Obwohl sich die Wirtschaftskrise allmählich dem Ende zuneigt, muss der Schweizer Tourismus bereits gegen das nächste Problem ankämpfen. Der gegenüber dem Euro rekordverdächtige Franken verteuert die Schweiz für ausländische Besucher. Das betrifft neben der Feriensparte auch die Geschäftsreisen. Dazu gehört auch das MICE-Segment (Meetings, Incentives, Conventions & Events). Gemäss Schätzungen der Branche hat das MICE-Business in der Schweiz im Krisenjahr 2009 einen Einbruch von rund 15% gegenüber dem Rekordjahr 2008 erlitten: Der touristische Umsatz sank auf unter 600 Mio Fr.

Währungen nicht überbewerten

Beobachtungen von Schweiz Tourismus zufolge hat die Nachfrage 2010 aber wieder angezogen. Wie MICE-Veranstalter jedoch bestätigen, wird dieser Aufschwung durch den negativen Währungseinfluss verlangsamt. «Wegen des starken Frankens im Verhältnis zum Euro hat die Schweiz als Tagungsziel bei ausländischen Kunden an Attraktivität verloren», sagt etwa Matthias Kern von der Zürcher Niederlassung des britischen MICE-Spezialisten Grass Roots. Gleichzeitig sei es für hiesige Unternehmen aus finanzieller Sicht verlockend, ihre Veranstaltungen vermehrt in Destinationen jenseits der Grenze durchzuführen. Der ungünstige Wechselkurs sei ein Störfaktor, den nicht alle ausländischen Unternehmen zu tragen bereit sind, beobachtet auch Dominik Leonhardt, Leiter des MICE-Anbieters Kuoni Events Europe.

Andere Anbieter wollen die aktuellen Währungseinflüsse vorerst nicht überbewerten. «Die MICE-Kundschaft wird nach Rückgängen im letzten Jahr in die Schweiz zurückkehren», so die Überzeugung von Miroslav Bauer, CEO des MICE-Spezialisten Group Worldspan, an dem die Migros-Reisetochter Hotelplan seit Ende des letzten Jahres eine Minderheitsbeteiligung hält. Dies werde auch der ungünstige Wechselkurs nicht verhindern. Ähnlich denkt Thomas Wüthrich, Managing Director des Zürcher Büros der MCI Group, des grössten Schweizer MICE-Veranstalters mit Hauptsitz in Genf. Er glaubt, dass die Euro-Schwäche sich eher auf den Individualtourismus als auf die Geschäftsreisen auswirke. «Ausländische Business-Kunden kommen wegen der Rahmenbedingungen nach wie vor gern und häufig in unser Land.»

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Gute Zukunftschancen für den MICE-Standort Schweiz interpretiert Wüthrich auch aus der aktuellen und renommierten Mercer-Studie, die im internationalen Tourismus seit Jahren wichtige Benchmarks liefert. Sie klassifiziert die Städte Bern, Genf und Zürich im weltweiten Vergleich auf den vordersten Rängen bezüglich Lebensqualität. Positiv ins Gewicht fallen unter anderem hochstehende Infrastrukturen, eine gute Dienstleistungsmentalität sowie kurze Distanzen. «Genau nach diesen Kriterien werden Austragungsorte für internationale Verbandskongresse gesucht», ergänzt Wüthrich.

Zu lange Euro-Schwäche schadet

Als attraktives und vielseitiges Ziel mit passenden MICE-Angeboten für jedes Budget betrachtet ebenfalls Miroslav Bauer von der Group Worldspan die Schweiz. Das Land profitiere weiter von seinem guten Image und werde sich im internationalen Wettbewerb behaupten. «Trotz des starken Frankens können immer noch neue Kunden mit kreativen Ideen, Engagement und einer hohen Qualität für MICE-Veranstaltungen in der Schweiz überzeugt werden», stellt ebenfalls Dominik Leonhardt von Kuoni Events Europe fest. In einem Punkt sind sich die Anbieter einig: Eine dauerhafte Währungskrise würde dem MICE-Standort Schweiz schaden. «Sollte der Euro über längere Zeit schwach bleiben, wird dies grössere Auswirkungen auf den Markt haben», prophezeit Matthias Kern von Grass Roots.

Sogar Thomas Wüthrich von der MCI Group wird beim Blick in die Zukunft mit der Möglichkeit einer dauerhaften Franken-Stärke nachdenklich. «Mittel- und langfristig wird man auch bei internationalen Kongressen nicht um Sparanstrengungen herumkommen.»

Wachstum dank Konsolidierung

Den positiven Geschäftsgang der global aufgestellten MCI Group dürfte dies nicht allzu stark beeinträchtigen. Als einzige Anbieterin im MICE-Markt veröffentlicht das Unternehmen konkrete Zahlen zum Geschäftsgang: Sie konnte den Umsatz gemäss Wüthrich selbst im Krisenjahr 2009 um 9,4% auf 230 Mio Euro steigern. Zudem wuchs der Bruttogewinn um fast 11% auf 65,1 Mio Euro. Grösster Treiber war - erstaunlicherweise - der Schweizer Markt mit einem satten Plus von 39%. Für 2010 wird ein weiteres Wachstum erwartet. Die positiven Zahlen der MCI Group hängen damit zusammen, dass der Aufschwung im internationalen MICE-Markt rascher voranschreitet. Auch strukturelle Veränderungen im Markt begünstigen die grossen Anbieter. Viele lokal ausgerichtete Klein(st)agenturen mussten im letzten Jahr die Segel streichen und das Feld den Mitbewerbern überlassen, die eine kritische Grösse erreicht haben. Die Wirtschaftskrise hat für eine beschleunigte Konsolidierung in der MICE-Branche gesorgt. «Unser Rekord ist ferner darauf zurückzuführen, dass wir den Rückgang bei Firmen mit einem Wachstum bei Verbandskunden mehr als kompensieren konnten», erklärt Wüthrich. Dabei ist der MCI Group ihr internationales Netzwerk zugutegekommen. «Weil die Budgets von internationalen Verbänden und Organisationen mehrheitlich zentral vergeben werden, kommt man nur als global aktive Agentur an entsprechende Etats heran.»

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Mithalten können in diesem knallharten Verdrängungskampf nur Anbieter, die ebenfalls internationale Verbindungen haben. Bei Kuoni Events Europe profitiert man von der globalen Verflechtung des Mutterkonzerns Kuoni Reisen Holding. Dominik Leonhardt beobachtet im MICE-Geschäft 2010 daher eine «positive Entwicklung mit höheren Umsätzen als 2009». Konkrete Zahlen nennt er ebenso wenig wie Mat-thias Kern von Grass Roots, die ebenfalls ein weltumspannendes Geschäft betreibt. Er berichtet aber genauso von einer deutlichen Erholung gegenüber 2009. Nachdem die ersten Monate 2010 noch von Zurückhaltung geprägt gewesen seien, übertreffe die Nachfrage seitens der Kundschaft den Vorjahreswert inzwischen um 15%.