Die Euro 08 beginnt in wenigen Tagen. Ihre Vorbereitungsarbeiten dürften wohl abgeschlossen sein. Wo hat Schweiz Tourismus noch Handlungsbedarf?

Jürg Schmid: Wir beschäftigen uns ganz stark mit der Medienarbeit. Wir erwarten in der Schweiz während der Euro über 3000 ausländische Medienschaffende. Das ist die Chance. Unser Ziel ist es, dass sie nicht nur über Fussball berichten, sondern wir ihren Blick über das grüne Rechteck auf unser Land hinaustragen können. Während ihrer Zeit bei uns wird nur zum kleinsten Teil Fussball gespielt, den Rest der Zeit sind sie auf der Suche nach Geschichten. Wir werden allein bei Schweiz Tourismus 40 Leute im Einsatz haben, welche die Medienschaffenden betreuen; und dies nicht nur in den Host Citys Basel, Bern, Genf und Zürich.

Es sollen also auch Regionen, die nicht direkt mit der Euro zu tun haben, profitieren?

Schmid: Nehmen wir als Beispiel unseren wichtigsten Auslandsmarkt. Deutschland wird diesen Juni so gebannt auf das Tessin schauen wie noch nie. Die deutsche Mannschaft hat ihr Hotel in Ascona, und täglich wird es eine Medienkonferenz geben. Jede deutsche Fernsehstation wird aus dem Tessin berichten. Das ist eine einmalige Chance, dass man den Süden der Schweiz im Ausland wahrnimmt. Die Euro wird durch die Mannschaftshotels in die Welt getragen. Die Schönheit unseres Landes wird so weltweit in die Wohnzimmer getragen werden; das wird weit über unsere vier Host Citys hinausgehen.

Welche Mannschaften haben während der Gruppenspiele ihr Basislager bei uns?

Schmid: Neben Deutschland auch Schweden im Tessin, in Lugano. Frankreich auf dem Mont Pèlerin am Genfersee. Die Niederlande in Lausanne. Portugal in Neuenburg. Die Türkei in Genf. Rumänien in St.Gallen. Und natürlich die Schweiz auf dem Feusisberg am Zürichsee. Deutschland, Frankreich und Holland sind touristisch von immenser Bedeutung für die Schweiz.

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Wie sieht touristisch betrachtet Ihr Traumhalbfinale am 25. Juni in der Schweiz aus?

Schmid: Deutschland gegen die Schweiz. Basel als Grenzstadt würde dabei eine besondere Aura ausstrahlen.

Sie tippen also nach wie vor auf die Schweizer Nati als Europameister?

Schmid: Deutschland trifft im Halbfinale in Basel auf das stärkste Team des Turniers. Die Schweiz wird danach in Wien im Final stehen. Bei meinen persönlichen Gedanken sind wohl mehr Fiktion und Patriotismus im Spiel als fussballerische Realität.

Stichwort Patriotismus: Die WM 2006 in Deutschland hat eine gesamte Nation zu stolzen Gastgebern werden lassen. Haben Sie das Gefühl, dass die EM 2008 bei uns eine ähnliche Euphorie auslösen wird?

Schmid: Ich bin zuversichtlich. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es in Deutschland ein einmaliges Momentum war, das auch sehr viel mit der deutschen Geschichte zu tun hat. Ob wir dieses Momentum hinbekommen, wird sich weisen müssen. Ich bin mir aber sicher, dass wir auch in der Schweiz eine ganz tolle Stimmung erleben werden. Die Schweiz wird sich als hervorragender Gastgeber präsentieren. Ob unsere Euphorie die obersten Sphären wie in Deutschland erreichen wird, hängt auch etwas vom eigenen Team ab. Sollte unsere Nati beim Eröffnungsspiel am 7. Juni gegen Tschechien eine gute Leistung zeigen und sogar gewinnen, dann bin ich überzeugt, dass es eine Euphoriewelle geben wird.

