Seit Jahresbeginn verlor der Euro gegenüber dem Franken 16% und jetzt fiel die Gemeinschaftswährung auf ein neues Rekordtief bei 1.29 Fr. «Das ist ja nicht schlimm, wenn solche Veränderungen einigermassen langsam und berechenbar erfolgen», sagt Martin Neff, Chefökonom bei der Credit Suisse, «aber diese grossen Schwankungen verunmöglichen die Kalkulation bei vielen exportierenden Firmen - und das ist viel schwerwiegender.»

Grosskonzerne im Vorteil

In der Industrie hat man sich auf den Höhenflug des Frankens eingestellt. «Das ist eine Herausforderung, welche wir aber gut unter Kontrolle haben, denn wir erleben die Schwankungen nicht erst seit gestern», sagt beispielsweise Andreas R. Herzog, Finanzchef beim Technologiekonzern Bühler. Der Konzern ist weltweit tätig. «Dadurch haben wir nicht nur Einnahmen neben dem Schweizer Franken auch in Euro, Dollar oder Renminbi, sondern auch die Infrastrukturkosten und die Einkäufe sind in diesen lokalen Währungen. Damit neutralisieren sich die Währungsverschiebungen mehrheitlich, wir sprechen von einem sogenannten «Natural Hedge»,» sagt Herzog.

«Natürlich spüren wir das auch», sagt auch Rolf Brändli, Finanzchef beim Kolbenkompressor-Konzern Burckhardt Compression, «und was das laufende Geschäft betrifft, sichern wir uns ab, wobei wir durch Einkäufe von Zubehör aus dem Euro-Raum grösstenteils über einen natürlichen Hedge verfügen.» «Der schwache Euro ist für uns als Netto-Exporteur aus der Schweiz natürlich von Nachteil», ergänzt Roland Abt, Finanzchef bei Georg Fischer, «im 1. Halbjahr 2010 wurde unser Ebit dadurch um 14 Mio Fr. negativ beeinflusst.»

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Laufend weniger Ertrag

«Das grösste Problem sind die hohe Volatilität und die Geschwindigkeit des Abwärtstrends», sagt Ivo Zimmermann, Sprecher des Branchenverbands Swissmem, des Verbands der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. «Die exportierten Produkte generieren in Schweizer Franken gerechnet laufend weniger Ertrag. Hinzu kommt, dass es bei diesem schnellen und starken Abwärtstrend für viele Unternehmen schwierig ist, Termingeschäfte vorzunehmen.»

«Die hohe Euro-Volatilität zum Franken untergräbt die Planungssicherheit», sagt auch Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, «und diese hohe Volatilität führt auch zu höheren Absicherungskosten.» Jetzt laufen zudem etliche Absicherungsgeschäfte aus, und wenn diese erneuert werden müssen, verteuern sich laut Minsch die Exporte weiter.

Swissmem stellt verschiedene Strategien fest, um mit dem Franken-Höhenflug umzugehen. «Firmen können rasch reagieren und beispielsweise mehr Rohstoffe, Vorprodukte oder Halbfabrikate im Euro-Raum beziehen und so die Einkaufskosten senken», sagt Zimmermann, «oder mit längerfristiger Perspektive sich neue Märkte in den aufstrebenden Ländern erschliessen.» Ebenfalls nur über längere Zeiträume sind Produktionsverlagerungen möglich. «Absicherungsgeschäfte, wie sie die Grosskonzerne vornehmen, sind für viele kleinere Firmen kaum möglich», sagt Zimmermann weiter, «denn die KMU haben oft ganz einfach die Kapazitäten dazu nicht.»

Profiteure der Frankenstärke

Es gibt aber auch Firmen, die direkt und indirekt von der Frankenstärke profitieren. «Wir rapportieren in Euro, und deshalb hat die Frankenstärke eher positive Auswirkungen für uns», sagt Dominik Berchtold, Finanzchef beim Heizkörper- und Lüftungsspezialisten Zehnder, «das einzige wesentliche Risiko sind hier unsere Dividenden, weil wir in der Schweiz kotiert sind.»

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Zehnder gibt 30% des Reingewinns an die Aktionäre ab, und um hier einen Teil der Währungsschwankungen abzusichern, setzt man bei Zehnder Forwards ein. «Eine Seite der derzeitigen Euro-Schwäche ist es, das einige unserer exportorientierten Kunden im Euro-Raum gestärkt werden», sagt Roland Abt, Finanzchef bei Georg Fischer, «dazu zählen die europäischen Mittelklasse- und Premium-Autohersteller und davon profitiert auch Georg Fischer Automotive durch die wachsende Nachfrage nach Bauteilen.»