Das ungebrochene Wachstum des Güterverkehrs in Europa, aber auch in Übersee, wird sich auch in den nächsten 15 Jahren fortsetzen. Bis 2025 erwartet das Basler Beratungsunternehmen ProgTrans eine Zunahme um mehr als ein Drittel der heutigen Güterverkehrsleistung. Ein Blick in die Teilmärkte zeigt jedoch durchaus Unterschiede: Während die Güterverkehrsleistung im westlichen Europa (bestehend aus den 15 alten EU-Staaten plus Norwegen und der Schweiz) im Jahresdurchschnitt mit zirka 2% wachsen wird, nimmt die Güterverkehrsleistung in Osteuropa bis 2020 um 1 Prozentpunkt schneller zu.

Die vielfach erwartete Verkehrslawine aus dem Osten bleibt dennoch aus. Denn: Die hinter dieser beeindruckenden Wachstumsrate stehenden absoluten Zahlen gehen im Güterverkehr Westeuropas beinahe unter. So besitzt allein Deutschland einen grösseren Güterverkehrsmarkt als ganz Osteuropa zusammengenommen. Und daran wird sich auch in den nächsten 15 Jahren nichts ändern: Der grösste Güterverkehrsmarkt Europas wächst jahresdurchschnittlich um 2,3% und damit sogar geringfügig über dem europäischen Durchschnitt.

Konkurrenz der Verkehrsträger

Im Wettbewerb um die Anteile am Güterverkehr besitzen alle drei Landverkehrsträger unterschiedliche Ausgangspositionen: Während heute auf der Schiene knapp 18% der gesamteuropäischen Güterverkehrsleistung abgewickelt werden, besitzt die Strasse einen Anteil von 77%, das Binnenschiff 5%. An dieser Übermacht der Strasse wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Im Gegenteil: Der Strassengüterverkehr wird in Europa bis 2020 mit 2,3% pro Jahr stärker als die beiden anderen Verkehrsträger wachsen.

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Für diese Entwicklungen benennt ProgTrans verschiedene Gründe: Zum einen verliert die Bahn in Osteuropa nach wie vor überdurchschnittlich an Marktanteilen, nicht zuletzt aufgrund des Rückgangs von bahntypischen Transporten bei gleichzeitig immer noch maroder Infrastruktur. Dies kann durch punktuelle Marktanteilsgewinne der Schiene in Westeuropa nicht aufgefangen werden. Zum anderen setzt sich in Gesamteuropa der Güterstruktureffekt weiter fort: Weg vom (bahnaffinen) Massengut hin zu hochwertigen Halb- und Fertigwaren, die vielfach schneller, planbarer, sicherer und nicht zuletzt kostengünstiger mit dem Lastwagen befördert werden. Hinzu kommt: Die starke Verflechtung der europäischen Volkswirtschaften untereinander und die Diversifizierung der Produktions- und Logistikprozesse führen auch in Zukunft zu weiter steigenden Transportentfernungen. Obwohl die grossen Entfernungen die Schiene begünstigen könnten, ist sie heute noch zu wenig in der Lage, grenzüberschreitende Verkehre effizient und zuverlässig abzuwickeln. Die positiven Effekte der Eisenbahnliberalisierung reichen momentan bestenfalls aus, den Marktanteilsverlust zu bremsen. Die Trendumkehr wird noch Geduld und zusätzliche Anstrengungen brauchen.

Die volkswirtschaftlichen Verflechtungen lassen sich auch in den Entwicklungen der einzelnen Hauptverkehrsrelationen ablesen. Während die Binnenverkehre innerhalb der einzelnen Länder nur noch unterdurchschnittlich zunehmen, werden die grenzüberschreitenden Transporte in Gesamteuropa bis 2020 jedes Jahr um durchschnittlich 3% wachsen. Bereits heute verbleibt mehr als ein Drittel des europäischen Güterverkehrs nicht mehr in seinem Ursprungsland, sondern erfolgt länderübergreifend. Diese Entwicklung bekommen gerade die zentral gelegenen Länder zu spüren: In der Schweiz und in Österreich ist beinahe ein Drittel des Gesamtverkehrs Transit, dies wird sich in den nächsten 15 Jahren sogar noch leicht verstärken. In Deutschland wird 2020 jeder fünfte Tonnenkilometer im Durchgangsverkehr erbracht werden.

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Ist eine Entkopplung in Sicht?

Vielfach diskutiert, und von der Politik gern als Ziel formuliert, wird die sogenannte Entkopplung der Güterverkehrsleistung von der wirtschaftlichen Entwicklung. Gemessen am Bruttoinlandprodukt hat die Güterverkehrsleistung in der Vergangenheit immer schneller zugelegt als die Wirtschaft. Und nach den Prognosen der ProgTrans wird sich dies auch in Zukunft nicht verändern. Aber: Die Zunahme der Transportintensität wird sich nicht mehr ganz so dynamisch gestalten wie zuletzt beobachtet. Zum einen nähern sich die osteuropäischen Länder immer mehr dem tieferen westeuropäischen Niveau der Transportintensität an, zum anderen sind in Zukunft keine signifikanten Sprünge bei der Veränderung der Güterstruktur zu erwarten.

Luftfracht hebt ab

Nach Unterbrüchen infolge der Ereignisse des Jahres 2001 hat sich der Luftfrachtsektor wieder den Entwicklungen einer sich globalisierenden Welt angepasst. Die ProgTrans erwartet bis 2020 für Europa eine Zunahme der mit Flugzeugen beförderten Güter um mehr als die Hälfte der heutigen Frachtmenge. Auch hier spielt die osteuropäische Nachfrage nur eine untergeordnete Rolle, Westeu-ropa wickelt auch in 15 Jahren mehr als fünfmal so viel Luftfracht ab.

Erstmals wurden im Rahmen des European Transport Report Güterverkehrsmärkte in Übersee betrachtet. Dies nicht zuletzt, um die europäischen Entwicklungen ins Verhältnis zu anderen wichtigen Volkswirtschaften zu setzen. So berichtet die ProgTrans, dass die Transportintensitäten in Europa bereits vergleichsweise niedrig sind, während sie in der ehemaligen Sowjetunion um mehr als das Zwanzigfache darüber liegen. Ebenso werden auch in China - bezogen auf das BIP - weit mehr Güter befördert als in Europa.