Beim Public Viewing ist von Euphorie erst wenig auszumachen. Für die meisten Arenen gibt es noch Tickets. Ist die Party-Laune beim Volk noch nicht angekommen?

Schmid: Die Strassen werden voll sein. Ich glaube, wir werden in der einen oder anderen Stadt vielmehr an die Kapazitätsgrenzen stossen. Denn im Unterschied zu Deutschland haben wir kleinere Plätze und engere Gassen.

Was macht Sie so sicher?

Schmid: Das Fanverhalten hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Früher hat man ein Fussballspiel mit Familie oder Freunden zu Hause geschaut. Heute geht man nach draussen. Es wird ein Volksfest geben. Zudem dürfen wir unsere ausländischen Bevölkerungsgruppen nicht unterschätzen, die ihre Mannschaften während der Gruppenspiele in der Schweiz tatkräftig unterstützen werden.

Welche Probleme orten Sie bei den Regeln der Uefa zum Schutz der offiziellen Sponsoren, sprich gegen Ambush Marketing?

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Schmid: Sportveranstaltungen, egal ob gross oder klein, leben von Sponsoren. Und Sponsoren wollen als Gegenleistung Freiräume zur Präsentation. Der Schutz darf aber nicht kontraproduktiv sein. Ich bin zuversichtlich, dass die Uefa mit sehr viel Einfühlungsvermögen im Einzelfall damit umgehen wird.

Welchen kurzfristigen Nutzen soll die Euro für den Tourismus in der Schweiz haben?

Schmid: Uns interessieren primär die zusätzlichen Übernachtungen. Wir gehen von 1 Mio zusätzlichen Logiernächten aus, davon eine Hälfte in Hotels. Man muss dies jedoch im Kontext sehen: Dies sind nur weniger als 2% aller Übernachtungen in einem Jahr in der Schweiz.

Und was soll die Euro finanziell bringen?

Schmid: Total geht man von zusätzlichen Umsätzen von 1 bis 1,5 Mrd Fr. aus.

Das heisst, Schweiz Tourismus ist dankbar für die Euro 08. Doch im Grunde geht es Ihnen nicht um das Turnier, sondern um dessen Nachhaltigkeit, sprich den langfristigen Nutzen. Animiert durch das Fussballturnier, sollen danach mehr Touristen in die Schweiz reisen?

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Schmid: Das ist der Hauptnutzen. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, dann kann man sagen: Die vier Host Citys brauchen im Juni die Euro touristisch nicht. Im Juni sind Basel, Bern, Genf und Zürich so oder so sehr gut gebucht. Die Aufmerksamkeit auf die Schweiz wird immens sein. Noch nie werden so viele Menschen auf unser Land geschaut haben. Diese Chance müssen wir nutzen und uns als Standort für Wirschaft, Forschung und Ausbildung und als attraktives Reiseland präsentieren.

Unter dem Strich geht es darum, dass Image der Schweiz als Reiseland zu verbessern?

Schmid: Nicht nur als Reiseland. Als kleines Land spricht man von uns in der Welt nur, wenn etwas schief gelaufen oder überraschend ausgegangen ist. Meistens nur im Negativfall. Das ist die riesige Kommunikationschance: Nun können wir unser Land in einem positiven Kontext weltweit in die Medien bringen und einen Ferienwunsch auslösen, der auch noch später wirkt.

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Wie soll dies erreicht werden?

Schmid: Die Ausgangslage ist, dass uns eine tolle Euro gelingt, in der wir unser Land als geradezu perfekten Gastgeber präsentieren. Diesen Schwung müssen wir dann mit unserem Marketing in die kommenden Jahre tragen. Wir planen bereits den Sommer 2009. Wir wollen unsere einzig-artigsten Schweiz-Erlebnisse ganz gezielt in die Euro-Teilnehmerländer tragen.