Der ehemalige australische Weltklasseschwimmer und fünffache Olympiasieger Ian Thorpe liegt in Sydney auf der Intensivstation. Laut Medienberichten hatte er sich bei einer Schulteroperation in der Nähe seines Wohnortes Ronco sopra Ascona mit einer bakteriellen Erkrankung infiziert. Der 31-jährige Australier werde nie mehr schwimmen können, war in der Presse zu lesen.

«Es ist ernst, aber er schwebt nicht in Lebensgefahr», bestätigte Thorpes Manager gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Dass sich Thorpe aber tatsächlich in seiner Wahlheimat, der Schweiz, angesteckt hat, ist indes fraglich. Laut dem Tessiner Nachrichtenportal «Ticinonews» habe sich Thorpe nie in einer Schweizer Klinik behandeln lassen. Die Krankheit habe er in einem Spital in Sydney aufgelesen, berichtet die Website unter Berufung auf Thorpes Trainer Gennadi Touretski.

Gift für eine bommende Branche

Ob die Geschichte von Thorpes Ansteckung im Tessin nun stimmt oder nicht, wird sich weisen. Unabhängig vom Ausgang ist aber klar, dass solche Meldungen Gift sind für den boomenden Medizinaltourismus in die Schweiz. «Solche Fälle muss man sehr ernst nehmen», sagt Heinz Locher vom Beratungsunternehmen Heinz Locher Management- & Consulting Services. Um die Folgen abschätzen zu können, müsste man aber wissen, wo sich der Schwimmstar infiziert habe.

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Medizinaltourismus ist für die Schweiz ein wichtiges Geschäft. Schweiz Tourismus und Switzerland Global Enterprise haben 2010 eigens den Verein Swisshealth gegründet, um das Schweizerische Gesundheitssystem sowie die medizinischen Leistungserbringer in den Zielmärkten zu bewerben. Der Verein konzentriert sich insbesondere auf die Golfstaaten sowie auf Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken.

Breite Palette

Für die allermeisten Schweizer Spitäler ist der Gesundheitstourismus zwar zahlenmässig relativ unbedeutend. Es gibt aber auch gewichtige Ausnahmen. Einzelne Privatkliniken im Bereich der plastischen Chirurgie sind sehr stark abhängig von ausländischen Kunden.

Doch nicht nur die «ästhetische Medizin» lockt Patienten aus dem Ausland an. Laut Gregor Frei, Chef von Swisshealth, kommen die Leute auch wegen einer breiten Palette an weiteren medizinischen Behandlungen in die Schweiz: «Dazu gehören Krebsbehandlungen und Orthopädie ebenso wie Kindermedizin, Geburten und Rehabilitation.» Ein weiterer wichtiger Zweig sei auch die Behandlung von Sportverletzungen, so Frei.

Miliardenumsatz durch Medizinaltourismus

Genaue Erhebungen zur Zahl Medizinaltouristen gibt es nicht. «Wir schätzen aber, dass es jährlich rund 30'000 Personen sind, die eigens für medizinische Behandlungen in die Schweiz reisen», sagt Gregor Frei. Den medizinischen Umsatz pro Person schätzt Frei auf ungefähr 20'000 Franken. Der Gesamtwirtschaftliche Effekt sei aber noch viel grösser: «Man kann davon ausgehen, dass er das fünf bis zehnfache des medizinischen Umsatzes beträgt».

Nach dieser Rechnung würde die Schweizer Wirtschaft durch den Medizinaltourismus jährlich zwischen drei und sechs Milliarden Franken einnehmen. Bei einem Gesamtumsatz im Tourismus von 34,5 Milliarden Franken (2012), fällt diese Summe durchaus ins Gewicht.

Viele Infektionen in Schweizer Spitälern?

Neben wirtschaftlichen Gründen sind die ausländischen Spitaltouristen auch aus Prestigegründen attraktiv für Schweizer Spitäler. Chefärzte und Kliniken können mit profilierten Patienten ihr eigenes Image aufpolieren. «Die Spitzenmedizin ist ein weltweiter Markt und wer auswählen kann, geht zum Besten», sagt Experte Locher.

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Der Fall Thorpe wirft auch ein Schlaglicht auf die Problematik der Spitalbakterien. Im Herbst 2013 hatte der Nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken AQP die erste breit angelegte Untersuchung von Wundinfektionsraten nach Operationen in der Schweiz vorgelegt. Aufgrund der im internationalen Vergleich relativ hohen Zahlen, hatten etliche Medien die Qualität und den international guten Ruf der Schweizer Spitäler angezweifelt.

Kritik an Schweizer Qualitätskontrollen

Laut der Studie ist der Vergleich allerdings nicht zulässig. Die im Vergleich mit Deutschland deutlich höheren Infektionsraten nach chirurgischen Eingriffen hätten mit der längeren Erfassungsperiode und anderen Messfaktoren zu tun.

Auch Gregor Frei von Swisshealth kennt die Studie. Er könne aber nicht sagen, ob dies wirklich grosse Auswirkungen auf das Image der Schweizer Medizinalbranche habe. «Ich habe seither mit vielen Leuten im Ausland gesprochen und die angeblich hohe Infektionsrate war nie ein Thema für die potenziellen Kunden.»

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Bundesamt «hat versagt»

Die Schweiz habe bei der Qualitätskontrolle zu lange geschlafen, sagt aber Gesundheitsexperte Locher. Es mangle an Transparenz und Vergleichbarkeit. «Bis vor zwei Jahren mussten die Spitäler nicht einmal bekannt geben, welche Operationen vorgenommen wurden.»

«Das Bundesamt für Gesundheit hat versagt», so Locher. Er ist sich sicher, dass nach Spitälern und Operationen aufgeschlüsselte Zahlen grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Kliniken zeigen würden. «Der Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität würde offensichtlich». Vielleicht würde dann endlich die überfällige Sortimentsbereinigung in den Schweizer Spitälern stattfinden, hofft  Locher.