses System von Preisüberwacher und Aufsichtsbehörden immer besser durchschaut wurde, lancierte Postauto ein Projekt, um die Gewinne «zu sichern», ohne dass damit länger fiktive Umbuchungen nötig waren. Wie das Gutachten zeigt, war Koradi bei der Ausarbeitung dieser neuen Struktur massgeblich beteiligt. Er unterbreitet der Konzernleitung unterschiedliche Varianten, mit der die tatsächlichen Gewinne von Postauto noch effizienter verschleiert werden können und arbeitet an der Ausarbeitung der neuen Struktur tatkräftig mit.

In einem E-Mail empfiehlt Koradi, in einem Dokument, das die Konzernleitung über das Vorhaben informieren soll, auf den Ausdruck «Creative Accounting» zu verzichten. «Diese Formulierung ist unglücklich gewählt und könnte dazu führen – wenn das Dokument in falsche Hände gelangt – dass die Glaubwürdigkeit und Richtigkeit der Rechnung von Postauto in Frage gestellt würde», so Koradi.

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Koradi: «Keine Kenntnis von illegalen Machenschaften»

Der heutige Banker will trotzdem nichts von den Tricksereien gewusst haben. «Ich halte aber nach wie vor fest, dass ich zu keiner Zeit Kenntnis von möglicherweise illegalen Machenschaften hatte», erklärt Koradi in einem am Montag versandten Statement. Er stehe zu allen seinen getroffenen Entscheidungen in seiner damaligen Funktion.  Zu den Ergebnissen der Untersuchungsberichte selbst will er nicht Stellung nehmen. Man habe ihm nur einzelne Passagen der Dokumente vorab gezeigt habe – und dies «in einem engen Zeitfenster».

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