Hat sich die Schweizerische Nationalbank (SNB) verrannt? Mit massiven Käufen von Euro-Obligationen versuchte sie, den abrupten Frankenanstieg zu bremsen und die Schweizer Konjunktur zu stützen. Für den ehemaligen Chefökonomen der Notenbank Kurt Schiltknecht ist die Strategie gescheitert. «Solche Interventionen bringen nichts, das weiss man von früheren Versuchen her. Das war ein grosser Fehler der Nationalbank.»

Ende 2008 betrugen die Währungsreserven der SNB 47 Mrd Fr. Kurz darauf begann die Notenbank mit Euro-Käufen, um den Franken für die Schweizer Exportwirtschaft tief zu halten und depressive Tendenzen mit rückläufigen Preisen im Keim zu ersticken. Bis Dezember 2009 verdoppelten sich die Währungsreserven auf 95 Mrd Fr., mit 1.50 Fr. pro Euro stimmte die Währungsrelation noch. Dann sackte der Euro wegen drohender Staatspleiten ab, und die SNB schoss aus allen Rohren. Bis Mai häufte sie Währungsreserven von 232 Mrd Fr. an, das meiste in Euro.

Das Risiko ist gross

Nun trage die Bank das Risiko eines Kurszerfalls, sagt Professor Schiltknecht. «Die möglichen Verluste können ein für die Schweiz unverantwortlich grosses Ausmass annehmen. Am Ende wird die Schweizer Wirtschaft in der einen oder anderen Form für die Verluste aufkommen müssen.»

Ex-SNB-Vizepräsident Niklaus Blattner hingegen bezeichnet die SNB-Währungsinterventionen als bewährtes Instrument zur Krisenbekämpfung. «Bei einer solch raschen Frankenaufwertung gibt es für die Notenbank grundsätzlich zwei Handlungsmöglichkeiten. Sie kann abseitsstehen und damit ausdrücken, dass sich die Schweiz den Gegebenheiten schon anpassen wird, sprich noch wettbewerbsfähiger werden wird. Oder sie kann mit Währungskäufen intervenieren.» Im zweiten Fall stehe die SNB vor der Frage, ob «sie die Überbewertung überhaupt genau ausmachen kann und was sie unternehmen will, sollte der Franken trotzdem weiter steigen».

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Obwohl Blattner Deviseninterventionen grundsätzlich gutheisst, weiss er um deren Tücken. Das Problem sei nicht der starke Franken per se, sagt Blattner, damit habe die Schweiz leben gelernt und das sei Ausdruck ihrer Wettbewerbsstärke. «Schwierig sind hingegen schubweise Aufwertungen ohne erkennbare Begründungen in der Realwirtschaft. Solche sind oft im Zusammenhang mit dem Safe-Haven-Effekt des Schweizer Frankens entstanden und haben der SNB immer Sorgen bereitet.»

Den jüngsten SNB-Interventionen kritisch gegenüber steht Blattners ehemaliger Kollege Georg Rich, der bis Ende 2001 Chef- ökonom der Nationalbank war. «Bis im Frühling war ich mit der SNB-Politik völlig einverstanden. Im Mai aber wurde es mir unheimlich, als die Notenbank derart umfangreiche Euro-Summen aufkaufte.»

Auch Ernst Baltensperger, Leiter des Studienzentrums Gerzensee der SNB und graue Eminenz der Notenbankpolitik, warnt vor weiteren Euro-Käufen. Sich gegen den Trend zu stemmen, habe «keine Aussicht auf Erfolg», sagt Baltensperger. «Dass die SNB in der Krise auch Devisenkäufe als Instrument der quantitativen Lockerung eingesetzt hat, war in Ordnung.» Dies sei eine der möglichen Massnahmen zur Ausweitung der Liquidität und damit zur Stützung der Konjunktur, welche früher in der kleinen Schweiz häufig angewendet worden sei. «Aber die SNB sollte sich jetzt wirklich ernsthaft auf den Ausstieg aus der extrem expansiven Geldpolitik der letzten Jahre einstellen. Die technischen Mittel dazu besitzt sie ohne Zweifel.»

Timing is everything, auch beim Abbruch von expansiver Geldmengenpolitik. Sonst droht Inflation. Sobald die Konjunktur nämlich anzieht, entfacht das viele Geld im Umlauf inflationäre Wirkung. Es drohen abrupte Preisschübe, die unkontrollierbar werden können. Ex-SNB-Chefökonom Rich rechnet damit, dass der Moment für die monetäre Wende «voraussichtlich spätestens Ende 2010 eintreten» dürfte.

Besorgt über aktuelle Lage

Doch selbst für den Fall, dass die SNB rasch auf die Bremse tritt und möglichst viele der in Umlauf gebrachten Franken dem Geldkreislauf wieder entzieht, bleibt Richs Vorgänger Schiltknecht skeptisch. «In der Vergangenheit ist es keiner Notenbank gelungen, solche unkontrollierten Prozesse rechtzeitig wieder rückgängig zu machen.» Allein das Versprechen, rasch zu reagieren, beruhige ihn nicht. «Die heutige Situation bereitet mir grosse Sorge.» Inflation, dieses Gift für die Wirtschaft, droht ein unerwünschtes Comeback zu feiern.