Seit dieser Woche hat die Post einen neuen Chef: Roberto Cirillo. Und ebenfalls seit dieser Woche ist klar: Die Post will sich eine neue Strategie verordnen – und zwar schnell.

Die Amtszeit von Cirillo beginnt damit unter einem ungünstigen Stern. Denn als Staatsunternehmen wird die Post von der unberechenbaren Politik getrieben – und nicht von elaborierten Strategieplänen. Ergo ist zu befürchten, dass Polit-Nobody ­Cirillo trotz Sukkurs von CVP-Altmeister und Post-Präsident Urs Schwaller in den Bundesberner Mühlen zerrieben wird.

Aber der Reihe nach.

Consultants für eine neue Post-Strategie

Wie einem Eintrag auf der Ausschreibungsplattform des Bundes Simap zu entnehmen ist, hat die Post am 1. April – also an Cirillos erstem offiziellen Arbeitstag – die Submission für ein Beratungsmandat der besonderen Art eröffnet.

Gesucht wird ein Anbieter für «Management-Beratungsleistungen». Er soll die Post «entsprechend der besonderen Bedürfnisse des Konzerns» unterstützen. Und zwar «zu wirtschaft­lich bestmöglichen Bedingungen», wie es in der Ausschreibung weiter heisst. Gesucht wird also eine Consulting-Firma, die der Post «im Rahmen des Projekts ‹Strategieentwicklung Post 2024›» beratend unter die Arme greifen soll.

Viel Zeit lässt die Post den Beratern für ihre Bewerbung nicht – im Gegenteil: Alles muss sehr schnell gehen. Fragen zur Ausschreibung beantwortet die Post bis zum 11. April, also nur noch eine Woche lang. Eingereicht werden sollen die Offerten bis spätestens 13. Mai, also innert Monatsfrist.

Strenge Geheimhaltungsregeln

Es gelten strenge Geheimhaltungsregeln. Nur schon wer die detaillierten Anforderungen an die Offerte erfahren will, muss eine Schweigeverpflichtung unterzeichnen. Jedem, der sich nicht an die Geheimhaltung hält, droht die Post mit einer Konventionalstrafe von 50 000 Franken.

Was genau die Post von den Beratern will, geht aus der Ausschreibung für das Mandat nicht hervor. Ebenfalls offenbleiben muss die Frage, ob die neue Strategie im Zusammenhang mit der Neubesetzung im Postministe­rium des Bundes zusammenhängt. SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga übernahm das zuständige Departement Uvek erst im Januar von der zurückgetretenen Doris Leuthard.

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Mehr als ein Chefinnen-Wechsel

Die Rochade ist mehr als ein Chefinnen-Wechsel. Bezüglich der Post herrscht im Departement Sommaruga ein ganz anderer Wind als früher. Leuthard hat das Post-Management an der langen Leine geführt. Sommaruga sieht die Post als Verlängerung der Verwaltung. Sie fordere, wie zu hören ist, mehr Fokus auf Service public und weniger Lamento über wegbrechende Gewinne. Symptomatisch für die neue Kultur im Uvek ist, dass Sommaruga in der Debatte um die umstrittene Reise des Post-Managements nach Vietnam Interimschef Ulrich Hurni und Schwaller zu sich zitierte und ihnen die Leviten las. Unter Leuthard wäre so etwas undenkbar gewesen.

Die Post äussert sich nicht zu Hintergründen oder Details der Strategieausschreibung. Und Schwaller sagte am Rande des ersten Auftritts von Roberto Cirillo einzig, die Berater sollen den neuen Chef bei dessen Analyse der Firma unterstützen – «mit dem Blick von aussen». Er wolle, so Schwaller, spätestens Ende Jahr fünf, sechs strategische Pfeiler definiert haben. Auf deren Basis werde die Post dann das Gespräch mit dem Eigner und der Politik suchen.

Schwaller setzt alles daran, um mit der Vergangenheit zu brechen. Er will einen radikalen Schlussstrich unter die unglückliche Ära von Cirillo-Vorgängerin Susanne Ruoff ziehen.

Karikatur

So sieht unser Karikaturist Silvan Wegmann das neue Gespann Urs Schwaller und Roberto Cirillo.

Quelle: Silvan Wegmann
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Politische Gretchenfrage

Zu viel ist in den letzten Jahren und Monaten schiefgelaufen: Die Tochter Postauto entpuppte sich als Subventionsbetrügerin. Postfinance macht Schlagzeilen mit enttäuschten Kunden, die wegen steigender Gebühren scharenweise zur Konkurrenz abwandern. Geld verdient das Finanzinstitut im mageren Zinsumfeld fast keines mehr. Es kommt zum Stellenabbau. Sparen schliesslich will die Post auch im Poststellennetz – ein Defizitgarant, der in der öffentlichen Wahrnehmung aber einer heiligen Kuh gleichkommt.

Mit dem Wechsel auf dem Stuhl des Konzernchefs soll der Staatsbetrieb nicht nur personell neu auf­gestellt werden. Schwaller verordnet dem gesamten Betrieb eine Neuausrichtung.

Schaden kann eine neue Strategie nicht. Baustellen gibt es mehr als genug. Das Problem aber ist: Die entscheidenden Fragen zur Zukunft der Post werden weder am Hauptsitz des Unternehmens noch von einer Consulting-Firma beantwortet. Sondern im Parlament. Und dort gibt es von links bis rechts divergierende Ansichten.

Undurchdringliche Gemengelage im Parlament

Beispiel Postfinance: Die Linke sträubt sich gegen die Teilpriva­tisie­rung von Staats­eigentum, die Rechte gegen die ebenfalls angedachte Auf­hebung des Kreditverbots. Und im Ständerat lamentieren bereits die Kantonsregierungen, dass Postfinance im Hypothekargeschäft in Konkurrenz zu den Kan­tonalbanken treten will. Im Hintergrund mahnt obendrein die Nationalbank zur Zurückhaltung bei Immobilienkrediten.

Auch in den anderen Geschäftsbereichen ist die politische Gemengelage undurchdringlich. Die Post will kaum frequentierte Poststellen schliessen, die Politik gibt ihr schwer zu erfüllende Vorgaben in Sachen Erreichbarkeit der Filialen. Und die Gewerkschaften wettern gegen Dumping-Arbeitsbedingungen bei Pseudo-Postfilialen.

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Post hätte einschlägiges Wissen in den eigenen Reihen

Was Consultants bei dieser Ausgangslage ausrichten sollen, bleibe mal dahingestellt. Ohnehin zu hinterfragen ist, weshalb die neue Strategie nicht im Unternehmen selbst entwickelt wird. Immerhin sitzen im Verwaltungsrat zum Teil gestandene Managerinnen und Manager aus Privat- und Staatswirtschaft. Mit Bernadette Koch hat die Post sogar eine Beraterin mit einschlägiger Erfahrung in den eigenen Reihen. Koch leitet bei EY den Bereich Public Sector. Und mit Neo-Pöstler Cirillo wurde ein Berater verpflichtet. Cirillo arbeitete von 1998 bis 2007 für McKinsey.

Politfuchs Schwaller muss bewusst sein, dass die Bandbreite einer Neuausrichtung der Post eng ist – gerade unter der Ägide einer linken Departementschefin. Dass die Post doch Geld für Consultants ausgibt, kann nur bedeuten, dass sich Schwaller und Cirillo einiges vorgenommen haben. Cirillo sagt, für ihn sei das Postauto als Bub «das Tor zur Welt» gewesen. Eine Metapher für die neue Strategie?