Der Anfang ist gemacht: Am letzten Wochenende traf sich eine hochkarätige Runde von Bildungs- und Wirtschaftsexperten im Journalisten-Club des Berliner Axel-Springer-Hochhauses, um über die Chancen für mehr ökonomischen Sachverstand an allgemeinbildenden Schulen zu diskutieren. Die von Fernsehjournalistin Carola Ferstl in ihrer Rolle als Präsidentin der Initiative «Learn Money» moderierte Veranstaltung brachte zutage, was es zurzeit in Deutschland an wirtschaftlicher Wissensvermittlung in Schulen gibt. Die Frage war, was möglich ist und was getan werden muss, um das Ziel zu erreichen, das da heisst: Wirtschaft in allen Schulformen, von der Grundschule bis zum Gymnasium.

«Total langweilig»

«Wir haben in Erdkunde etwas Wirtschaft behandelt», sagte die 14-jährige Schülerin Paula in die Runde: «Die meisten meiner Freunde finden das Thema total langweilig. Man müsste die Interessen der Jugendlichen viel mehr einbeziehen.» Gegen die Langeweile könnten Fachlehrer helfen, schliesslich belegen zahlreiche Studien, dass die grosse Mehrheit der Schüler und Eltern seit Jahren ein eigenständiges Fach Wirtschaft fordern.

Nur als genuines Schulfach würde ökonomische Bildung den Stellenwert erhalten, der ihr als Teil einer modernen Allgemeinbildung gebührt, betonte Hans Kaminski, Professor für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg. «Ohne Fach gibt es kein wirtschaftspädagogisches Studium. Ohne grundständig ausgebildete Lehrer gibt es keine substanzielle Wissensvermittlung. Ohne Curriculum ist es jedem Lehrer selbst überlassen, welche Inhalte er unterrichtet. Das reicht einfach nicht aus, um alle Schüler gleichermassen zu erreichen.»

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Kaminski fordert daher die Anerkennung von Wirtschaftswissen und Finanzkompetenz als Teil der Allgemeinbildung. Auch müsse die Lücke zwischen Haupt- und Realschulen auf der einen und Gymnasien auf der anderen Seite geschlossen werden. «Je weiter oben man im Bildungssystem schaut, desto weniger Wirtschaft gibt es», sagt Kaminski. Das habe historische Gründe, aber er glaubt, dass sogar Humboldt heute für Wirtschaft als Fach plädieren würde. «Momentan liegt Baden-Württemberg ganz vorne», sagte Rheinhold Stahler von der Deutschen Kultusministerkonferenz. Hier kommen 23% aller Gymnasiasten in den Genuss von Wirtschaftsunterricht - im Bundesdurchschnitt sind es allenfalls 10%. Für Stahler steht ausser Frage, dass mehr Wirtschaft in die Schulen muss, nur ist er sich der Hindernisse, vor allem der finanziellen Hürden in den Ländern, bewusst.

Um überhaupt eine Grundlage zu schaffen, müsse man einheitliche Bildungsstandards für alle Fächer haben, nicht nur für Hauptfächer wie Deutsch, Mathe und Fremdsprachen, meinte Hans-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband, selbst Schulleiter eines wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasiums in Bayern. Er plädiert ausserdem für die flächendeckende Einführung der gebundenen Ganztagsschule, «die eine andere Rhythmisierung des Schulalltags ermöglicht und Zeitfenster für neue Inhalte öffnet.»

Die Wirtschaft ist gewarnt

Auch die Wirtschaft hat längst erkannt, dass es bei Jugendlichen mit dem Wirtschaftswissen hapert. Viele Unternehmen fördern daher Projekte in diesem Bereich und schicken ihre Mitarbeiter als Gastdozenten in Schulen. Produktwerbung sei aber tabu, bestätigt Dirk Reich, Leiter des Bereichs Group Social Opportunities bei der Allianz.

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Die bildungspolitische Diskussion auf wirtschaftliches Allgemeinwissen zu lenken - das hat sich die Initiative «Learn Money» zusammen mit ihren Mitstreitern auf die Fahne geschrieben. In der Hoffnung, dass sich Schüler dann nicht mehr bei dem Thema Wirtschaft langweilen, sondern sich auf den Unterricht freuen. Der neugegründete Verein «Learn Money e.V.» will verschiedene Initiativen zum Thema Finanzwissen bündeln und an Schulen auch selbst aktiv werden.