Die Bergwelt ist ein faszinierendes Universum. Von den bewohnten und kultivierten Regionen bis hinauf in die unwirtlichen und lebensfeindlichen Extremzonen des ewigen Eises fordern Klima und geografische Begebenheiten von den Menschen ein hohes Mass an Anpassungsfähigkeit und Respekt. Wohl keiner weiss dies besser als der ökologisch engagierte Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner, der 1983 die unweit des Vinschgauer Dorfes Naturns gelegene Halbruine Juval kaufte und in zehnjähriger Arbeit restaurierte. Seither dient das auf einem exponierten Bergrücken thronende Castel Juval Reinhold Messner und seiner Familie als Sommersitz; es kann jeweils im Frühjahr und im Herbst während dreier Monate besichtigt werden.

Zum herrschaftlichen Anwesen, zu dem eine für den Privatverkehr gesperrte, kurvenreiche Strasse führt (ein Shuttlebus bringt die Besucher rauf und runter), gehört auch das von der Familie Schölzhorn geführte Gasthaus Schlosswirt Juval. Aufgetischt werden nicht nur selbst erzeugte und veredelte Südtiroler Produkte und typische Gerichte, sondern auch erstklassige Südtiroler Gewächse, vorab jene des Weinguts Unterortl, das ebenfalls zum Messnerschen Besitz zählt.

Der Unterortlhof liegt auf halber Höhe des Schlosshügels, auf einer Terrasse mitten im Steilhang. Bis hierher kann man mit dem eigenen Auto fahren, danach kommt man nur noch mit einer Spezialbewilligung oder mit dem Bus weiter. 1992 übernahm das Pächterehepaar Martin und Gisela Aurich den ehemaligen Mischbetrieb, auf dem vor allem Obst und kaum Reben kultiviert wurden. Der in Berlin geborene und in der Forschungsanstalt Geisenheim ausgebildete Getränketechnologe war 1982 ins Südtirol übersiedelt, wo er zunächst am Landesweingut und Versuchszentrum Laimburg tätig war. In seiner neuen Wahlheimat lernte er seine aus dem Schwarzwald stammende Frau Gisela kennen. Gemeinsam ergriffen sie die Gelegenheit, den Unterortlhof in ein Weingut zu verwandeln. Voller Tatendrang bauten sie den Keller aus und bestockten über die Jahre hinweg rund 4 ha mit Reben. Auf den restlichen 3 ha des Guts stehen nach wie vor Obstbäume, deren Früchte Martin Aurich in der ebenfalls neu errichteten betriebseigenen Brennerei in Edelschnäpse verwandelt.

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Steil und windexponiert

Für jeden qualitätsorientierten Winzer stehen die Reben im Mittelpunkt. Martin Aurich schlägt vor, einen Abstecher zur in unmittelbarer Nähe des Guts liegenden und mit Riesling bestockten Lage «Windbichel» zu machen. Das steile Gelände ist terrassiert und, wie der Name andeutet, windexponiert. Man hat eine atemberaubende Aussicht ins Etschtal, und bergwärts blickend erkennt man weitere Rebberge, die mit Weissburgunder, Müller-Thurgau und Blauburgunder bepflanzt sind. Auf einer weiteren, «Himmelsleiter» genannten Parzelle werden im gemischten Satz die roten Sorten Zweigelt, St. Laurent, Garanoir, Gamaret und Blauburgunder kultiviert. «Diese Sorten wachsen nicht nur in der gleichen Reblage, sie werden auch zusammen geerntet und zu unserer eigenen, ‹Gneis› getauften Version eines roten Bergweins vergoren», erläutert Aurich. «Alle Parzellen sind gegen Süd-Südosten ausgerichtet und liegen zwischen 600 und 850 Höhenmetern. Das Terroir ist geprägt durch durchlässige, sandige Böden mit hohem Gesteinsanteil und einem vorteilhaften Mikroklima, das sich durch viel Wind sowie hohe Tages- und kühle Nachttemperaturen auszeichnet. Wir kommen deshalb nicht darum herum, in Trockenphasen die Reben zu bewässern.»

Da sind auch noch die Schnäpse

Um hochwertige Weine zu erhalten, wurden die Weinberge mit 8000 Reben pro ha bepflanzt. Wegen der hohen Stockdichte und des steilen Geländes seien für die Bewirtschaftung des Reblandes überdurchschnittlich viele Arbeitsstunden nötig, führt Aurich weiter aus. Bei rund 700 Stunden pro Hektar liege der Erfahrungswert, wobei die Handarbeit einen beachtlichen Teil ausmache. Im Keller präsentieren Martin und Gisela Aurich die Wein gewordenen Resultate ihrer Bemühungen, von der lebendig-frischen Cuvée «Glimmer» aus Müller-Thurgau und den beiden alten lokalen Sorten Blatterle und Fraueler über den komplexen, vielgelobten Weissburgunder und drei verschiedene Rieslingversionen bis hin zum erwähnten «Gneis» und dem ebenso fruchtbetonten wie tiefgründigen Blauburgunder. Trotz der sortentypischen Unterschiede sind allen Weinen eine mineralische Note und eine lebendige, harmonisch abgerundete Säure eigen. Abgerundet wird das Weinsortiment von nicht weniger als 15 hausgebrannten Schnäpsen, die - Applaus - allesamt ohne die in Italien in Mode gekommene kitschige Zuckerbeigabe auskommen.

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Mit einer Jahresproduktion von knapp 30000 Flaschen Wein gehört das Weingut Unterortl zu den eher kleinen Rebbaubetrieben im Südtirol.