Erfolgreiche Schweizer verdanken ihren Erfolg nicht selten dem Ausland. Das gilt nicht nur für Sportler oder Musiker, sondern auch für Unternehmen. Schweizer Firmen, die wachsen wollen, sind gezwungen, zu neuen Ufern aufzubrechen und ausländische Märkte zu erobern. Denn der Binnenmarkt ist zu klein, um die hohen Fixkosten von innovativen und qualitativ hochwertigen Produkten zu decken. So überrascht es nicht, dass heute jeder zweite Franken im Ausland verdient wird. Anders gehts nicht. Aber wo wird das Geld verdient und zu welchem Preis? Und welche Rolle spielen die unterschiedlichen Währungen?

Ein Blick auf die Weltkarte zeigt: Der Euro-Raum ist im Vergleich zum Dollar-Raum klein. Fast nur Exporte in europäische Länder und deren Nachbarn werden in Euro abgerechnet. In Russland und Afrika kommen beide Währungen zum Zug. Aber der ganze Rest, von Amerika über Indien und China bis nach Australien, zählt für die Exporte zum Dollar-Raum. Japan besteht in der Regel auf dem Yen.

Asien gewinnt an Bedeutung

Ein ganz anderes Bild zeigt der Blick auf die Bestimmungsländer der Schweizer Exporte: 65% landen in Europa und nur knapp 25% in Amerika, Asien und Australien (siehe Grafik oben). Und vorerst deutet noch nichts auf eine rasche Verschiebung dieser Verhältnisse hin, obwohl immer mehr Schweizer Firmen ihre Fühler in Richtung Indien und China ausstrecken - wenn sie nicht schon vor Ort sind.

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Diese Abhängigkeit vom EuroRaum ist ungesund, wie sich seit der Euro-Krise zeigt. Das bekommen all jene Unternehmen zu spüren, die nur oder fast nur in den Euro-Raum liefern und von dort nichts beziehen. Manche haben das Klumpenrisiko unterschätzt oder ausgeblendet. Die Rechnung bezahlt am Ende die gesamte Schweizer Volkswirtschaft. Wenn die Exporte einbrechen, leidet das Wachstum und dadurch der Wohlstand. Doch: Wie gross ist diese Gefahr tatsächlich?

Die neusten Aussenhandelszahlen zeigen, dass im April die Ausfuhren in die EU in Schweizer Franken gegenüber dem Vorjahresmonat immerhin um 2,7% zunahmen - und dies bei einem Euro-Kurs von 1.43 Fr. Die Exporte nach Deutschland stiegen sogar um 5,1%. Insgesamt am stärksten konnte mit 29% die Metallindustrie zulegen. Wäre der Euro immer noch auf dem Niveau von 1.50 Fr., wäre die Zunahme wohl doppelt so gross herausgekommen.

Die Statistiken der Zollverwaltung sind indes mit Vorsicht zu geniessen, weil sie nicht berücksichtigen, in welcher Währung Exporte tatsächlich abgerechnet werden. Sie ordnen Exporte einfach dem Sitz des Bestellers zu, was nicht unbedingt Aufschluss über den letztendlichen Bestimmungsort gibt.

Hayek versus Zollverwaltung

So bezweifelt denn Swatch-Präsident Nicolas G. Hayek, dass wirklich 65% aller Exporte im EuroRaum landen. «Der einzige Industriezweig, der mit Warenexporten nach Europa tatsächlich rund 60% erreicht, ist die unter Swissmem gruppierte Maschinenindustrie», lässt er gegenüber der «Handelszeitung» verlauten. In der Uhrenindustrie und anderen Industrien liege der Anteil bei maximal 27%. «Und wenn Sie beim Export nicht nur die Waren, sondern auch den Tourismus und andere Dienstleistungen betrachten, liegt der Europa-Anteil bei maximal 50%.»

Auch Walter Fust, Präsident der Maschinenfabrik StarragHeckert, relativiert die Bedeutung der EuroSchwäche für den Export: «Viel schlimmer wäre eine Dollar-Schwäche», sagt er (siehe «Nachgefragt»).

 

 

NACHGEFRAGT Walter Fust, VR-Präsident Maschinenfabrik StarragHeckert


«Vor- und Nachteile heben sich auf»

Warum sagen Sie, dass ein schwacher Dollar viel schlimmer wäre als die Euro-Schwäche?

Walter Fust: Wir verkaufen viel in den Dollar-Raum. Allein China trägt rund 20% zu unserem Umsatz bei, und auch die USA sind wichtig. Dazu kommen weitere Länder, wo in Dollar abgerechnet wird, bis nach Australien.

Wie sehr profitiert Ihre Maschinenfabrik vom starken Dollar?

Fust: Unsere beiden Standorte in Rorschach und im deutschen Chemnitz tragen je etwa die Hälfte zu den Verkäufen bei. Vom tiefen Euro profitieren wir ganz besonders bei Exporten aus dem Euro- in den DollarRaum. Wir verkaufen immerhin gut die Hälfte aus der deutschen Produktion nach China und Singapur, aber auch nach Russland, wo teils in Dollar und teils in Euro abgerechnet wird. Und mit einem tiefen Euro haben wir generell viel bessere Verkaufschancen. Zudem kaufen wir in der Schweiz auch relativ viel Material aus dem Euro-Raum ein, zum Beispiel Motoren und Steuerungen bei Siemens, die wir natürlich in Euro bezahlen.

Also leiden Sie nicht unter dem starken Franken beziehungsweise unter der Euro-Schwäche?

Fust: Nein, die Vor- und Nachteile heben sich auf. Und der Franken ist ja gegenüber dem Dollar viel schwächer geworden. Aber extreme Kursbewegungen hat man natürlich nie gern, weil sie nicht berechenbar sind. Doch im Moment ist es für uns tendenziell eher positiv.

Verstehen Sie andere Schweizer Firmen, die sich beklagen?

Fust: Am meisten trifft es Unternehmen, die in der Schweiz produzieren und praktisch nur in den Euro-Raum exportieren. Aber die grösseren Unternehmen haben in der Regel im Ausland viel mehr Mitarbeiter als in der Schweiz, im Durchschnitt wohl etwa doppelt so viele. Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Wichtig ist, dass man flexibel bleibt und die Lage global anschaut. Wenn man international tätig ist, muss man auch das Devisengeschäft einbeziehen, sonst hat man einen Nachteil.