Beim Erdölpreis hat eine erste scharfe Korrektur eingesetzt. Damit scheint der unaufhaltsame Aufwärtsdrang gestoppt und die Anleger müssen sich bei 113 Dollar je Barrel fragen, ob da eine Blase geplatzt ist, wie im Falle der lange als solide geltenden Investitionen im US-Immobilienmarkt.

So dramatisch sehen es die Experten allerdings nicht. «Der Ausdruck ?Blase? erscheint uns für das, was im Erdölmarkt geschieht, doch zu stark zu sein. Übertreibung umschreibt die Lage besser», relativiert Gabriele Widmann, Rohstoffexpertin bei der Deka Bank. «Wir hatten schon seit längerer Zeit mit einem Rückgang des Erdölpreises gerechnet. Dass er nun so früh eintritt, überrascht uns doch», sagt Widmann.

Vor Panikstimmung im Erdölmarkt will auch André Diem, Experte für Erdölaktien bei Diem Client Partner, nichts wissen. «Wir hatten bei 147 Dollar je Fass gewarnt, dass der Preis nun doch sehr hoch ist. Die Korrektur von knapp 20% ist aber doch sehr stark ausgefallen», sagt Diem.

Mehr als nur heisses Geld

Diem sieht nun gar Einstiegschancen. «Auf den gegenwärtigen Niveaus sind wir wieder Käufer von Erdölaktien.» Er ist der Überzeugung, dass die fundamentalen Gegebenheiten weiterhin für höhere Erdölpreise sprechen. So sei beispielsweise, mit der Ausnahme Brasiliens, in den vergangenen 20 Jahren kein einziges neues Erdölfeld entdeckt worden. «Erdölaktien sind zudem sehr tief bewertet. Auf der Basis der Gewinne für 2008 wird Conoco Philipps zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 4 gehandelt. Der S&P 500 hat ein KGV von 14», sagt Diem. Zudem ist für ihn der Höhepunkt der Erdölhausse noch nicht erreicht. «Die Spitze des Erdölpreises sehen wir bei 200 Dollar», prognostiziert Diem.

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Die Möglichkeit höherer Ölpreise will auch Widmann nicht ausschliessen. «Ursachen können Hurrikans in den Fördergebieten in den USA sein oder eine erneute Intensivierung der Finanzkrise. Letztere hat dazu geführt, dass viel Geld in die Rohstoffe geflossen ist», begründet Widmann. Sie geht mittelfristig von einem tieferen Erdölpreis aus. «Wenn man Erdöl aus rein fundamentaler Perspektive betrachtet, dann läge der faire Wert für die Sorte West Texas Intermediate bei 70 Dollar/Fass», sagt sie. Sie geht jedoch nicht davon aus, dass Erdöl auf dieses Niveau sinkt. Denn nicht nur kurzfristiges «Hot Money» sei in Erdöl geflossen, sondern es habe auch einen stetigen Zufluss von Geldern institutioneller Anleger gegeben. «Diese Gruppe von Investoren hat die Rohstoffe als neue Anlageklasse entdeckt. Somit dürften eher 100 als 70 Dollar/Fass das mittelfristige Preisziel sein», sagt Widmann voraus. Eine wichtige Rolle bei der Einschätzung der Perspektiven des Erdölpreises wird der sinkende Risikoappetit der Anleger spielen. Diese wollen Verluste um jeden Preis vermeiden. Darum würde es auch kaum überraschen, wenn es phasenweise zu panikartigen Einbrüchen an den Rohstoffmärkten käme.

Reichlich Raum nach unten

Die geringere Risikofreudigkeit zieht zudem ein De-Leveraging nach sich. Das impliziert, dass der für eine Blase unabdingbare Sauerstoff, nämlich reichlich billiges Kapital, knapp wird. Die Verringerung des Hebels kann den Einbruch der Rohstoffpreise auslösen oder beschleunigen. Fragt sich, wie stark die Preise fallen können. Stimmt die Diagnose, dass es sich um eine Blase handelt, dann sind die Risiken erheblich. Implodierende Blasen ziehen vielfach, ausgehend von den Spitzenwerten, Kursverluste von bis zu 80/90% nach sich. Für Erdöl würde das Preise um 20 bis 30 Dollar/Fass implizieren.

Das mag übertrieben erscheinen. Aber ein jüngeres Beispiel, das die Risiken in den Rohstoffmärkten beleuchtet, ist Nickel. Im November 2005 wurde es bei 12 050 Dollar pro t gehandelt. Dann stieg der Kurs bis Mai 2007 auf 53 000 Dollar/t. Mittlerweile ist der Kurs wieder bei 17678 Dollar pro t angelangt.

 

 


Es muss nicht immer Öl sein: Die Alternativen im Rohstoffsektor

Worauf sollen Anleger ihr Geld setzen, wenn sie in den Rohwarenmärkten investiert sein wollen, aber nicht stetig die Angst vor dem Absturz im Nacken wissen möchten? Folgende Bereiche bieten Potenzial:

Erdgas Als Alternative zum Öl interessant sind für Diem Anlagen in Erdgas. «Sein Kurs ist von 14 auf unter 9 Dollar gesunken, also ein Einbruch von knapp 50%. Historisch gesehen ist zudem die Relation von Erdöl und Erdgas bei 1 zu 6. Nun ist sie bei 1 zu 13», sagt Diem.

Metalle Für Widmann sind Nickel und Zink attraktiv. Doch die Kurse dieser beiden Metalle sind massiv gefallen. Chancen sieht sie auch in Silber, das gegenüber Gold zurückgeblieben sei. Silber und Gold sind sicherlich nicht völlig unabhängig vom Wirtschaftsgeschehen. Sollten allerdings die Rohstoffpreise einbrechen, dann könnte das zu neuen Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. Das wiederum kann die beiden Edelmetalle als Absicherung gegen Systemrisiken wieder in den Vordergrund rücken.

Agrarrohwaren Im Agrarbereich bestehe das Problem, dass das Angebot auf höhere Preise rasch reagieren könne, warnt Widmann. Ähnlich sieht Diem die Situation. «Weltweit gibt es immer noch grosse Anbauflächen, die brachliegen.» Zudem gebe es in den Agrarrohstoffen spekulative Exzesse.

Zu Rohstoffen bietet etwa ABN Amro eine breite Palette an Instrumenten an, die es ermöglichen, in spezifische Rohstoffe zu investieren. Breiter diversifiziert sind Anleger mit dem Fonds Deka-Commodities. Er ist zu 40% in Energie, 28% in Landwirtschaft, 17% in Industriemetalle und 8% in Viehwirtschaft investiert. (cf)