So mancher Wirtschaftsberater klagte in letzter Zeit, es sei härter geworden in der Branche. Mehr Konkurrenz, anspruchsvoller auftretende Klienten und anhaltender Preisdruck würden den Alltag prägen, lautete die Botschaft. Da­runter würden nicht nur Consulting-­Unternehmen leiden, sondern auch Wirtschaftsprüfer.

Keine Klagen sind derzeit von Deloitte in der Schweiz zu hören. Das kleinste unter den vier grossen Unternehmen, die Wirtschaftsprüfung und -beratung anbieten, wächst wie schon in den vergangenen Jahren weiter. Plus 22 Prozent beträgt das Umsatzwachstum für das im Mai abgelaufene Rechnungsjahr 2014. Inzwischen kann Deloitte Aufträge in Höhe von 461 Millionen Franken von Schweizer Firmen verbuchen. Das zeigen Zahlen, die Deloitte diese Woche veröffentlicht. «Ich sehe derzeit vor allem viele Opportunitäten», sagt Howard Lovell, Chef von Deloitte Schweiz. Vor drei Jahren kam der Brite an die Spitze bei Deloitte hierzulande.

Grösste Beratungspraxis sitzt in der Schweiz

Seit 2006 arbeitet das Unternehmen daran, den Rückstand zu den Konkurrenten PwC, EY und KPMG zu verkleinern. Ein unbedeutender Akteur war man noch 2006, als die britische Deloitte den etwas darbenden Schweizer Ableger übernahm und mit den Investitionen begann. Partner wurden von der Konkurrenz abgeworben, es kam zu kleineren Übernahmen und die Zahl der rekrutierten Hochschulabgänger nahm stetig zu. Auch letztes Jahr erhöhte Deloitte die Belegschaft um 13 Prozent. Gut 1300 Berater, Revisoren und sonstige Angestellte arbeiten unterdessen in der Schweiz, die meisten am Hauptsitz am General-­Guisan-Quai in Zürich.

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Hierzulande hat Deloitte inzwischen die grösste Beratungspraxis geschaffen. Die Dienstleistungen reichen von Strategie- und Technologieberatung bis hin zu Corporate ­Finance und Risikomanagement. Gewinnzahlen gibt Lovell nicht bekannt, sagt aber: «Die Profitabilität hat erneut zugenommen.»

Häufiger Revisor wechseln

Die Aussichten sind wegen der regulatorischen Veränderungen günstig. Die EU beschloss letzten Frühling, dass Unternehmen häufiger als bisher ihren Revisor wechseln müssen, um Interessenkonflikten zwischen Revisor und Unternehmen bei jahrelanger Zusammenarbeit vorzubeugen.

Noch gilt eine solche Verschärfung nicht für die Schweiz. Trotzdem reagieren die Firmen. «Wir stellen eine stark erhöhte Aktivität im Audit-Segment fest», sagt Lovell. Viele Firmen bereiten sich demnach auf einen Wechsel des Revisors vor. Zum Teil müssen sie, weil sie ebenfalls in der EU verankert sind. Zum Teil tun sie es, um Erwartungen im Bereich gute Unternehmensführung zu erfüllen.

Geschäft mit Daten floriert

Von der anstehenden Rochade dürfte jedenfalls Deloitte profitieren. Bisher dümpelt das Unternehmen umsatzmäs­sig im Segment Audit deutlich hinter der Konkurrenz her. Deloitte könnte deshalb beim forcierten Wechsel eher neue Kunden gewinnen als verlieren.

Lovell ist allerdings auch grundsätzlich optimistisch für den zukünftigen Geschäftsverlauf. «Es gibt einfach viele Themen, bei denen die Unternehmen in der Schweiz künftig Unterstützung suchen werden», sagt Lovell. Zum Beispiel im Banken-Sektor, wo neben dem andauernden Steuerstreit mit den USA die Konsolidierung im Privatbankenbereich ansteht. Oder die nächste Unternehmenssteuerreform, von der es heisst, sie bringe die grösste Umwälzung im Steuerrecht seit 60 Jahren und damit Arbeit für die Berater.

Branchenübergreifend ist es vor allem eine Dienstleistung, die auf grosse Nachfrage stösst: Das Analysieren von grossen Datenmengen. «Inzwischen kommt das Thema annähernd bei jedem Treffen mit CEOs und Verwaltungsratspräsidenten auf den Tisch», so Lovell. Alle wollen wissen, wie sie ihre Datenberge gebrauchen können, um schnellere, bessere oder andere Entscheidungen zu treffen. «Ein grosser Trend», so Lovell. Die analytische Methode sei zwar natürlich nicht neu, dafür aber die computergestützten neuen Werkzeuge.

Big Data wird immer wichtiger

Der Anwendungsbereich ist gross. Er reicht von Transaktionsanalysen bei Banken bis zu Detailprüfungen von Kostenfaktoren bei einzelnen Flugstrecken von Airlines. Selbst die Laufbewegungen von Fussballspielern werden ausgewertet und dienen dem Coach als Entscheidungshilfe.

«Wenn einige Schlüsselwerte abzufallen beginnen, dann weiss man einfach, dass die Beine des Spielers fünf Minuten später schwer werden», erklärt Lovell. In Grossbritannien hat Deloitte bereits Mandate von Sportvereinen, in der Schweiz stehen solche noch aus. Aber vieles ist in Bewegung. «Wir wissen heute noch nicht, wie sehr Big Data und das Analysieren derselben unseren Alltag verändern werden», sagt Lovell.