«Wir setzen auf Effizienz, erneuerbare Energien, neue Grosskraftwerke und den Energiehandel», verkündet die Stromhändlerin Atel aktuell in Inseraten. Und, bleibt hinzuzufügen, auf «Klimapflege» an der Euro 08. Atel-Kommunikationsleiter Martin Bahnmüller bestätigt «Handelszeitung»-Recherchen, «wichtige Partner» seien «zu Spielen», darunter das Auftaktspiel, eingeladen worden. Die begehrten Tickets haben auf dem Schwarzmarkt je nach Einschätzung einen Wert von mehreren tausend Franken.

Atel wird zu zwei Dritteln von der EOS Holding der Westschweizer Kantone und Städte kontrolliert, und von einem Konsortium von Stadtwerken, Regionalverteilern und dem Kanton Solothurn. Für Bahnmüller gilt: «Als europaweit tätige Firma nutzen wir die Chance und pflegen an der Europameisterschaft Kontakte zu wichtigen Partnern.»

Dazu zählen nach Informationen der «Handelszeitung» nicht nur Privatkunden, sondern auch Journalisten und öffentlich Bedienstete wie Chefs staatlicher Regiebetriebe und Mitglieder des Verwaltungsrats.

Nach Ansicht der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International Schweiz, so Sekretär Simon Brugger, könnte sich der Oltner Konzern im Einzelfall auf «ganz heiklem Terrain» bewegen.

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Als «Anerkennung» verstanden

Neben Geschäftsleitungsmitgliedern wurde der eigene Verwaltungsrat, und dies sind vorab Aktionärsvertreter, beehrt, darunter der Solothurner Regierungsrat Christian Wanner. Dieser liess die Teilnahme am Eröffnungsspiel bestätigen und richtete aus, es handle sich um eine «Anerkennung».

Der Fall Solothurn zeigt aber, dass Beziehungspflege heikel werden kann. Im Jahr 2000 zählte der Kanton zu den ersten, die ihren Strombezug ausgeschrieben hatten. Der Kanton hatte Schulden, die Steuerzahler wurden zur Kasse gebeten. Dennoch zog der Regierungsrat die Kosten senkende Stromausschreibung zurück. Wanners Solothurner FDP-Kollege, Atel-Verwaltungsrat und Chef der Versorgerin Elektra Birseck (EBM), Hans Büttiker, hatte beim Regierungsrat interveniert und auf «gemeinsame Interessen» gepocht.

Den Anschein der Beeinflussung durch teure Geschenke in Form eines Euro-08-Tickets dementiert Staatssprecher Dagobert Cahannes: «Herr Regierungsrat Wanner entscheidet nicht über den Stromeinkauf.» Eine andere Politik als die Atel fährt der Berner Stromkonzern BKW. Er verzichtete auf die eigene Loge im «Stade de Suisse», mit dem Hinweis auf «Interessenkonflikte». Auch die Axpo hat gemäss Sprecherin Daniela Biedermann keine Euro-08-Tickets gekauft. Bei SBB, Post und Ruag sind die Positionen unterschiedlich (siehe Artikel rechts).

Interessenkonflikte als Argument gegen Euro-08-Tickets zieht auch der Bundesrat heran. Wie die «Basler Zeitung» schrieb, verbietet er Bundesbediensteten die Annahme der auf durchschnittlich 2500 Fr. geschätzten Tickets.

Die Grenze zwischen Beziehungspflege und Korruption ist schmal: Der süddeutsche Stromkonzern EnBW ist heute im unfreiwilligen WM-Nachspiel. Nach Einladungen an Landes- und Bundesminister eröffnete die Staatsanwaltschaft Karlsruhe Strafverfahren wegen Vorteilsgewährung beziehungsweise Vorteilsnahme im Rahmen der Beziehungspflege. Der Fall wird nun am Bundesgerichtshof verhandelt.

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Multis sind sensibilisiert

Auch in Firmen, in denen die öffentliche Hand nichts zu sagen hat, ist man sich eines möglichen Interessenkonflikts bewusst: Beim Pharma-Multi Roche wäre ein geschenktes Euro-08-Ticket nach der Konzernrichtlinie «betreffend Integrität im Geschäftsverkehr» ein «Kündigungsgrund». Diese ist Teil des Arbeitsvertrags, sagt Roche-Sprecher Alexander Klauser. Auch für Novartis-Angestellte wäre eine Ticketannahme verboten, sagt Novartis-Sprecherin Iris Wahlen. Brugger von Transparency International stellt fest: «Die multinationalen Betriebe sind auf diesem Feld sensibilisierter als die rein im Inland tätigen KMU.»

Bei den Journalisten sind unterschiedliche Haltungen feststellbar: Während für Angelsachsen Geschenke tabu sind, sind die Europäer offener. Nach der Spruchpraxis des Schweizerischen Presserats allerdings ist ein Euro-08-Ticket an Journalisten problematisch ? zumindest dann, wenn diese regelmässig über das Unternehmen berichten, von dem sie die Tickets erhalten haben. Betreffende hätten es in Zukunft schwer, den Anschein von Befangenheit abzuweisen ? dies zu einem Zeitpunkt, wo es um neue kontroverse Kraftwerke und steigende Strompreise geht.

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Staatskonzerne Post und SBB laden ein

Bei den Betrieben, die in der öffentlichen Hand sind, wird der Umgang mit Euro-08-Tickets unterschiedlich gehandhabt. Bei den SBB stehen gemäss Partnerschaftsvertrag mit der Euro 08 pro Spiel in der Schweiz zwei VIP-Tickets zur Verfügung. «Zusätzlich haben die SBB zur Pflege wichtiger Kunden und Geschäftspartner pro Spiel in der Schweiz je 10 bis 20 weitere Match- und Hospitality-Tickets erworben», sagt Mediensprecher Roland Binz. Diese Tickets würden mit Gegenleistungen der SBB «bezahlt».

Auch die Post pflegt Geschäftsbeziehungen, indem sie Tickets verschenkt. Wie viel sie sich diese kosten lässt, gibt sie nicht bekannt. Daneben soll auch das Personal die Chance bekommen, ein Spiel zu besuchen. «Die Mitarbeiter können sich über unsere Ideenplattform registrieren lassen, eine Verbesserungsidee einreichen, und damit automatisch an einem Wettbewerb teilnehmen», sagt Post-Sprecher Mariano Masserini. Es würden so «einige» Tickets verlost.

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Der Rüstungs- und Technologiekonzern Ruag ? zu 100% im Besitz des Bundes ? macht einen Bogen um die Euro 08. Martin R. Stahel, Leiter des Konzernstabs: «Als Unternehmen beteiligen wir uns im Bereich Sponsoring nicht an der Euro 08. Weder haben wir Tickets für unsere Mitarbeiter gekauft noch verschenken wir solche an Dritte.»(gwe)