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Estorel expandiert mit viel Elan

Auf dem hart umkämpften Schweizer Drogeriemarkt schlägt die Estorel-Kette einen derartforschen Expansionskurs an, dass bei sämtlichen Konkurrenten die Alarmglocken läuten.

Von Pirmin Schilliger
am 04.12.2002

Besonders traditionelle Drogerien geraten wegen der teilweisen Discountpreispolitik von Estorel in Bedrängnis.

Das Wachstum der Drogeriekette Estorel ist beeindruckend: Letzte Woche hat Geschäftsführer Hans Peter Weber den 35. Fachmarkt für Gesundheit, Schönheit und Sauberkeit in der Schweiz eröffnet. Er erwartet einen Umsatz von 53 Mio Fr. (im letzten Jahr waren es 41,6 Mio Fr. mit 23 Filialen). Seinen Appetit hat er damit aber erst zur Hälfte gestillt. «Die Schweiz wird 60 bis 70 Estorel verkraften können», schätzt er.

Begünstigt wurde das flotte Expansionstempo durch die Kooperation mit Globus zwecks Nutzung ehemaliger ABM-Standorte. Estorel befindet sich damit fast überall in bester Passantenlage. Die Kunden schätzen das Selbstbedienungskonzept und die Preisbrecherpolitik. Heilmittel der Liste D bietet Estorel zum Beispiel bis zu 25% unter dem empfohlenen Richtpreis an. Bei den Kosmetika bewegt man sich auf dem Niveau der Grossverteiler. Estorel kann beim Einkauf kräftig die Muskeln spielen lassen, gehört die Kette doch zur deutschen «Ihr Platz-Gruppe», einem Big Player. Innert fünf Jahren hat Estorel in der Schweiz 5% Marktanteil erobert. Bei Abschluss der Expansion dürften es mehr als 10% sein.

Manor zieht Nach, Coop und Epa ohne erfolg

Solcher Erfolg ruft Konkurrenten auf den Plan, wobei längst nicht alle gleiches Geschick beweisen. Coop etwa ist mit seinem Vitality-Konzept vorerst gescheitert. Leiterin Doris Schwizer räumt ein, dass sich die Sortimente in den normalen Coop-Läden, den Import-Parfümerien und den Vitality-Shops in die Quere kamen. Auch hätten die Kunden nie genau gemerkt, was sie denn in den neuen Läden erwarte. Der Mischung von Drogerie, Apotheke und Parfümerie habe es an einem klaren Profil gefehlt.

Zusammen mit Minderheitsaktionär Galenica ist Coop deshalb über die Bücher gegangen und hat das Vitality-Konzept auf reine Apotheken zusammengeschrumpft. In den letzten Monaten wurden die Shops entsprechend umgebaut. Bis 2006 sollen 20 Filialen in bestehen-den Coop Centern neu lanciert werden.

Schon gar nie richtig vom Fleck gekommen ist die Epa, die ebenfalls mit einem Shop-in-Shop-Konzept im Heilmittelbereich expandieren wollte und entsprechend grosse Töne anschlug. Das Warenhaus ist aber auf einer einzigen Apotheke in Basel sitzen geblieben, und seit man ebenfalls zum Coop-Konzern gehört, herrscht in dieser Sache Funkstille.

Auf Kurs ist hingegen Manor mit inzwischen 12 Sanovit-Drogerien, deren Zahl bis 2005 auf 20 steigen soll. Der Marketingverantwortliche Maurice Calanca sieht den Erfolg in der guten Abstimmung der Sortimente. «Es gibt keine Doppelspurigkeiten in Drogerie und Warenhaus.»

Zahl der Drogerien geht zurück

Der Aufbau einer Drogeriekette ist also gar nicht so einfach, denn der Markt wächst jährlich bloss um 2 bis 3%. Immerhin scheint er konjunkturresistenter zu sein als in anderen Branchen. Calanca erklärt es damit, dass Wellness und Wohlbefinden für viele Leute immer mehr zu einer Lebensphilosophie werden. «Dafür sind sie bereit, auch in schlechteren Zeiten Geld auszugeben.»

Als Verlierer der aktuellen Entwicklung gelten die traditionellen Drogerien. Deren Zahl ist innerhalb von zwölf Jahren von 1000 auf 840 geschwunden. Trotzdem möchte Martin Bangerter, Geschäftsführer des Schweizerischen Drogisten-Verbandes (SDV), nicht länger von einer Krise reden. Er klammert sich an Zahlen, die bei den SDV-Mitgliedern für das Jahr 2000 erstmals nach einer gründlicheren Methode erhoben wurden und um 150 Mio Fr. bessere Umsätze ergaben, bei einem nun auf 1,082 Mrd Fr. veranschlagten Total.

Was verdächtig nach einem statistischen Wunder riecht, verleitet Gregor Pfister von der IHA/IMS Health zur Folgerung, dass der durchschnittliche Umsatz pro Drogerie in den letzten Jahren markant gestiegen sei. «Der Strukturwandel war in diesem Sinne höchst erfolgreich.»

Solche Beschönigung soll darüber hinwegtäuschen, dass die Drogerien in ihrem früheren Kerngeschäft, dem Verkauf von rezeptfreien Medikamenten der Liste D, weiter Anteile verloren haben. Diese tragen bloss noch 22% zum Umsatz bei. Zwei Drittel tätigen die Drogerien inzwischen mit Artikeln für die Körper- und Gesundheitspflege sowie für die gesunde Ernährung. Da wiederum ist das Terrain nicht minder umkämpft, denn es gibt Überschneidungen mit Apotheken, Parfümerien, Reform- und Warenhäusern sowie mit den Grossverteilern.

Bangerter missfällt weiter, wie sich Estorel als Nichtverbandsmitglied auf dem Arbeitsmarkt unbekümmert Drogisten schnappt, deren Ausbildung vom SDV finanziert worden ist. Verdrängungskampf also an allen Fronten, der sich an gewissen Orten wie etwa in Solothurn dramatisch zuspitzt: Da machen Estorel und Sanovit auf engstem Raum drei alteingesessenen Drogerien das Leben schwer. Man könnte jetzt Wetten abschliessen, wer denn als Erster über die Klinge springen muss.

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