Wärmende Kleidung, die aus den Resten von Tierkadavern besteht, könnte bald Realität sein: ETH-Forschern ist es gelungen, hauchdünne Fasern aus Gelatine zu spinnen. Die Gelatine-«Wolle» ist biologisch abbaubar - aber nichts für Veganer.

Die Oberfläche der Fasern ist glatt, was ihnen einen seidigen Glanz verleiht. Der ETH-Doktorand Philipp Stössel liess das Garn aus den Fasern probeweise zu einem Handschuh stricken und stellte fest: Das Garn hat ähnlich gute isolierende Eigenschaften wie Merinowolle. Elektronenmikroskop-Bilder zeigen warum: Das Innere der Fasern ist von Hohlräumen durchzogen.

Alte Idee neu umgesetzt

Die Idee, Textilien aus Gelatine herzustellen, ist bereits über 100 Jahre alt, wie die ETH Zürich am Mittwoch mitteilte. Doch die Kunstfasern auf Erdölbasis gewannen nach dem Zweiten Weltkrieg rasch Überhand. Naturgarn hat jedoch den Vorteil, dass es biologisch abbaubar ist und aus erneuerbaren Ressourcen entsteht. Auch aus dem Milchprotein Kasein wurde bereits Garn hergestellt.

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Gelatine wird aus Kollagen gewonnen, dem Hauptbestandteil von Haut, Knochen oder Sehnen. Es fällt in Schlachthäusern in grossen Mengen als Abfall an. Stössel bemerkte beim Experimentieren, dass Gelatine mit Lösungsmittel eine Masse bildete, die sich mühelos zu Fäden ziehen liess.

Halb so dick wie menschliches Haar

Er entwickelte gemeinsam mit der Materialforschungsanstalt Empa in St. Gallen eine Methode, um die Substanz mit Spritzpumpen zu feinen Endlosfäden von nur 25 Mikrometern Durchmesser zu ziehen - ein menschliches Haar ist doppelt so dick. 200 Meter Fasern pro Minute liessen sich so produzieren, 1000 davon verzwirnte Stössel mittels einer Handspindel zu einem Garn.

Grundsätzlicher Nachteil der Gelatine aber ist, dass sie wasserlöslich ist. Durch verschiedene chemische Verarbeitungsstufen musste Stössel die Wasserfestigkeit des Garns stark verbessern und arbeitet derzeit weiter daran, die Fasern noch wasserfester zu machen.

Für Grossproduktion fehlt das Geld

Das Verfahren stellen Stössel und sein Doktorvater Wendelin Stark nun im Fachjournal «Biomacromolecules» vor. Bereits vor zwei Jahren haben sie ein Patent dafür eingereicht. Derzeit hätten sie die Kapazitätsgrenze im Labor erreicht, sagen die Forscher. Für eine grosstechnische Produktion müssten ein Industriepartner und Geld gefunden werden.

(sda/gku/ama)