Der Aktienkurs der Deutschen Börse steht unter Druck. Seit Anfang Mai, als das Unternehmen die Übernahme der amerikanischen Derivatehandelsplattform International Securities Exchange (ISE) über die Tochtergesellschaft Eurex, an der auch die Schweizer Börse SWX beteiligt ist, bekannt gegeben hat, verloren die Titel über 4% auf 165.45 Euro. Der Kursrückgang ist unter anderem auf den stattlichen Preis von 2,8 Mrd Dollar zurückzuführen, den die weltgrösste Derivatebörse Eurex für die Akquisition des US-Konkurrenten zu zahlen bereit ist. Zahlreiche Analysten rechtfertigen den stolzen Preis allerdings mit hohen Wachstumsraten und erwarteten Synergien.

Hinzu kommt, dass die Übernahme aus strategischer Sicht für die Analysten durchaus Sinn macht. Schliesslich gelingt es den Europäern dadurch, das anvisierte externe Wachstum zu erzielen und auf dem wichtigen US-Derivatemarkt Fuss zu fassen. «Der amerikanische Markt ist im Derivategeschäft Match entscheidend», ist SWX-Sprecher Werner Vogt überzeugt.
Doch es gibt auch skeptische Stimmen, welche den Zusammenschluss der beiden Derivatebörsen betreffen. «Hier treffen, was die technischen Voraussetzungen betrifft, zwei unterschiedliche Welten aufeinander», erklärt Derivateexperte Daniel Manser von Derivative Partners. Für die beiden Unternehmen erwartet er daher noch grössere Herausforderungen, bis die aus der Übernahme anvisierten Synergien von jährlich 50 Mio Dollar, davon Kostensynergien in der Höhe von 15 Mio Dollar, erzielt werden können. Dass auch die Eurex von einem hohen zeitlichen Aufwand ausgeht, zeigt sich in den Prognosen des Unternehmens, das erst ab 2012 sämtliche Synergieeffekte aus Effizienzgewinn und Cross-Selling-Aktivitäten erwartet.

Kulturen passen zusammen

Während sich Eurex und ISE im technischen Bereich in den nächsten Jahren erst noch annähern müssen, haben sich auf anderen Gebieten zwei ideale Partner gefunden. So überschneidet sich der Kundenstamm der beiden Unternehmen in den Vereinigten Staaten, wo beide Gesellschaften tätig sind, nur in zwölf Fällen. Insgesamt wird die neue Gesellschaft über 545 Börsenteilnehmer verfügen, die mehr als 2,1 Mrd Kontrakte handeln. «Beide Unternehmen haben die gleiche Managementkultur», erklärt Eurex-Sprecher Hainer Seidel und liegt damit auf einer Linie mit Gary Katz, dem COO der ISE, welcher die gemeinsame Kultur und Vision als Basis für eine erfolgreiche Kooperation sieht.
Für die hiesigen Anleger in derivative Produkte wird sich in einem ersten Schritt durch das Zusammengehen der beiden Börsen wenig ändern. Das fusionierte Unternehmen würde in der Eurozone den Handel mit Zinsderivaten und Benchmark-Derivaten auf Aktienindizes sowie Optionen auf alle wichtigen US-amerikanischen und europäischen Aktien anbieten. «Komplementäre Produkte und Kundenstämme eröffnen Wachstumschancen über nationale Anlageklassen hinweg. Unsere Kunden profitieren von der Führungsposition der ISE am US-amerikanischen Markt für Aktienoptionen und der internationalen Marktstellung von Eurex bei Euro- und Schweizer-Franken-Derivaten», so der Eurex-Sprecher.
Hinzu kommt, dass mit dem Zusammenschluss der beiden Gesellschaften neue Marktteilnehmer auf den Plan gerufen werden. «Die Konkurrenz am Markt wird deutlich zunehmen, was sich wiederum in tieferen Margen und günstigeren Produkten für die Anleger auswirken sollte», erwartet Manser.

Das Fusionskarussell dreht sich weiter. Die Übernahme der ISE durch die Eurex liegt im Trend der globalen Ausrichtung der führenden Handelsplätzen die mit dem Kauf der Vierländerbörse Euronext durch die New Yorker Börse (NYSE) einen ersten Höhepunkt erreichte. Der ISE-Deal soll im 4. Quartal 2007 abgeschlossen sein. Ein Übernahmekampf kann zwar noch nicht ausgeschlossen werden, doch sind die Anzeichen positiv, dass der Deal ohne Nebengeräusche über die Bühne gehen wird. Zumindest die Nasdaq scheint das Interesse an der ISE bereits verloren zu haben.
Die amerikanische Technologiebörse ist bereits mit ihrem Ansinnen, die Londoner Börse LSE zu übernehmen, im Februar gescheitert. Die über Monate andauernden Kaufanstrengungen haben dem Unternehmen im 1. Quartal eine Sonderbelastung von knapp 25 Mio Dollar eingebrockt.

Trotz negativer Erfahrungen, welche auch die Deutsche Börse in den letzten Jahren wiederholt machen musste, bleiben die führenden Finanzplätze weiterhin in Lauerposition.

Noch Potenzial in Asien

Neue Kooperationen und Beteiligungen sollen den Weg zu einer globalen Handelsplattform ebnen. Insbesondere in den Emerging Markets ist das Feld dazu noch weit offen. «Auch für die Anleger wäre es wünschenswert, wenn beispielsweise Asien verstärkt mit einbezogen würde», ist Daniel Manser, Derivatespezialist von Derivative Partners, überzeugt. Die Umsetzung sei zwar schwierig zu realisieren, doch wären die östlichen Handelsplätze damit weniger abgelöst von der Entwicklung der restlichen Welt. Einen weiteren Schritt in diese Richtung hat die Deutsche Börse mit einer 5%-Beteiligung an der Bombay Stock Exchange getätigt. Die Schweizer Börse SWX hält sich bisher weitgehend zurück und setzt stattdessen auf die Kooperation mit der Deutschen Börse.