Die Finanzmärkte haben auf die Ablehnung der EU-Verfassung durch das französische Stimmvolk gelassen reagiert. Nicht etwa, weil die Investoren dem Entscheid keine grosse Bedeutung beimessen. Vielmehr haben die Anleger mit einem negativen Abstimmungsausgang gerechnet. «Alles andere als ein Nein in Frankreich wäre für die Finanzmärkte eine grosse Überraschung gewesen», sagt Hanspeter Hausheer, leitender Ökonom bei der UBS. «Es ist das eingetreten, worauf die Investoren spekuliert hatten.»

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Für die Schweiz habe das Resultat durchaus positive Seiten: «Das Nein Frankreichs ist für die Schweiz nicht schlecht, weil es den Integrationsprozess verlangsamt. Dadurch nimmt der Druck auf die Schweiz ab, sich zu integrieren», erklärt Hausheer.

Von einem Rückschlag für die EU spricht auch Alois Bischofberger, Chefökonom der CS Group. «Die EU hat in letzter Zeit etwas über die Köpfe der Völker hinweg entschieden und jetzt in Frankreich die Reaktion darauf erhalten.» Er ist überzeugt, dass viele EU-Bürger mit dem hohen Integrationstempo nicht mithalten konnten. Angesichts der EU-internen Probleme werde nun der Integrationsdruck für die Schweiz etwas abnehmen. «Gleichzeitig wird aber die Tendenz seitens der Schweizer Unternehmen, in Märkte ausserhalb Europas zu investieren, zunehmen. Und das ist eine positive Entwicklung, da damit die wirtschaftliche Abhängigkeit unseres Landes von Europa verringert werden kann.»

Warnsignal an die Adresse Brüssels

Für Janwillem C. Acket, Chefökonom der Julius-Bär-Gruppe, ist das Votum der französischen Stimmbürger ein Warnsignal an die Adresse Brüssels. «Für die EU heisst es nun, bei der Integrationen einen Gang tiefer zu schalten.» Im negativen Abstimmungsergebnis Frankreichs komme der Unmut vieler Bürger über die schlechte wirtschaftliche Verfassung Europas zum Ausdruck. «Viele Franzosen fühlen sich von den effizienten Ländern Osteuropas, die ebenfalls der EU angehören, bedroht.» Zusätzlich bestünden Ängste vor den Folgen einer EU-Aufnahme von Rumänien, Bulgarien und der Türkei. «Frankreich hat Brüssel die Quittung für ein zu forsches Erweiterungstempo präsentiert.»

Vor den langfristigen Risiken wachsender politischer Spannungen nicht nur für die EU, sondern auch für die Währungsunion warnt Joachim Fels, Chief Global Fixed Income Economist bei Morgan Stanley. Die zentrifugalen politischen Kräfte würden zunehmen. Ist das Auseinanderbrechen des Euros als langfristige Konsequenz des Neins denkbar? «Denkbar schon, wenn auch noch nicht wahrscheinlich», sagt Fels. «Ein Auseinanderbrechen des Euros wird erst dann wahrscheinlich, wenn der Stabilitätskonsens in der Währungsunion verloren geht.»

CS-Chefökonom Alois Bischofberger räumt ein, dass die Währungsunion unter Druck sei. Dies sei aber primär eine Folge des konjunkturellen Gefälles innerhalb der EU. «Das macht die Zinspolitik der EZB schwierig und sorgt für Spannungen.»

Ein Zusammenbruch der Währungsunion ist für Bernd Schips, Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, indes nicht vorstellbar: «Das halte ich für unwahrscheinlich. Der Euro ist trotz der Skepsis der Franzosen und Holländer ein Faktum.» Die EU befinde sich nur in einem Bereinigungsprozess. Die Integration gehe weiter. Mit Blick auf die Schweiz warnt er allerdings: «Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Schweiz von einem EU-Beitritt ökonomische Vorteile hätte.»