Le Vendangeoir de Cramant, im Herzen der Côte des Blancs. Hier präsentiert Moët & Chandon seine Grands Vintages. Eine superbe Kollektion älterer Jahrgangschampagner, die erst jüngst degorgiert wurden und die in ihrer ganzen Frische erhalten sind.

Benoît Gouez, Kellermeister des berühmten Maison zu Epernay, bringt nie einen Jahrgangs-Brut heraus, ohne ihm schon einen Weg in die Zukunft zu bahnen. Er wirft bisherige Vorstellungen um und stützt seine Analysen auf frühere Erfahrungen.

Heisse Jahre sind nicht negativ

Die Einführung des Moët & Chandon Brut 2003 illustriert diese Philosophie. Benoît glaubt nicht, dass ein extrem heisses Jahr nur kurzlebige Champagner hervorbringen kann. «Nehmen Sie den Erfolg der Jahrgänge 1947, 1959 und 1976; das waren ebenfalls sehr warme Jahre. Und die Champagner dieser Jahre sind immer noch grossartig.» Zur Untermauerung schenkt Benoît einen Brut 1959 aus der Magnumflasche aus, à la volée geöffnet und ohne Dosage. Dieser Champagner verströmt kraftvolle Aromen von geröstetem Brot, Kompott, Quittenmus und Orangette. Und er offeriert eine berauschende Komplexität, der am Gaumen eine für einen fast 50 Jahre alten Wein verblüffende Frische folgt. Diese Lebhaftigkeit verstärken ein schöner Körper, ein reiches Aromenspektrum und eine kleine Bitternote im Abgang, der dies dem Fehlen der Dosage verdankt.

Parallel dazu bestätigt die Verkostung eines «stillen Weins» aus der Champagne, eines 100%igen Chardonnay aus Cramant - ebenfalls aus dem Jahr 1959 - die Grösse dieses Jahrgangs.

Darin entdeckt man wieder die Aromen exotischer Früchte, der Passionsfrucht und von Kompott und am Gaumen eine nicht endende Persistenz. Das säurebetonte Finale ist unglaublich. Diesen Champagner sollte man in 50 Jahren erneut verkosten können!

Ein unvergesslicher 1947er

Benoît Gouez erweitert seine Degustation mit einem Moët & Chandon Brut 1947. Dies ist ein grandioser Jahrgang, immer noch. Das Bukett explodiert in 1000 Aromen, die an Korinthen, Zitronenpaste, geröstete Brioche, Kakao und Quittenkonfitüre erinnern.

Am Gaumen erlebt man einen sehr frischen, fast lebhaften Auftritt, sehr nahe bei Zitrusfrüchten. Er glänzt zudem mit einer fast ewig anmutenden Beharrlichkeit und einem in Grapefruitaromen ausklingenden Abgang.

Bei dieser Verkostung folgen auf den Brut 1959 diejenigen aus den Jahren 1976, 1990 sowie 1995. Die kulinarische Abstimmung orchestriert Didier Eléna, der Küchenchef des «Château Les Crayères» in Reims. Die Brut Collection 1995 in der Magnumflasche begleiten die Gänseleberterrine. Die Einstufung dieses Brut: Kraftvolle, fruchtige Nase, Aprikosen-, Pfirsich- und Kompottnoten, aber auch Spuren von Mandeln und Akazienhonig. Am Gaumen sehr lebhaft, mit Aromen nach weissen Trauben. Zu seiner kulinarischen Vermählung lässt Eléna eine Terrine von zuvor gebratener Gänseleber auffahren. Sie ist mit stark säuerlichem Orangenmark gefüllt, was die Leber sehr schön zur Geltung kommen lässt und die Verbindung mit dem Champagner garantiert. Daneben ist eine dicke Languste in Spaghetti gewickelt; sie wird von einem «Orangenwein» umrahmt, einem sehr stark reduzierten Krebsenfond mit rotem Portwein und Orangensaft. Man erlebt Aromen, die sich herrlich mit diesem Brut 1995 vereinen.

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Vor vier Jahren degorgiert

Der Brut 1990 wurde im August 2004 degorgiert. Er hatte deshalb vier Jahre Zeit, um zu Atem zu kommen und mit Feuer seine Aromen nach Trockenfrüchten und Kompott, Haselnuss, milden Gewürzen und Vanille auszuspielen.

Am Gaumen mineralisch, fein ziseliert, sehr nach weisser Grapefruit schmeckend, grossartige Persistenz. Er sieht sich bei der Ver-kostung einem Hummer gegenüber, den eine amerikanische Tomatensauce und ein Kartoffelflan begleiten. Das Gesamtkunstwerk verbreitet eine unvergessliche Harmonie.

Der 2002 degorgierte Brut Collection 1976 verblüfft durch seine Aromenkomplexität. Darin entdeckt man, bunt durcheinander, Honig, geröstete Mandeln, Butter, Haselnüsse, getrocknete Trauben und auch Süssigkeiten. Am Gaumen immer noch frisch, umschmeichelt er die Geschmackszellen mit seiner Breite, seiner Frucht und seiner seidigen Textur.

Er verfügt über genug Körper, um einer marokkanischen Taube mit pürierten frischen Datteln, Kichererbsen und Koriander standzuhalten. Er leitet über in einen Kampf der Geschmäcker, der in einer Apotheose des Wohlgeschmacks endet.

Zurück zum Brut 1959, diesmal mit einer Dosage von 4 g sechs Monate früher. Das Bukett verströmt Anklänge von geröstetem Brot und von Kompott, aber weniger explosiv als sein Magnum-Vorgänger. Am Gaumen wirkt er frisch, unverschämt lebhaft. Didier Eléna spielt ein gewagtes Spiel, indem er ihn mit einem à la royale - also wie einen Hasen - zubereiteten Ochsenschwanz kombiniert. Begleitet von einer sirupartigen, mächtigen Sauce, die den Wein übertönt.

Umgekehrt nimmt man diesen Brut 1959 mit Begeisterung zum Dessert wahr. Ein mit Pflaumen und Himbeeren gefüllter und mit einer Creme aus Grüntee und parfümiertem Tee überzogener Brotwürfel wird serviert. Die Selbstverständlichkeit dieser kulinarischen Vermählung weiss vollumfänglich zu überzeugen. Die Röst- und Kakoanoten, die sich im Glas entfalten, verschmelzen treffend mit jenen des Tees.