Er kennt die Diagnostikindus­trie und ihre grossen Player wie seine eigene Westentasche. Franz Walt war 23 Jahre bei Roche, davon 8 Jahre im globalen Executive Committee der Dia­gnostik-Sparte. Zudem war er Chef der weltweiten Labor-Diagnostik von Siemens Healthineers – einer, der weiss, wie dieses komplexe Geschäft an der Schaltstelle von Medizin und Maschine funktioniert.

Nun bringt er als Chef des Waadtländer Startups Quotient den ersten in der Schweiz produzierten Corona-Antikörpertest auf den Markt. Der Bündner ist Berufspendler zwischen seinem Wohnort Flims und Eysins, dem Sitz des an der Nasdaq kotierten Diagnostik-Startups, und hat ­Anfang Mai die Zertifizierung für einen Antikörpertest für Europa bekommen.

Gleiche Werte wie Roche

Die Werte des Tests vom Genfersee können sich sehen lassen. Seine Spezifität liegt bei 99,8 Prozent. Das heisst, der Test liegt in 998 von 1000 Fällen richtig, wenn er angibt, dass eine Infektion statt­­ge­funden habe. Oder anders gesagt: Nur in 2 von 1000 Fällen kommt es zu einem der gefürchteten falsch positiven Resultate. Falsch positive Resultate können dazu führen, dass Getestete fälschlicherweise davon ausgehen, dass sie die Infektion bereits hinter sich haben, sodass sie sich in falscher Sicherheit wiegen.

Die Sensitivität des Tests «made in ­Eysins» liegt bei 100 Prozent. Das heisst, keine der Infektionen blieb unentdeckt. Zudem ist der Test in der Lage, sowohl die Antikörper zuverlässig zu finden, die das menschliche Immunsystem wenige Tage nach der Infektion bildet, als auch diejenigen, die erst nach 10 bis 15 Tagen ent­stehen und die – so die Hoffnung – zumindest für eine bestimmte Zeit gegen eine ­erneute Infektion mit dem neuen Coronavirus schützen. Der Herausforderer vom Genfersee verzeichnet damit die gleichen Werte bei der Präzision wie sein ehema­liger Arbeitgeber in Basel, der ebenfalls Anfang Mai mit einem Antikörpertest auf den Markt kam.

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Severin Schwan

Roche-CEO Schwan: Mehr Konkurrenz.

Quelle: Kostas Maros

Dabei hatte es Quotient eigentlich gar nicht auf dieses Geschäft abgesehen. Die Firma, die aus einem Unternehmen hervorging, das ursprünglich zum schottischen National Blood Service gehörte und deshalb, für ein Start­up untypisch, über ein existierendes Geschäft verfügt, hat in den vergangenen acht Jahren 485 Millionen Dollar in die Entwicklung einer neuen Technologie für die Transfusionsdiagnostik investiert. Ziel ist es, die zahlreichen Tests auf eine Plattform zu bringen, die bei Blutspenden durchgeführt werden müssen, bevor sie für eine Transfusion freigegeben werden dürfen. Dazu gehören Tests, mit denen sichergestellt wird, dass das Blut des Spenders und das des Empfängers kompatibel sind, sowie Virus- und Antikörpertests für Infektionskrankheiten.

«Wir wollen den Labors das Leben einfacher machen», sagt der 61-jährige ehemalige Topmanager und heutige Startup-CEO. «Unser Biochip ist zwar nur so gross wie eine Rasierklinge», sagt Franz Walt. Trotzdem habe es darauf 132 Testpunkte, Kontrollspots inklusive. Heute brauche es mindestens vier Laborsysteme für eine vollständige Transfu­sionsdiagnostik, sagt Walt. «Das wollen wir ändern, die Arbeitsabläufe in den Labors sollen einfacher werden.»

Der Rollout der neuen Technologie und der dazugehörigen Instrumente war eigentlich erst in acht Monaten ­geplant. Doch dann kam Covid-19 und damit die Gelegenheit, die neue Technologie frühzeitig unter die Leute zu bringen. Der Antikörpertest sei eine Möglichkeit, sich zu positionieren, sagt Franz Walt. Die Tat­sache, «dass wir in so kurzer Zeit einen so zuverlässigen Antikörpertest entwickeln konnten, zeigt, dass unsere Technologie sehr flexibel ist». Der Test sei ein «schöner Beweis» dafür, dass sich der Einsatz der vergangenen Jahre gelohnt habe.

Der Antikörpertest vom Genfersee dauert 35 Minuten ist ab sofort erhältlich. Die Produktionskapazität liegt bei 3000 Tests pro Tag und kann bis auf 30 Millionen pro Jahr hochgefahren werden – mit der Möglichkeit einer weiteren Verdoppelung bis in 18 Monaten. «Wir sind bereit», sagt Franz Walt. Bedenken, dass es schwierig werden könnte, unter den jetzigen Bedingungen Maschinen – sie kosten immerhin 100'000 Franken – zu ­verkaufen, hat er keine. «Wir haben dank unserem existierenden Diagnostikgeschäft mit Reagenzien Kontakt zu 5000 Kunden weltweit», sagt er. Zudem würden die In­strumente ohnehin meist nicht verkauft, sondern geleast oder über Verträge, bei denen ein Preis pro Test ­verrechnet wird, abgegeben. Das Geld verdiene man in der Diagnostik nicht mit den Instrumenten, sondern mit den Tests.

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Einen ersten Erfolg konnte der Ehemalige bereits verbuchen. Vor ein paar Tagen ging Quotient eine Partnerschaft mit H Vivo ein, einem führenden Anbieter von Tests für Impfstoffe und antivirale Medikamente. Ein Anfang ist gemacht.