Obwohl Roberto Colaninno seinen Rettungsplan diese Woche vorlegen will, winken alle ab. Denn bislang gilt die Vereinbarung, die die Regierung vor einer Woche mit dem Fiat-Konzern und den Gläubigerbanken getroffen hat, als offizieller Sanierungsplan. Als einziger Plan, wie die Kreditinstitute betonen. Corrado Passera von der Banca Intesa, einer der vier Hauptbanken, formulierte es letzte Woche gegenüber dem «Corriere della Sera» so: «Auf das Geld, dass Herr Colaninno bei Fiat einschiessen will, können wir gerne verzichten. Die Summe ist irrelevant.»

Die Abneigung gegenüber dem Finanzier aus Mantova lässt sich aufgrund der kritischen Situation, in der sich der Fiat-Konzern, insbesondere sein Automobilsektor, befindet, nicht erklären. Jede Hilfe, sollte man meinen, müsste in den Chefetagen von Fiat für Freudensprünge sorgen. Auch das Investitionsvolumen scheint kein Grund zu sein, den 59-jährigen Colaninno nicht ernst zu nehmen. Die «irrelevante Summe» beträgt immerhin zwischen 500 Mio und 1 Mrd Euro. Colaninno selbst nannte die Zahlen in einem Gespräch mit der Tageszeitung «Repubblica». Neben seiner persönlichen Investition würde er weitere sieben bis acht Mrd Euro beschaffen.

Die Frage, weshalb einem Mann, der sich aus eigener Initiative auf ein hoch riskantes Geschäft wie die Sanierung von Fiat einlässt, so viel Argwohn und Misstrauen entgegengebracht wird, ist auch aufgrund der aktuellen Börsenentwicklung erstaunlich. Als Anfang Januar dieses Jahres das Interesse Colaninnos an Fiat bekannt wurde, zogen die Aktienkurse am gleichen Tag an. In drei Börsensitzungen legte Fiat um 20% zu. Moody's hatte die Fiat-Papiere kurz vor Weihnachten als «junk bonds» deklassiert. Allein das Interesse Colaninnos am Industriekonzern sorgte für ein Hoch wie seit langem nicht mehr.

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Man kann die grundsätzliche Abneigung gegenüber Colaninno psychologisch zu deuten versuchen. Er hat sich von der Ersatzbank sozusagen selber eingewechselt, um die entscheidenden Pässe zu schlagen. Will Mannschaftsführer und Spielstratege zugleich sein. Das goutiert kein Stammspieler, schon gar kein Trainer. Zumal Colaninno bis 1996 ein unbekannter Name in der italienischen Hochfinanz war. Sohn eines Unteroffiziers und einer Schneiderin, geboren in Apulien, begann Colaninno nach dem Universitätsabbruch in Mantova als Buchhalter zu arbeiten. Dann gründete er die Firma Sogefi und vertrieb Ersatzteile für Occasionswagen. Vor sechs Jahren trat er bei Olivetti erstmals ins Rampenlicht. In Italien wird er weiterhin nur mit «ragioniere» betitelt, Buchhalter. Das hat selbst im Titel vernarrten Italien etwas Despektierliches. Einer, der es sonst zu nichts gebracht hat, ist «ragioniere». Ex-Olivetti-Chef Carlo De Benedetti war der Erste, der dem Beinamen aber auch einen anderen Sinn abgewinnen konnte. «Ragione» lässt sich auch mit Vernunft oder Verstand übersetzen. Der «ragioniere» ist somit einer, der seinen Verstand gebraucht, um vernünftig zu handeln. Das tat Colaninno, der vermeintlich graue Buchhalter, nach einer einfachen, aber (bisher) wirksamen Logik. Was nicht Geld bringt, wird abgestossen. Was Geld bringt, wird gestützt.

Colaninno wurde zum grossen Aufräumer bei Olivetti. Er schloss unrentable Zweige und nutzte das Geld, um andere Sektoren zu stärken. Dieselbe Strategie verfolgte er auch drei Jahre später bei Telecom Italia. Damals, im Sommer 1999, schaffte der Finanzier eine der grössten Übernahmen in der Wirtschaftsgeschichte Italiens: Er schnappte sich den Telekommunikationsgiganten Telecom Italia, wurde Präsident und dank eines ausgeklügelten Pyramidensystems faktischer Patron mit einer Beteiligung von nur 0,3%.

Frustrierte Agnellis

Die Agnellis, an Telecom beteiligt und ebenfalls an der Kontrolle interessiert, zogen sich zurück. Sie haben die Niederlage nie überwunden. Bei Telecom Italia blieb Colaninno zwei Jahre. Im Sommer 2001 musste er für den Pirelli-Präsidenten Marco Tronchetti Provera die Bürosuite räumen. Dass der neue Mann an der Spitze der Telecom dem Agnelli-Clan nahe steht, mag im Nachhinein nur ein kleiner Trost für die Turiner Industriellenfamilie sein. Erstens, weil Colaninno der Ruf nachgeht, trotz allem ein Macher zu sein. Zweitens, weil der «golden handshake», mit welchem Colaninno bei Telecom verabschiedet wurde, tatsächlich golden war und die Basis ist für seine jetzigen Finanzaktivitäten.

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In ihrem Buch «L'Affare Telecom» nennen die Autoren Giuseppe Oddo und Giovanni Pons die Summe von 250 Mio Euro, die Colaninno in den letzten sechs Jahren inklusive Börsengewinne verdient haben soll. Telecom entwickelte sich unter ihm derweil genau in die entgegengesetzte Richtung, als bei der Privatisierung des Staatskolosses 1997 beabsichtigt war. Der Konzern sollte gemäss damaligem Premier Prodi einen «demokratischen Kapitalismus» ansteuern und die erste Public Company in Italien werden. Colaninno machte aus der Telecom stattdessen das, was sie heute ist: Einen hierarchisch streng gegliederten Konzern, in welchem ein Padre-Padrone mit minimaler Beteiligung maximale Macht ausübt.

Am Donnerstag dieser Woche will Colaninno seine Karten aufdecken.