Anfang dieser Woche trat die designierte Generalsekretärin Fatma Samba Diouf Samoura erstmals am Hauptsitz der Fifa in Zürich auf. Vor ihren zahlreichen neuen Mitarbeitenden erklärte sie: «Es ist mein Ziel, die Reformen umzusetzen.» Sie wolle eine Fifa, auf welche die Menschen stolz sein können. Neuanfang. Ruhe. Harmonie. So wünscht es sich die Fifa.

Aber so ist es nicht. Hinter den Kulissen jagt gerade ein Showdown den nächsten. Intrigen, Tonbandaufnahmen von geheimen Sitzungen und ­zuletzt der fristlose Rauswurf des Finanzchefs. Die Nerven liegen inzwischen bei allen blank, auch beim ­neuen Präsidenten Gianni Infantino.

Neuanfang oder Restauration?

Aus gutem Grund: Am Hauptsitz auf dem Zürichberg wird dieser Tage das Machtvakuum nach dem Abgang von Sepp Blatter und seinem langjährigen Generalsekretär Jérôme Valcke neu gefüllt. Was jetzt festgezurrt wird, hat Bestand. Wer sich jetzt durchsetzt, sitzt für lange Zeit im Sattel. Die Frage ist nur: Ist es ein Neuanfang oder die ­Restauration von altbekannten Machtstrukturen? Vier Personen spielen in diesem Drama aktuell die Haupt­rollen: Der entlassene Finanzchef Markus Kattner, der zurückgetretene Oberaufseher Domenico Scala, Untersuchungs-Chef Cornel Borbély und Präsident Infantino.

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Offenbar hat sich das Zerwürfnis zwischen Kattner und Infantino vor Wochen angebahnt. Um was es genau ging, wissen innerhalb der Fifa nur wenige Mitarbeiter. Doch Kattner soll Infantino stärker widersprochen haben, als diesem lieb war. Gerade wenn es um Spesen ging, habe Kattner in den Augen von Infantino überraschend vehement auf einschlägige Reglemente verwiesen. Streitpunkt waren beispielsweise zwei Flüge des Präsidenten, bei denen sich die beiden Topshots nicht einigen konnten, ob diese nun als Spesen durchgewunken werden können oder nicht.

Der Anfang von Kattners Ende

Die Sache wurde beim Audit-­Komitee aktenkundig, nachdem das Gremium von einem Fifa-Mitarbeiter über das hitzige Gespräch unterrichtet worden war – mutmasslich von Kattner, der sich wohl absichern wollte. Irgendwie erfuhr Infantino davon. Das war der Anfang von Kattners Ende.

Doch zunächst sah es nach einer Trennung aus, wie sie in Teppichetagen normalerweise über die Bühne geht: Lautlos. Infantino liess Kattner ausrichten, dass er sich von ihm trennen wolle. Darauf begann das normale Procedere für solche Fälle. Das berichten zumindest Personen mit direktem Draht zur Zentrale. Erst einige Tage später wurde Kattner plötzlich fristlos entlassen. Gleichzeitig berichtete die «New York Times», er habe sich bei den Boni etwas zuschulden kommen lassen.

Belastende Dokumente

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Denn «fristlos» heisst so gut wie «überführt». Im Normalfall greifen Arbeitgeber zu diesem Mittel nur, wenn sie sich ihrer Sache absolut ­sicher sind. Ob das bei der Fifa so ist, bleibt offen. Die Organisation hat bisher einzig von der «Verletzung von Treuepflichten» gesprochen. Eine genauere Begründung hat die Öffentlichkeit noch nicht erhalten.

Offenbar soll es ein belastendes Dokument geben, wie man ununterbrochen aus dem Fifa-Umfeld hört; ein Dokument, das ausgerechnet in diesen letzten Tagen während der ­Eskalation zwischen Infantino und Kattner gefunden worden sei. Offenbar prüft die Fifa, ob Kattner direkt oder indirekt von verbotenen Geschäften bei der Vermarktung von Fussball-Weltmeisterschaften profitierte. Ob solche Anschuldigungen stimmen oder ob es sich schlicht um die Diskreditierung eines Unliebsamen handelt, können selbst absolute Insider inzwischen nicht mehr beurteilen. Wollte Infantino seinen Finanzchef und interimistischen Generalsekretär einfach ohne Verzug aus dem Haus haben?

