Was macht den Erfolg von Facebook aus?

Chris Hughes: Facebook ist ein Werkzeug und bringt den Menschen einen Nutzen. Man kann zwar damit auch spielen und andere unwichtige Dinge tun - aber die Hälfte der angemeldeten User kommt nicht jeden Tag auf die Seite, nur weil diese Spass und Ablenkung suchen, sondern weil sie sich etwas davon versprechen.

Was versprechen sich denn die Nutzer von Facebook?

Hughes: Soziale Netzwerke decken das grundlegende Bedürfnis nach Kommunikation ab. Das ist menschlich. Wir wollen mit Menschen, die uns wichtig sind, in Kontakt bleiben. Mit Facebook ist das sehr leicht möglich.

Was bedeutet der Erfolg von Facebook für die Zukunft des Internets?

Hughes: Mehr Menschen werden über das Internet miteinander verbunden sein und mehr Information teilen. Sie werden mehr Kontrolle über die Information erlangen, die sie zu teilen bereit sind. Sie werden stärker steuern können, mit wem sie diese Information teilen wollen. Andere Dienste zeigen diesen Trend auf. Twitter ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Menschen Information verbreiten wollen. Es stehen zwar nur 140 Zeichen zur Verfügung, dafür aber ein riesiges Publikum.

Die Benutzerzahlen von Facebook haben die der anderen sozialen Netzwerke überflügelt. Kann auch der Hype um Facebook einst abnehmen und die Seite nicht mehr «cool» sein?

Hughes: Facebook war niemals wirklich «cool». Wir haben nie viel Geld für Marketing oder Branding ausgegeben. Wir wollten mit Facebook nur ein Werkzeug entwickeln. Das ist zwar nicht sexy, aber es ist das, was den langfristigen Erfolg von Unternehmen ausmacht. Sie müssen gute Produkte haben, die den Menschen helfen, grundlegende Dinge zu tun, die sie in ihrem Alltag brauchen - das ist Facebook.

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Ist ein Börsengang möglich, damit das Unternehmen auch langfristig finanziert ist?

Hughes: Ja, ein Börsengang ist möglich. Facebook konnte bisher von starken Geldgebern profitieren, ob das nun Microsoft oder traditionelle Venture-Capital-Unternehmen waren. Wenn Facebook aber mehr Kapital braucht, dann ist ein Börsengang sicher ein Thema. Doch kurzfristig ist das eher unwahrscheinlich.

Wie sieht denn ein langfristig erfolgreiches Geschäftsmodell im Internet aus?

Hughes: Ich glaube nicht, dass es ein eigentliches Wundermittel gibt. Doch existieren viele gute Beispiele aus den unterschiedlichsten Industrien, etwa Google, Amazon oder Apple.

Können auch Zeitungen im Internet erfolgreich sein?

Hughes: Durch das Internet ist viel mehr Information für mehr Menschen zugänglich - das ist gut. Doch vertrauenswürdige Information kostet Geld. Menschen haben schon früher und werden auch in Zukunft für den Zugang zu guter, verlässlicher und relevanter Information bezahlen. Es gibt viele Wege, die dahin führen. Es muss aber keine Website mit kostenpflichtigem Zugang sein. Das wäre sicher ein Rückschritt.

Was können Zeitungen dann tun?

Hughes: Umso eher die Unternehmen verstehen, dass ihr Geschäft die Informationen und nicht die News sind, desto eher werden sie den Menschen das bereitstellen, was sie brauchen. Zeitungen müssen mit verschiedenen Geschäftsmodellen experimentieren und irgendwann finden sie dann auch das richtige Businessmodel.

Sie waren für Facebook und US-Präsident Barack Obama tätig. Was sagen Sie dazu, wenn er Schüler vor dem Portal warnt?

Hughes: Es ist wichtig, sich im Klaren darüber zu sein, welche Information wir teilen. Deshalb ist es richtig, den Menschen zu sagen, dass sie vorsichtig und verantwortungsvoll mit dem Internet umgehen sollen.

Finden Sie es denn auch richtig, dass Arbeitgeber den Zugang zu Facebook sperren?

Hughes: Wenn ein Unternehmen ein Problem mit der Produktivität der Mitarbeitenden hat, ist die Ursache eher eine andere. Vielleicht ist die Arbeit nicht befriedigend, die Mitarbeitenden mögen sie nicht, sie haben keine Ziele oder sie fühlen sich nicht als Teil des Teams. Sicher sollen Menschen neue Technologien verantwortungsvoll einsetzen, doch Verbote nützen da wenig.

