Die gewaltigen Explosionen im nordchinesischen Hafen von Tianjin treffen auch die Schweizer Wirtschaft. Mehr als zehn grosse Schweizer Firmen sind vor Ort, darunter ABB, Autoneum, Clariant, Kühne+Nagel, Nestlé, OC Oerlikon, Panalpina, Schindler, SFS, SGS und Sika. Die meisten Unternehmen haben einen Sitz, der weit vom Hafen entfernt ist. Entsprechend kam es zu keinen Schäden.

Der Lebensmittelgigant Nestlé dagegen hat ein Fabrikgebäude, das gerade einmal vier Kilometer vom Explosionsort entfernt ist. Damit liegt das Gebäude am Rande der drei Kilometer breiten Evakuierungszone, die von der chinesischen Regierung eingerichtet wurde. Die Wucht der Detonation habe zu leichten Schäden am Fabrikgebäude geführt, sagt Sprecherin Lydia Mézani. Fenster seien kaputt, schwere Schäden gebe es aber keine. Und glücklicherweise seien alle Angestellten wohlauf.

SGS schliesst Büros

Schwer erwischt hat es den Warenprüfkonzern SGS. Die Genfer sind mit verschiedenen Büros in Tianjin vertreten. Die Mehrzahl davon ist weit entfernt von der Unfallstelle, eines befindet sich aber in unmittelbarer Nähe. Alle Büros sind bis auf weiteres ausser Betrieb. «Die SGS-Niederlassungen sind geschlossen, bis Klarheit über die gesundheitlichen Auswirkungen der Explosionen herrschen», erklärt Konzernsprecher Jean-Luc de Buman die Situation. Die Büros in Tianjin seien aber nicht beschädigt worden, hält er fest. SGS-Mitarbeitende blieben ebenfalls unverletzt, manche gingen aber zur Kontrolle ins Krankenhaus – «um sicher zu gehen», meint der Konzernsprecher.

Wann der Genfer Traditionskonzern seine Niederlassungen wieder öffnen kann, ist ungewiss. Es werde jedenfalls Folgen für den Geschäftsgang in China haben, sagt de Buman. Wie stark der Effekt sein wird, hänge von der Länge der Schliessung ab. «So wie es heute aussieht, werden sich die negativen Auswirkungen aber in Grenzen halten», schreibt der Konzernsprecher.

Kühne+Nagel-Lager kurz geschlossen

Neben Nestlé und SGS spürt auch das Logistikunternehmen Kühne+Nagel die Folgen der Explosionen. Die Firma betreibt ausserhalb der Evakuierungszone ein Lager und wickelt Importe und Exporte über den Hafen von Tianjin ab. Das Lager ist nach einem kurzen Unterbruch wieder in Betrieb, wie Konzernsprecherin Lauble sagt.

Der Warenverkehr, das eigentliche Geschäft von Kühne+Nagel, funktioniere mittlerweile auch wieder, wie die Sprecherin ergänzt. Alles sechs Containerterminals seien wieder offen. «Allerdings gibt es noch Verzögerungen, insbesondere bei der Verzollung von Gütern.»

Bei Aufzugbauer Schindler zeigen sich die Folgen in geringen Masse. Im dortigen Büro seien einige Scheiben zerbrochen, so ein Sprecher. Dabei sitzt das Unternehmen in Tianjin ausserhalb des Hafenbereiches.

Autoneum passt Produktionskapazität an

Längerfristige Auswirkungen spürt Autoneum. Der Winterthurer Autozulieferer hat die Produktionskapazitäten nach unten anpassen müssen, wie Firmensprecher Valentin Handschein sagt.

Autoneum ist seit 2004 in Tinajin mit einem Joint-Venture-Produktionsstandort vertreten. «Von den Explosionen im Hafen war dieses Werk nicht betroffen», sagt Handschein. Die Standorte einiger Kunden seien jedoch beeinträchtigt worden. Entsprechend habe die Winterthurer Firma reagieren müssen.

Für die Autoindustrie ist Tianjin entscheidend. Der zehngrösste Container-Hafen der Welt sei das «Eingangstor» zu Nordost-China, wie Daniel Bont, China-Experte des Schweizer Aussenhandelsverbandes Switzerland Global Enterprise, sagt. Rund 40 Prozent der importierten Autos würden dort abgewickelt.

Über Tianjin werden aber auch viele Rohstoffe und Vorprodukte geliefert sowie Güter für die Versorgung der 120 Kilometer entfernten Hauptstadt Peking. Sendungen mit Eisenerz seien sehr stark betroffen von den Explosionen, sagt Bont. Zum Teil kam es zum Unterbruch.

Obschon der Hafen grosse Bedeutung hat für die Autoindustrie, spüren die Autoneum-Rivalen Georg Fischer und Feintool keinen «Tianjin-Effekt». Ihre Automotive-Sparte sei weder direkt noch indirekt von dem Unglück im chinesischen Hafen betroffen, wie die Pressesprecher der entsprechenden Firmen sagten. Das liege auch daran, dass sie ihr China-Geschäft über andere Häfen abwickeln.

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