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Analyse
Experte zum Börsengang: «Snapchat muss jetzt liefern»

Snapchat: Lehnte 2013 ein Milliarden-Übernahmeangebot von Facebook ab. Keystone

Snapchat soll für 25 Milliarden Dollar an die Börse gehen. Wieso die Chatplattform so hoch bewertet wird, was ein IPO bringt und was das für die Konkurrenz bedeutet, erklärt Experte Tobias Hüttche.

Von Caroline Freigang
am 07.10.2016

Snapchat soll nächstes Jahr an die Börse gehen. Die Firma hinter der Chatplattform soll den Facebook-Rivalen Ende März 2017 aufs Parkett bringen, schreibt das «Wall Street Journal». Mit einer Bewertung von 25 Milliarden liegt Snapchat in der Liga der beim IPO am höchsten bewerteten Unternehmen. Bisher ging zu diesem Preis nur der chinesische Konkurrent Alibaba an die Börse. Bei einem Übernahmeversuch von Facebook hatte Mark Zuckerberg für Snapchat wohl nur drei Milliarden Dollar geboten. Mitgründer Evan Spiegel lehnte ab.

Herr Hüttche, sind Sie überrascht über die Gerüchte um den Börsengang?
Tobias Hüttche*: Eigentlich nicht, da Evan Spiegel das bereits mehrfach angedeutet hat. Überraschend ist eher die Vorgeschichte. Snapchat hat bereits eine Art Mini-IPO durchgeführt - in den vergangenen Jahren wurden rund 200 Investoren aufgenommen. Das ist eine recht bunte Truppe an Hedge Fonds, Venture Capitalists, Private-Equity-Firmen oder Unternehmen wie die chinesische Handelsplattform Alibaba und Pensionskassen. Das ist untypisch und macht einen IPO - bei dem ja alle Altaktionäre mitziehen müssen - recht komplex.

Wieso ist die Bewertung in den letzten Jahren derart durch die Decke geschossen?
In Finanzierungsrunden vor dem IPO übernehmen die Investoren grössere Anteilspakete zu anderen Bedingungen, als spätere Aktionäre an der Börse. Diesen frühen Investoren sichern Wertausgleichsklauseln das Investment nach unten ab. Mit so einem Puffer akzeptiert man leicht eine (zu) hohe Bewertung. Denn jeder Investor will vom IPO profitieren, indem er seine Anteile verkauft oder die Wertsteigerung seiner gehaltenen Anteile dokumentiert. Mit jeder Finanzierungsrunde vor dem IPO steigt also die Bewertung des Unternehmens.

Welchen Vorteil hat ein Börsengang für Snapchat?
Zunächst natürlich Kapital. Snapchat kann das nötige Wachstum nicht alleine finanzieren. Das Unternehmen braucht enorme Summen Geld für den Personalaufbau und Akquisitionen. Der Mitteilungsdienst hat bereits diverse Startups aufgekauft. Die Frage ist natürlich, wieviel Kapital tatsächlich ins Unternehmen fliesst und wieviel an die Altaktionäre, die ihre Anteile platzieren. Weiter verschieben sich durch den Börsengang auch die Stimm- und damit Machtverhältnisse. Vielleicht ist es auch eine gute Gelegenheit, den Einfluss von Altaktionären zu verwässern.

Was heisst der Börsengang von Snapchat für Konkurrenten wie die Instagram- und Whatsapp-Mutter Facebook?
Zwischen den Unternehmen wird sich der Wettlauf um die knappen Ressourcen verschärfen: um kluge Köpfe, erfolgsversprechende Startups oder hippe Standorte. Snapchat investiert derzeit viel in Venice Beach bei Los Angeles, dem neuen Silicon Beach. Liesse Snapchat die 25 Milliarden Dollar tatsächlich in das Unternehmen einfliessen, könnte es vor allem mit Facebook - die derzeit 24 Milliarden Dollar in der Kasse haben - mithalten. In Folge würden Gehälter und Prämien, sowie auch Bewertungen für Startups und Immobilienpreise steigen.

Für Twitter lief der Börsengang nicht so blendend. Der Kurznachrichtendienst gilt als Übernahmekandidat. Was könnte für Snapchat schief laufen?
Natürlich treiben die Altaktionäre den Preis, ob dieser gerechtfertigt ist, entscheidet dann der Markt. Wenn der Eindruck entsteht, dass nur Kasse gemacht wird und zu wenig Geld im Unternehmen landet, wird das dem Kurs nicht helfen. Und natürlich muss Snapchat liefern, beziehungsweise glaubhaft machen, dass es liefern kann und wird. Für einen erfolgreichen IPO - siehe Facebook - gibt es genauso Beispiele, wie für misslungene - siehe Twitter. Am Ende geht es nicht nur um Wachstum, sondern die Redite. Das ist heute nicht anders als vor hundert Jahren.

 

*Prof. Dr. Tobias Hüttche leitet das Institut für Finanzmanagement an der Hochschule für Wirtschaft FHNW in Basel. Er ist Wirtschaftsprüfer und Experte für Unternehmensbewertungen.

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