SCHADEN-PRÄVENTION. Die Diskussionen über Prävention gegen Naturgefahren haben unter den Eindrücken der schweren Unwetter im letzten Sommer wieder zugenommen. Der Bundesrat etwa will in den nächsten vier Jahren 200 Mio Fr. zusätzlich zum Schutz vor Naturgefahren verwenden.

Guter, alter Fensterladen

In der Architektur hingegen wird den sich verändernden natürlichen Rahmenbedingungen zu wenig Rechnung getragen – der Einsatz von unwetteranfälligen Materialien ist sehr populär. Die architektonischen Freiheiten stehen oft im Widerspruch zu einer unbestrittenen Entwicklung: Elementarereignisse wie Starkregen und Sturm nehmen zu – sowohl an Häufigkeit als auch an Intensität. Bereits heute wird rund ein Drittel aller Versicherungsschäden durch wetterbedingte Naturkatastrophen ausgelöst.Die Wahl der Baustoffe spiegelt das in weiten Kreisen der Baubranche fehlende Risikobewusstsein: An erster Stelle kommt meistens das Design, danach allenfalls die Funktionalität. Ob das verwendete Material zum Beispiel hagelresistent ist, interessiert freilich nur am Rande. Vorab bei Dienstleistungsgebäuden stehen ästhetische Gesichtspunkte oft über allem.Ob für Flachdächer, Lichtkuppeln oder Fassadenabdeckungen: Die experimentelle Anwendung neuer Materialien korrespondiert nicht mit dem gestiegenen Unwetterrisiko. Dem guten, alten Fensterladen etwa kann Hagel kaum etwas anhaben; die etwas modischeren Lamellenstoren hingegen sind äussert anfällig. Ein Musterbeispiel für fehlende Sensibilität im Umgang mit Bausubstanz steht in München: Die 2005 eröffnete Allianz-Arena ist eines der grössten transparenten Membranbauwerke der Welt. Die Gebäudehülle besteht aus millimeterdünnen Folienmembranen, die sehr sensibel auf Hagel reagieren. Der grösste Hagelzug Europas zog am 12. Juli 1984 über München hinweg und verursachte volkswirtschaftliche Schäden von über 2 Mrd Fr.

Versicherungsschutz in Gefahr

In Anbetracht der Zunahme von Unwettern und des Schadenausmasses sind gewisse Immobilien bald nicht mehr versicherbar. Wozu die Ignoranz bezüglich Naturgefahren führen kann, zeigt sich an einem besonders krassen Beispiel aus der Innerschweiz, wo ein Gebäude unlängst mitten in einen Lawinenhang hineingebaut worden ist. Einzige behördliche Auflage: Das Gebäude darf zwischen Oktober und Ende März nicht bewohnt sein. Dieses Beispiel zeigt, dass die Bauvorschriften in der Schweiz auf Personenschutz abzielen und der Sachwertschutz zu wenig berücksichtigt wird. Der Eigentümer besagter Liegenschaft hat übrigens noch keinen Versicherer gefunden. Es liegt im Interesse der Eigentümer, sich der veränderten Gefahrenlage bewusst zu sein – und entsprechend zu handeln. Sonst droht längerfristig noch eine weitere Gefahr: Nämlich der Verlust des Versicherungsschutzes. Die Elementarschadenversicherung in der Schweiz basiert auf Solidarität zwischen Versicherern und Versicherten und ist aus volkswirtschaftlicher Sicht von grösster Bedeutung. Diese Solidarität sollte auch bei der Prävention spielen. Wer die Risiken der andern mitragen hilft, darf von diesen auch verantwortungsbewusstes Handeln erwarten.

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