 

 


Als vier Studenten eine Idee hatten

Als Chris Hughes sein Harvard-Studium in Geschichte und Literatur aufnahm, konnte er wohl kaum ahnen, wo ihn seine Zukunft hinführen würde. An der Universität traf er den Informatikstudenten Mark Zuckerberg. Die beiden teilten sich in Cambridge ein Zimmer und freundeten sich dort mit den Wirtschaftsstudenten Dustin Moskovitz und Eduardo Saverin an. Zusammen entwickelten die vier Kommilitonen Facebook. Das Portal startete 2004 - gedacht, um sich auf dem Campus leichter auszutauschen.

Heute ist Facebook das weltweit meistbenutzte soziale Netzwerk im Internet. Zu Beginn dieses Jahres waren bei Facebook 150 Mio Nutzer regelmässig aktiv, im August waren es bereits 250 Mio User. 70% der Nutzer leben ausserhalb der USA. Dabei ist Facebook nicht nur etwas für Teenager, machen doch derzeit die über 35-Jährigen die am schnellsten wachsende Benutzergruppe aus. Laut Facebook verfügen auch der US-Präsident Barack Obama und das französische Staatsoberhaupt Nicolas Sarkozy über ein eigenes Benutzerprofil.

Marktwert unbekannt

Das Unternehmen ist heute in Palo Alto im Bundesstaat Kalifornien angesiedelt und beschäftigt rund 900 Mitarbeiter. Die Benutzung von Facebook ist nach wie vor kostenlos, Facebook finanziert sich über Online-Werbung. Der Wert des Unternehmens wurde beim Einstieg des russischen Venture-Capital-Investoren Digital Sky Technologies im Mai dieses Jahres auf rund 10 Mrd Dollar veranschlagt. Beim Einstieg von Microsoft vor zwei Jahren waren es noch 15 Mrd Dollar. Ob Facebook tatsächlich so viel wert ist, bleibt jedoch umstritten. Ein Börsengang, der Aufschluss geben könnte (siehe «Interview»), steht derzeit nicht zur Debatte.

Kritiker weisen darauf hin, dass sich soziale Netzwerke schlecht kapitalisieren lassen. Nutzer könnten sich von den Werbebannern gestört fühlen und daher Facebook fernbleiben. Zudem könnten andere Web-Seiten relativ schnell an Popularität gewinnen. So liess sich etwa der bereits 2003 lancierte Service MySpace von Facebook sehr rasch den Rang ablaufen. Das 2005 für 580 Mio Dollar vom US-Medienkonzern News Corporation übernommene Portal musste deshalb zuletzt ein umfangreiches Restrukturierungsprogramm ankündigen. Rund ein Drittel der Stellen wurden bei MySpace gestrichen.

Von den vier Facebook-Gründern sind Dustin Moskovitz und der heutige CEO Mark Zuckerberg noch immer für das Unternehmen tätig. Chris Hughes verliess Facebook 2007, um den Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama zu unterstützen.

Der heute 25-Jährige koordinierte die Website My.BarackObama.com. In den USA gilt er als genialer Kopf hinter der Online-Strategie des heutigen US-Präsidenten. Unter anderem setzte er während des Wahlkampfs auch Facebook, Twitter und weitere Online-Portale ein. Heute arbeitet Hughes für das Venture-Capital-Unternehmen General Catalyst Partners. Hughes ist jedoch noch immer an Facebook beteiligt und wirkt als Berater weiterhin an der Entwicklung des Unternehmens mit.

Streit zwischen Gründern

Über die Umstände des Ausscheidens von Eduardo Saverin ist wenig bekannt. Laut einem vor kurzem veröffentlichten Buch von Ben Mezrich (The Accidental Billionaires) ist zwischen den einstigen Studienfreunden Zuckerberg und Saverin ein heftiger Streit über die Ausrichtung und Finanzierung von Facebook ausgebrochen. Saverin soll danach von Zuckerberg ausgebootet worden sein. Die Geschichte bietet offenbar genügend Stoff für einen Hollywood-Streifen. Dieser soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen.

Doch nicht nur um die Streitereien zwischen den Facebook-Gründern ranken sich Legenden. Auch über die Entstehung des Portals sind einige Gerüchte im Umlauf. So wurde etwa Facebook vorgeworfen, beim Entwerfen von Facebook vom Internetportal ConnectU, das etwa gleichzeitig und ebenfalls in Harvard entwickelt wurde, abgekupfert zu haben. ConnectU und Facebook konnten sich zu Beginn dieses Jahres aussergerichtlich einigen. Doch auch die Betreiber von Facebook gingen gerichtlich gegen unliebsame Konkurrenten vor. So sah sich das im deutschen Sprachraum mit rund 6 Mio Nutzern äusserst populäre Portal StudiVZ ebenfalls in einen langwierigen Rechtsstreit mit Facebook verwickelt. Vor kurzem soll sich StudiVZ, das zum deutschen Medienkonzern Holtzbrinck gehört, ebenfalls mit Facebook auf einen Vergleich geeinigt haben und eine Entschädigung an das Unternehmen bezahlen müssen. (jb)