Justizministerin Simonetta Sommaruga hofft, dass die Schweiz dem Vorbild der EU folgt und den Unternehmen schärfere Transparenzregeln auferlegt. Das sagte sie in einer Rede anlässlich der Feier zum 20 Jahre Jubiläum der Anlagestiftung Ethos in Bern. Die Bundesrätin begann dabei ihre Rede mit einer kleinen Provokation. «Das wertvollste Gut, das ich kenne, ist Information», zitierte sie den streitbaren Spekulanten Gordon Gekko aus den Wallstreet Filmen. Gekko, der den kurzfristigen Profit über alles stelle, sei zwar das genaue Gegenteil der Anlagestiftung, der Arbeitsbedingungen, Menschenrechte und Ökologie wichtig sei, sagte sie. Doch Gekko habe Recht. Information sei tatsächlich ein kostbares Gut. Denn nur wer über eine Sache Bescheid wisse, könne vernünftig entscheiden. Das sehe auch der Bundesrat so.

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Er habe deshalb im vergangen Herbst Vorschriften zugestimmt, die von den Rohstoffkonzernen die Offenlegung der Zahlungen an ausländische Behörden verlangen. Denn die zum Teil extrem arme Bevölkerung der rohstoffreichen Staaten erfahre damit endlich, wie viel Geld ihre Regierung mit den Bodenschätzen einnimmt. Und die Anleger dieser Unternehmen, wie gross das Reputationsrisiko ihrer Anlage ist. Neue Auskunftspflicht in der EU In diesem Zusammenhang plädierte Sommaruga für eine Erweiterung der Berichterstattungspflicht der Unternehmen auf Menschenrechte und Ökologie. In der EU seien die Mitgliedstaaten zurzeit daran, eine solche erweiterte Auskunftspflicht umzusetzen.

Schweiz kann nachziehen

Die Schweiz sei in dieser Hinsicht noch nicht so weit. Der Bundesrat habe jedoch in Aussicht gestellt, dass die Schweiz nachziehen könnte, sofern dem Standort keine Wettbewerbsnachteile entstünden, sagte Sommaruga. Sie hoffe, dass es dabei nicht bei der Absichtserklärung bleibe. «Gründe dafür, dass die Schweiz nachzieht, gibt es genug.»

Ob im Kampf gegen hohe Managerlöhne, Doppelmandate oder den Verkauf von Sika: Seit 20 Jahren engagiert sich die Anlagestiftung Ethos für sozial verantwortungsvolle Investitionen. Auch bei Multis wie Nestlé und Credit Suisse hat sich die Stiftung Gehör verschafft.

Ethos wurde im Februar 1997 zur Förderung einer nachhaltigen Anlagetätigkeit gegründet. Die Stiftung schliesst 2018 Pensionskassen und andere steuerbefreite Investitionen zusammen. Diese verwalten die Ersparnisse von über einer Million Versicherten.

Im Dienste vieler Schweizer

«Wenn man die Haushalte berücksichtigt, sind 2 Millionen Menschen - also ein Viertel der Schweizer Bevölkerung - von der Tätigkeit von Ethos betroffen», sagt Ethos-Präsident Dominique Biedermann im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Viele dürften sich dessen allerdings nicht bewusst sein, fügt er an.

Biedermann ist seit zwei Jahrzehnten das Gesicht von Ethos. Als Direktor der öffentlichen kantonalen Pensionskasse von Genf (CIA) trug er zur Gründung der Ethos Stiftung bei. Biedermann verfolgte die Idee, nach nachhaltigen Kriterien zu investieren. Doch war es damals nicht so einfach, eine Bank für diese Aufgabe zu finden.

Als Verbündeter für sein Vorhaben konnte er die private Pensionskasse für Industrie-und Bauunternehmen in Genf (CPPIC) gewinnen. Gemeinsam gründeten sie Ethos. Am Ende des ersten Geschäftsjahres zählte Ethos 25 Mitglieder-Pensionskassen und verwaltete ein Portfolio von schweizerischen und europäischen Aktien in Höhe von 270 Millionen Franken.

Warnung vor Fusion zur UBS

Bald schon übernahm die Stiftung den Auftrag, Abstimmungsempfehlungen für die Generalversammlungen auszusprechen. 1998 war Ethos unter den wenigen Aktionären, die sich einer Fusion von SBG und SBV zur UBS entgegenstellten. Sie warnte davor, die neue Bank könne ein systemisches Risiko für den schweizerischen Finanzplatz darstellen. «Damals nahm uns niemand ernst», erinnert sich Biedermann. Zehn Jahre später sollte die Geschichte Ethos Recht geben.

Im Jahr 2000 gründete Ethos die Gesellschaft Ethos Services, die Verwaltungs- und Beratungsdienstleistungen im Zusammenhang mit sozial verantwortungsbewusstem Investieren anbietet.

Allerdings begnügt sich Ethos nicht damit, Stimmrechte auszuüben - auch wenn 10 Prozent Nein-Stimmen an einer GV laut der Stiftung durchaus ein wichtiges Signal setzen. Im Ethos Engagement Pool schliessen sich Pensionskassen zusammen, die das direkte Gespräch mit grossen Unternehmen sucht. Ziel ist es, die Unternehmensführung zu verbessern und auf Umwelt- und Sozialverantwortung aufmerksam zu machen.

Erfolge bei Nestlé und Credit Suisse

Handfeste Erfolge kann die Stiftung etwa beim Lebensmittelmulti Nestlé vorweisen. 2005 erhält eine Ethos-Resolution gegen die Ämterkumulation von Nestlé-Chef und -Präsident Peter Brabeck an der GV 36 Prozent Zustimmung. In der Folge überarbeitet Nestlé seine Statuten. Ähnliche Interventionen zeitigten auch bei der Credit Suisse und der Versicherung Zurich Erfolge.

In den 20 Jahren, in denen Ethos aktiv ist, habe sich ein Bewusstsein für nachhaltiges Investieren entwickelt, bilanziert Biedermann. «Zahlreiche Investoren haben begonnen, weitere Faktoren neben den Finanzen zu berücksichtigen, die Risiken für die Unternehmensleistung darstellen.»

Dennoch bleibt noch genug zu tun. Die Selbstregulierung der Unternehmen funktioniere häufig nur zur Hälfte, sagt Ethos-Direktor Vincent Kaufmann. Ein Beispiel dafür ist das Gesetz zur Abzocker-Initiative, das Aktionären mehr Mitbestimmung bei den Managerlöhnen einräumt. Auch nach Inkrafttreten des Gesetzes hätten nur wenige Unternehmen eine vernünftige Obergrenze für die variable Vergütung festgelegt, sagt Kaufmann. Und bis heute verfüge die Hälfte der im breiten Börsenindex SPI kotierten Unternehmen nicht über einen Umwelt- und Sozialbericht.

(sda/chb)