Der Impressionist Georges Seurat, 1859 in Paris geboren, ist nur 32 Jahre alt geworden. Er war stets ein Künstler, für den sich Privatsammler besonders interessiert haben. Seine hochgeschätzten Werke der spätimpressionistischen Kunst am Beginn der Moderne werden in Museen und Privatsammlungen streng gehütet. Umfassende Ausstellungen über Seurat sind selten - nicht nur, weil er in seinem kurzen Leben nicht sehr viele Bilder hinterlassen hat, sondern auch, weil sie konservatorisch heikel sind. Viele der grossen Formate sind fragil und nicht transportfähig, die Zeichnungen lichtempfindlich. Es ist deshalb eine stolze Leistung, dass das Kunsthaus rund 70 Werke aus allen Schaffensphasen nach Zürich holen konnte. Es sind vor allem Zeichnungen und kleinere Studien, die aus dem Blickwinkel «Figur im Raum» präsentiert werden.

Vater des Pointiellismus

Georges Seurat zählt neben Cézanne, van Gogh und Gauguin zu den «Vätern» der modernen Kunst. Er ist der originellste unter jenen, die im ausgehenden 19. Jh. die Avantgarde Frankreichs bildeten. Anders als sein Weggefährte van Gogh war er jedoch bereits zu Lebzeiten ein geschätzter Künstler. Er hatte zudem das Glück, aus einer wohlhabenden Familie zu stammen, sodass er sich zeitlebens nie um den Verkauf seiner Bilder kümmern musste.

Angeregt durch die Erkenntnisse neuer Farbtheorien begann er, schematisch gesetzte, reine Farbpunkte auf die Leinwand zu malen. Individuell geprägte Pinselstriche wichen systematisch gemalten Tupfen, die er mit hohem Arbeitsaufwand akribisch nebeneinander setzte und die die Leinwand wie ein Netz bedecken. Die Farben würden sich erst - was seiner Auffassung nach hinreichend war - im Auge des Betrachters mischen. Mit diesem sogenannten «Pointillisme» inspirierte er bald auch andere Kunstschaffende, die die Vorzüge dieser Technik erkannten. Van Gogh und Gauguin waren wie viele Maler ihrer Generation von Seurats Farbpalette und Technik fasziniert. Nicht mehr der künstlerische Ausdruck zählte, sondern das Auge, das scharfsinnig und geschult sein musste, um die angestrebten optischen Effekte zu erreichen. Später schwärmten insbesondere die Künstler des Bauhauses von seinen ungewöhnlichen Bildkompositionen und den Geometrisierungen von Figuren und Landschaft. Auch Künstler wie die italienischen Futuristen, Fernand Léger oder Le Corbusier haben mit Begeisterung an sein Werk angeknüpft.

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Figur im Raum

Seurat erfüllte die vom freien Farbauftrag lebende Malerei mit wissenschaftlicher Präzision. Wo nichts war als Licht und Atmosphäre, schuf er rationale Dialoge zwischen Figuren und dem Raum um sie herum. Dieser Umgang mit der Figur im Raum ist ein wichtiger Aspekt in Seurats Schaffen und das zentrale Thema der Ausstellung. Für ihn, so lässt sich der Künstler zitieren, sei das Motiv nur zweitrangig gewesen. Doch ist sein grosses Interesse an der Figur in seinen Bildern augenfällig. Titel wie «L’homme couché» (1883/84) oder «Dame au bouquet, de dos» (1882-83) bestätigen dies. Nüchtern und in streng kalkulierten Kompositionen hat Seurat die damalige Gesellschaft festgehalten. Zwar variierte er zuweilen eine Gestalt, holte sie heran oder hielt sie in unterschiedlichen Kombinationen mit anderen Personen fest - doch stellte er sie stets als einzelne, isoliert wirkende Figuren ohne Kontakt untereinander dar.

Seurats Farbpalette ist von vornehmer Zurückhaltung und dezenter Ausgewogenheit. Sie will zur Ruhe zwingen und regt dennoch den Sehsinn an. Ein leises Vibrieren von Farben und Licht spürt man in vielen seiner Ölstudien.

Hell-Dunkel-Kontraste

Wie hoch seine Zeichnungen geschätzt wurden und werden, lässt sich in der Ausstellung schon allein daran erkennen, wie aufwendig sie gerahmt sind. Seurat begann mit Zeichnungen und gab dieses grafische Arbeiten nie auf. Bereits seine Akademiestudien zeigen die intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Gestalt. In späteren Zeichnungen erreichte er ein bemerkenswertes Gleichgewicht zwischen Sujet und Autonomie der künstlerischen Mittel: Bleistiftstriche überziehen das Papier als dichtes Geflecht und lassen das Motiv als etwas Schwebendes, Unbestimmtes hervortreten beziehungsweise verschwinden. Die markanten Hell-Dunkel-Kontraste akzentuieren die Figuren und verleihen ihnen eine unwirkliche Präsenz. Auch in den Gemälden nimmt die Darstellung von Personen im Raum eine zentrale Stellung ein. Beispielsweise auf dem grossartigen «Cirque» von 1891 aus dem Musée d’Orsay, der als spektakulärer Höhepunkt der Ausstellung gezeigt wird.

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