Längst sind in den USA namhafte Ausstellungshäuser wie das Museum of Contemporary Art in Chicago oder das MoMa in New York auf Joanne Greenbaum aufmerksam geworden. In Europa ist die 1953 geborene Malerin jedoch noch weitgehend unbekannt. Sie verbindet in ihren Bildern kühle Systematik mit Expressivität und strenge Konstruktion mit ausdrucksstarker Farbgewalt. Mit ihren meist grossformatigen Gemälden gelingt es ihr, dem Medium Malerei ein ganz neues Potenzial abzugewinnen: Geometrische und organische Formen vermengt sie in einer komplex angelegten Behandlung des Bildraumes, in dem sowohl Anklänge an den Konstruktivismus wie auch an die Ästhetik von Comics auftauchen.

In den USA und in Europa war Joanne Greenbaum bereits in zahlreichen Galerien und Ausstellungen vertreten. Das Haus Konstruktiv in Zürich widmet der aussergewöhnlichen Malerin derzeit eine erste umfangreiche Einzelausstellung in musealem Rahmen.

Verschlungene Wegnetze

Die 55-jährige Künstlerin schafft mit abstrakten Mitteln vieldeutige Assoziationsbilder. Der Assoziationsreichtum und das Spielerische der Kompositionen unterscheidet ihr Werk von dem vieler anderer Kunstschaffender ihrer Generation. Erst auf den zweiten Blick geben die Bilder ihre Systematik zu erkennen. Es fehlt ihnen die gravitätische Strenge, die geometrisch-konstruktiven Arbeiten üblicherweise anhaftet. Manche ihrer mit farbintensiven und von vielfältigen Formen durchzogenen Konstruktionen erinnern an Diagramme, Planskizzen, verschlungene Wegnetze oder Stadtpläne. Andere gemahnen an architektonische Gebilde und rätselhafte Maschinenkonstruktionen. Die geometrischen und konstruktiven Elemente verbindet die Malerin jeweils mit gestischer, expressiver Malerei. Unterschiedliche Stile prallen dabei aufeinander: Nüchterne, technisch-rationale Formen vermengen sich mit organischen und poetischen. Ein Zentrum oder eine Hierarchie fehlt ihren Bildern. Joanne Greenbaum desorientiert den Betrachter, indem sie Unordnung in die geometrische Formensprache bringt, beispielsweise durch Übermalen. Dadurch entsteht ein gewisser Bezug zur Ästhetik der Pop-Art, von der sie vor allem als Studentin beeinflusst war. Damals hat sie auch Stillleben gemalt – doch hat sie dabei der Tisch, auf dem sich die Gegenstände befanden, in seiner Körperlichkeit mehr interessiert als das Stillleben selbst. Von dort aus war der Schritt zur abstrakten Malerei nicht mehr weit.

Sechs grossformatige Bilder hat Joanne Greenbaum extra für die Haupthalle des Haus Konstruktiv gemalt. Ein jedes in einer anderen dominanten Grundfarbe: Pink, Rosa, Rot, Schwarz, Türkis und Gelb. Das aus Linien, Kreisen, Punkten und Rechtecken aufgebaute Formenvokabular, wie es die Konstruktivisten zu Beginn des 20. Jhs. entwickelt haben, ist bei Joanne Greenbaum so stark gedehnt, gezerrt und überlagert, dass daraus der Eindruck einer bizarren Gegenständlichkeit entsteht. Es sind Gebilde voller Dynamik und Asymmetrie.Farbfelder ergiessen sich ins Bild, die geometrischen Elemente wuchern zu einer Einheit zusammen und scheinen nicht selten über den Bildrand hinauswachsen zu wollen.

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Immer wieder neu ausloten

Unverkennbar ist die Zeichnung der Ausgangspunkt von Greenbaums Arbeiten. Die Künstlerin zeichnet und kritzelt ganze Notizbücher voll. Aus diesen Skizzen entwickelt sie formale Ideen, die sie dann, vielfach vergrössert, in den Ölbildern wieder aufnimmt. Die Formensprache der klassischen Moderne kommt ebenso zum Zug wie die Farbfelder der Konkreten oder die mechanischen Elemente der Konstruktivisten. Verschiedene Stile verbindet sie zu einer Art postmodernem «Stilsampling».

Greenbaums Werk strahlt Selbstbewusstsein und Hingabe an das Medium Malerei aus. Ihre Fähigkeit, strenge Konstruktionen in die Unmittelbarkeit ihres malerischen Gestus einzubinden, trotzt der Malerei neues Potenzial ab. Joanne Greenbaum schafft komplexe Bildräume. Einige von ihnen sind voller Ironie, weil sie abstraktes Material mit Comic-Elementen mischen und nicht zuletzt an deren leichthändige Ästhetik erinnern.