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Die Kampagne Scala

Konspirative Kampagnen sind bei der Fifa unter der Führung von Infantino jedenfalls in diesen Tagen die Norm. Das zeigt der Abgang der zweiten zentralen Figur, des Oberaufsehers Domenico Scala. Auch da ging es erst einmal um Geld. Scala liess als Chef des Entschädigungskomitees eine Studie anfertigen, die den Rahmen für das künftige Salär von Infantino absteckte. Schliesslich legte Scala 2 Millionen Franken fest.

Infantino lehnte ab und begann, unverhohlen eine Kampagne gegen Scala zu ­orchestrieren. Das belegen Tonbandaufnahmen von Sitzungen des Fifa Council in Mexiko-City von Mitte Mai, die der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» zugespielt wurden. Es war pures Gift für Infantino. Auf den Bändern ist zu hören, wie der Präsident über sein zu mickriges Salär höhnte und über Personen klagte, die das Leben kompliziert machten. Kurz darauf stimmte der Kongress einer Regeländerung zu, die eine Abwahl des Oberaufsehers möglich machte. Da trat Scala unter Protest zurück.

Die belastenden Tonaufnahmen der Sitzung sind mittlerweile offenbar vernichtet worden – auf Anordnung von Präsident Infantino. Dies geht aus E-Mails hervor, welche diese Woche von mehreren Medien veröffentlicht wurden. 

Die Schlüsselfigur Borbély

Der dritte Akteur im Fifa-Drama 2.0 ist derzeit die Schlüsselfigur: Cornel Borbély, ehemaliger Staatsanwalt und heutiger Chef der Fifa-internen Untersuchungskammer der Ethikkommis­sion. Als «eine entschiedene Persönlichkeit» charakterisieren ihn Arbeitskollegen. Er ist der scharfe Hund, der Mann, der gegen jeden Ermittlungen aufnehmen kann, wenn die leisesten Zweifel am «absolut glaubwürdigen und integren Verhalten» auftauchen. Ob seine Truppe bereits gegen den Walliser Infantino ermittelt, ist nicht bekannt. Borbély müsste jedenfalls in Ausstand treten, da es ihm nicht erlaubt ist, persönlich gegen Personen zu ermitteln, welche die gleiche Nationalität haben wie er selber.

Umso mehr irritiert, wie Infantino laut den Mexiko-Tonbändern dem Fifa Council salopp von einer Konversation zwischen ihm und Borbély erzählt. Bisher trat der Chefermittler jedenfalls als integrer Mann auf, der auch vor Blatter und Platini nicht haltmachte und diese gegen alle Widerstände zur Strecke brachte. Borbély wird auf die Mexiko-Kampagne und Infantinos Rolle reagieren.

Der getriebene Infantino

Bleibt die vierte Figur: Der Präsident. Er zehrt von seiner jahrelangen Erfahrung als Generalsekretär der Uefa und weiss: Fussballverbände sind Haifischbecken. Wer nicht aufpasst, wird zum Futter. «Infantino macht alles selber, er traut niemandem und kontrolliert bis ins Detail», sagt einer, der mit ihm zusammen­arbeitet. Niemand ist überrascht darüber, dass Infantino seine Macht absichert. Bares Erstaunen ruft nur hervor, mit welcher Unverfrorenheit er Störenfriede abserviert.

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Was als Befreiungsschlag angedacht war, wird nun zum Bumerang. Der grösste Unterschied zu früheren Zeiten sind nicht einmal die Methoden, sondern dass die Öffentlichkeit von diesen erfährt. Nicht Scala, Kattner oder Borbély sind Infantinos wahre Gegner, sondern aktuelle und künftige Fifa-Leaks.

Spekulationen über Sperre

Infantinos Ruf könnte bald sogar noch grösseren Schaden nehmen: Verschiedene Medien spekulieren, dass der Fifa-Chef für 90 Tage suspendiert werden könnte. Die Ethikkommission des Verbands befürchte «Verdunkelungsgefahr». Sie wolle ungestört mehrere Anzeigen überprüfen, welche gegen Infantino vorlägen.

Die Ethikkommission weist die Spekulationen allerdings zurück: Es laufe kein formelles Verfahren gegen Infantino, sagte ein Kommissionssprecher gegenüber Schweizer Radio SRF.