Ich bin geschockt.» Das war alles, was Elinor Ostrom zu dem Anrufer sagen konnte. Der Vertreter des schwedischen Nobelpreiskomitees hatte der Politikwissenschaftlerin gerade mitgeteilt, dass sie in diesem Jahr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhält. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass eine Frau die höchste Ehrung in der Ökonomie erhält. Ostrom teilt sich die mit rund 1 Mio Euro dotierte Auszeichnung mit ihrem US-Kollegen Oliver E. Williamson. Das Preiskomitee sagte, beide seien dafür ausgezeichnet worden, die Bedeutung der Organisation von Wirtschaft in den Mittelpunkt zu rücken.

Die Weltbank inspiriert

Ostrom gilt als Umwelt-Ökonomin von Weltrang und wird bereits seit Jahren als Kandidatin für den Preis gehandelt. Sie hat sich in ihrer wissenschaftlichen Karriere stets dafür interessiert, wie knappe Güter so verwaltet werden können, dass möglichst viele Menschen davon profitieren.

«Mit ihren Überlegungen hat sie sehr stark die Politik der Weltbank in den Entwicklungsländern beeinflusst», sagt Achim Schlüter, Assistenzprofessor am Institut für Forstökonomie der Universität Freiburg. Der Wissenschaftler arbeitet mit Ostrom zusammen, die schon häufig für Forschungsvorhaben in Freiburg war.

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Elinor Ostrom gilt als äusserst diszipliniert: Kollegen berichten, dass sie jeden Tag um vier Uhr morgens aufsteht und die wichtigsten Aufgaben des Tages bereits erledigt hat, wenn ihre Kollegen erst ins Institut kommen. Wissenschaftler, die Ostrom persönlich kennen, loben ihr bescheidenes Auftreten: «Lin ist aussergewöhnlich integer», sagt Achim Schlüter.

Ostrom fördert den Nachwuchs

«Sonst haben alle Persönlichkeiten, die Grossartiges geleistet haben, irgendeine Macke - bei ihr habe ich noch keine entdeckt.» Und Konrad Hagedorn, Professor für Agrarökonomie an der Humboldt-Universität in Berlin, der Ostrom seit vielen Jahren kennt, findet für seine Kollegin nur Lob: «Sie ist sehr authentisch und überhaupt nicht arrogant. Und sie motiviert den Nachwuchs. Wenn sie kann, nimmt sie junge Leute an ihrem Institut auf und unterstützt sie, wo sie kann.»

Ostrom leitet an der Universität von Virginia das Institut für Politische Theorie und Politikanalyse. Die Leitung des Instituts hat Ostrom von ihrem Ehemann und ehemaligen Doktorvater Vincent Ostrom übernommen. Die Ökonomin, 1933 geboren, ist gut zehn Jahre jünger als ihr Ehemann. Eine der ersten Reaktionen der frisch gebackenen Nobelpreisträgerin galt dem Nachwuchs: Sie wolle ihr Preisgeld möglichst Studenten und der Forschung geben, sagte Ostrom kurz nach der Auszeichnung.

Dass erstmals nach über 60 Männern auch eine Frau einen Ökonomie-Nobelpreis gewann, wurde sehr positiv aufgenommen. «Das ist eine tolle Nachricht, das wurde auch Zeit», sagt Dorothea Kübler, Direktorin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. «Das ist für viele junge Wissenschaftlerinnen ermutigend und zeigt, dass sie mit zur Gesellschaft der Ökonomie gehören, auch wenn die Lehrstuhllandschaft eher ein anderes Bild zeigt.»

Laborexperimente im Fokus

Mit der Vergabe des Preises an Ostrom und Williamson folgt das Komitee dem Kurs, den es in den vergangenen Jahren eingeschlagen hat. Dominierten in den 90er-Jahren noch die Ökonomen, die mithilfe von theoretischen Modellen Staatsversagen untersuchten, haben in den vergangenen Jahren Forscher gewonnen, die sich auf das Versagen von Märkten konzentrierten und sich dabei weniger auf theoretische Modelle als auf empirische Analysen und Laborexperimente stützten.

«Gerade jetzt in der Krise wurde die richtige Entscheidung getroffen. Wir brauchen Ökonomen, die berücksichtigen, dass auf Märkten auch soziale Komponenten eine Rolle spielen», sagt Axel Ockenfels, Volkswirtschafts-Professor an der Universität Köln.