Der Begriff «Allzeithoch» ist an den deutschen Kapitalmärkten schon jetzt das Wort des Monats. Und das nicht nur, weil der deutsche Aktienindex (Dax) am vergangenen Freitag zwischenzeitlich einen neuen Rekordstand markierte. Auch der Euro kletterte gegenüber dem Dollar auf den höchsten Stand seit seiner Einführung im Jahr 1999. Gegen-über dem Ende 2000 erreichten Tiefst bei 0,83 Dollar hat die europäische Einheitswährung mittlerweile gut 65% an Wert gewonnen. Und die Rally dürfte noch nicht zu Ende sein.

Die europäischen und schweizerischen Unternehmen müssen sich auch in den nächsten Monaten auf einen starken Euro einstellen. Das ergab eine Umfrage der «Euro am Sonntag» unter den zehn grössten deutschen Banken. Danach erwarten die Währungsexperten in den nächsten drei bis sechs Monaten im Durchschnitt einen Wechselkurs von 1,372 Dollar je Euro. Selbst eine weitere Aufwertung der Gemeinschaftswährung bis auf 1,40 Dollar scheint möglich: «Das wäre immer noch ein faires Niveau», sagt Tobias Basse von der NordLB in Hannover.
Führende Wirtschaftsvertreter sehen im Höhenflug des Euro bislang aber noch keinen Anlass zur Besorgnis: «Im Moment sind wir noch einigermassen gelassen», sagt etwa Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT). Und auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) verfolgt die Entwicklung entspannt. «Das ist ein Wechselkurs, mit dem wir leben können!» Solange die Weltwirtschaft laufe, gebe es daher auch keine grösseren konjunkturellen Sorgen.

Schrumpfende Zinsdifferenz

Zur Begründung für den jüngsten Höhenflug des Euro verweisen Devisenexperten vor allem auf die schrumpfende Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa. Die US-Notenbank hatte den Leitzins auf ihrer jüngsten Sitzung zum achten Mal in Folge unverändert bei 5,25% gelassen. Dagegen hatte die Europäische Zentralbank (EZB) im aktuellen Jahr die Zinsen gleich zweimal auf derzeit 4% angehoben.
Diese Zinsdifferenz dürfte sich in den kommenden Wochen weiter verringern, so Gregor Eder, Analyst bei der Dresdner Bank. «Für den Euro-Raum erwarten wir eine weitere Zinssteigerung auf 4,25%.» Neben dem sinkenden Zinsgefälle belastet zudem der kriselnde US-Immobilienmarkt den Dollar. Die Hypothekenzinsen in den USA sind variabel und schwingen mit dem Leitzins. Doch wegen des steilen Zinsanstiegs in den vergangenen Jahren können nun immer weniger Eigenheimbesitzer ihre Raten bedienen. Immer häufiger ziehen Banken daher die Notbremse und trennen sich per Zwangsversteigerung von den Objekten. Das drückt die Preise auf dem Immobilienmarkt.
«Wenn die Korrektur auf dem US-Immobilienmarkt länger andauert, besteht die Gefahr, dass sich die Konjunktur dort auch weiter abschwächt», so Eder. Damit würde die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung in den USA steigen – und den Zinsabstand zwischen dem Euro-Raum und den USA weiter verringern.

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Indirekt profitieren

Für manch ein international tätiges Unternehmen, das überwiegend in Dollar bezahlt wird, aber dessen Kosten in Euro anfallen, ist das keine gute Nachricht. Wie beispielsweise beim Flugzeughersteller EADS. Verkehrsflugzeuge werden traditionell in Dollar bezahlt. Bei dem europäischen Luftfahrtkonzern fällt das Gros der Kosten indes in Euro an. Erst unlängst hatte EADS-Chef Thomas Enders gewarnt, dass der operative Gewinn des Konzerns um 500 Mio Euro fällt, wenn der Dollar um fünf Cent sinkt.
Umgekehrt profitieren etwa die Chemieunternehmen von der Währungsentwicklung, sagt Tobias Brise von der NordLB. In der Branche werden viele Rohstoffe traditionell in Dollar abgerechnet.Anleger, die darauf bauen, können auf Indexzertifikate für die Chemiebranche setzen, Analysten sehen für die Branche auf jeden Fall weiter Potenzial.

Einige Stimmen warnen

Wer auf einen weiteren Anstieg des Euro/Dollar-Verhältnisses setzen möchte und starke Nerven hat, kann auch einen Call auf den Euro kaufen, was allerdings deutlich riskanter ist. Denn bei aller Euphorie rund um den starken Aufwärtskurs des Euro gibt es auch warnende Stimmen, die ein baldiges Ende des Höhenflugs prognostizieren. So rechnet die HypoVereinsbank damit, dass der Euro nach einem möglichen Anstieg über 1.40 Dollar schnell wieder den Rückwärtsgang einlegen könnte. Und auch HSBC Trinkaus prognostiziert für das Jahresende wieder Kurse von 1.35 Dollar.