Zur Rose ist bereit zum Angriff. Die grösste Versandapotheke Europas mit Sitz in Frauenfeld will weiter wachsen. Mit seinem Konzept des Online-Handels mit Medikamenten ist Gründer Walter Oberhänsli in den vergangenen Jahren der stationären Konkurrenz unbequem geworden, in der Schweiz und besonders auch in Deutschland. Dort übernahm Oberhänsli vor drei Jahren Doc Morris und lenkt damit heute den grossen Störenfried im deutschen Apothekenmarkt. Wie sich das Geschäft künftig entwickelt, das hängt auch stark von einem aktuellen Entscheid des Europäischen Gerichtshofes ab.

In der Debatte vor dem EuGH in Luxemburg am heutigen Donnerstag geht es konkret um einen Rabattvertrag zwischen Doc Morris und der Deutschen Parkinson Gesellschaft, gegen den die deutsche Wettbewerbsgesellschaft in Düsseldorf geklagt hatte. Es ist ein Stellvertreterkrieg: Auf dem Spiel steht tatsächlich die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente in Deutschland. Darum hat das Oberlandesgericht in Düsseldorf das EuGH angerufen. Sollte dieses Rabatte für zulässig erklären, hätte das die Wirkung eines Präzendenzfalls.

Weg für DocMorris wäre frei

Ausländischen Versandapotheken und allen voran Doc Morris wäre damit erlaubt, bei der Lieferung von rezeptpflichtigen Medikamenten Nachlässe zu geben und sie könnten dort stärker konkurrenzieren. Deutsche Versandapotheken müssten sich vorerst weiter an die Preisbindung halten, die ersten dürften aber schnell vor Gericht ziehen, damit die deutsche Regelung mit der europäischen gleichziehe.

Der Apothekenmarkt in Deutschland hat laut Statista 2014 gut 31 Milliarden Euro umgesetzt.  Der Anteil der Versandapotheken lag bei knapp 3 Prozent. Laut Verband der deutschen Versandapotheken (BVDVA) wächst der Umsatz in diesem Bereich um jährlich 6 bis 7 Prozent, der stationäre Handel zwischen 1 und 2 Prozent. Marktführer der Pharma-Versandhändler ist Doc Morris und Eigentümer Zur Rose.

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Börsengang nicht ausgeschlossen

CEO Walter Oberhänsli hat Zur Rose Ende der Achtziger Jahre aufgebaut, mit damals sieben Mitarbeitern. Mittlerweile beschäftigt die Firma 800 Angestellte, 200 davon in Frauenfeld, und macht gut 900 Millionen Franken Umsatz pro Jahr. Einen Börsengang schliesst Oberhänsli nicht aus.

Es ist eine Erfolgsgeschichte, allerdings musste das Unternehmen im Herbst 2015 bereits den Entscheid des Schweizer Bundesgerichtes verkraften, nach dem hierzulande auch rezeptfreie Medikamente nicht mehr ohne Rezept vom Arzt verschickt werden dürfen. Möchte ein Patient online also etwa eine Bepanthensalbe zur Wundheilung bestellen, muss er seitdem seinen Arzt konsultieren. Damit sind die Hürden für die Online-Order von Medikamenten deutlich höher gelegt.

Rote Zahlen im ersten Halbjahr

Zur Rose war im ersten Halbjahr 2015 in die roten Zahlen gerutscht. Belastet haben aber nicht Handelshemmnisse, sondern der Bau des neuen Logistikzentrum von DocMorris im niederländischen Heerlen und Wechselkurseffekte.

Heute berät das EuGH in Luxemburg über die Zulässigkeit von Rabattverträgen bei rezeptpflichtigen Medikamenten. Bisher sind Nachlässe auf diese Medikamente in Deutschland verboten, mehrere Urteile auf Landesebene bestätigen diesen Ansatz. Die EU-Kommission sieht darin aber eine unzulässige Beschränkung des Wettbewerbes und steht auf der Seite von Doc Morris. Arzneimittelexperte Elmar Mand von der Universität Marburg sagte allerdings gegenüber der Fachzeitschrift «Apotheke adhoc», er halte es für «extrem unwahrscheinlich», dass die Boni-Regelung falle. Der Entscheid fällt am 2. Juni.

Apotheke im Berner Hauptbahnhof

Bleibt das Rabattverbot bestehen, verstellt dies Zur Rose und DocMorris einen interessanten Weg zu mehr Umsatz. Das Unternehmen wollte sich zum laufenden Verfahren nicht äussern. Wachsen will die Firma aber so oder so: Im August öffnet die erste stationäre Apotheke von Zur Rose im Berner Hauptbahnhof.

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