Antonio García Martínez hat ein Sakrileg begangen: Der ehemalige Facebook-Manager hat ein Buch geschrieben, das die Allüren der Chefs und den schrägen Alltag der Angestellten des grössten sozialen Netzwerkes der Welt ans Tageslicht bringt. Obwohl er bei seiner Anstellung auf einem Dokument hoch und heilig versprechen musste, auch nach einem Abgang beim Silicon-Valley-Konzern nie etwas übers Innenleben der Firma zu berichten.

Nun hat er es also doch getan. Im Buch «Chaos Monkeys: Inside the Silicon Valley money machine» lässt er sich über Hacker aus, die auch auf der Toilette noch Codes tippen. Oder darüber, dass Mark Zuckerberg einem nie in die Augen schaut. Dem Tagesspiegel gab er nun ein ausführliches Interview. Darin zeigt er sich amüsiert, dass die Tech-Firmen wie Facebook davon lebten, einen abzuhören, aber ihre eigene Privatsphäre mit allen Waffen verteidigten – darum auch das sogenannte Non-Disclosure-Agreement (NDA), das er zu Beginn bei Facebook unterzeichnen musste.

Nicht wie bei den Twitter-Hipstern

Das Vorstellungsgespräch verlief wenig überraschend: Erst mal gab es einen Tag lang Prüfungen, ein Meeting nach dem anderen. Persönlichkeitsscreening, Logiktests, sie überprüften Martínez' Vereinbarkeit mit der Facebook-Kultur.

Im Gegensatz zu den «Twitter-Hipstern» in Downtown San Francisco, bei denen Kombucha aus dem Wasserhahn kommt, sei bei Facebook ernsthaft gearbeitet worden. Das sah er auch einen Tag nach dem Milliarden-IPO wieder bestätigt. «Was mich am meisten überraschte, war, dass am nächsten Morgen um acht Uhr wieder alle wie wild weiterarbeiteten.»

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Natürliches Alphatier

Wie ist Zuckerberg als Mensch? Er ist ein natürliches Alphatier, der Gründer einer neuen Kirche und überhaupt nicht so ein Nerd wie im Film «The Social Network», meint Martínez. Auch schaue er einem nie in die Augen, weshalb er auf Pressefotos immer etwas seltsam aussehe.

Und wie steht es um «Zuck» und seine Entourage? Martínez: «Je näher man an Zuckerberg sitzt, desto wichtiger ist man. Es gibt ein zentrales Besprechungszimmer, ganz aus Glas, alle nennen es ‹das Aquarium›. Dort hält ‹Zuck› Hof. Es ging das Gerücht um, es sei schusssicher. Das alte Facebook-Office, in dem ich mich vorstellte, war noch nicht das Raumschiff von heute. Es war ein ziemlich ordinäres Gebäude, schmutzige Büroteppiche, auf denen Skateboards und Spielzeugpistolen rumlagen. Überall hingen Poster in einer Art Revolutionsästhetik.»

Ganzen Branchen Stecker ziehen

Bei Facebook geht es demnach offenbar nicht so sehr ums Geld, sondern um eine Mission. Dort feiere man nicht seinen Geburtstag, sondern seinen «Faceversary», den Jahrestag des Einstiegs in der Firma. Martínez: «Es gibt Blumen und Geschenke, die Leute gratulieren. Dann werden ständig ‹Hackathons› abgehalten – wildes, spielerisches Drauflosprogrammieren. Man pflegt die Rituale. Jeden Freitag dürfen alle die grossen Führer befragen. Oft auch Zuck. Danach gibt’s Drinks.»

Was ist eigentlich das Ziel all dieser Silicon-Valley-Firmen? Da hat Martínez eine Ansage an alle traditionellen Unternehmen parat: «Dem ganzen Silicon Valley geht es darum, etwas Vorhandenes durch etwas Eigenes zu ersetzen. Ein System zu hacken. Uber sagt: Wir brauchen keine Taxis mehr. Airbnb sagt: Wir brauchen keine Hotels mehr. Ganze Viertel Barcelonas sind nur noch Airbnb-Territorium. Die Silicon-Valley-Firmen ziehen irgendeiner Branche, die sie für reif halten, einfach mal den Stecker und schauen dann, was passiert.»

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Suchtcharakter

«So oft, wie die Leute das täglich nutzen, denke ich, Facebook ist legales Crack», meint Martinez im Interview. Weil Facebook für viele Menschen richtiggehend Suchtcharakter habe, sie ohne das soziale Netzwerk nicht mehr leben könnten, ist der ehemalige Facebook-Insider ziemlich auf Distanz gegangen. Seine Kinder lässt Antonio García Martínez auf keinen Fall rein ins Facebook-Reich: «Ich werde sie nicht auf Facebook lassen. Ich werde sie davor schützen, soweit ich es kann.» Denn, sie sollen nicht in einer Simulation einer Gemeinschaft aufwachsen, sagt er.

(chb)