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Sport
Fifa-Skandal: «Zuschauer finanzieren Korruption mit»

Die Schweizer Gesetze begünstigen die Steuerersparnis vieler Sportverbände, nicht nur der Fifa. Der bekannte Korruptions-Kritiker Wolfgang Schaupensteiner über Schmiergeld, das den Zuschauer kostet.

Von Bernhard Fischer
am 04.06.2015

Was macht die Schweiz für internationale Sportverbände so attraktiv?

Wolfgang Schaupensteiner*: Die günstigen kantonalen Steuersätze führen dazu, dass internationale Sportver-bände in der Schweiz gehäuft auftreten. So hat die Fifa auf den für 2006 ausgewiesenen Gewinn von 303 Mil-lionen Franken nur 1,06 Millionen Franken an Steuern bezahlt. Es ist die Frage, ob diese Privilegierung für so grosse Sportunternehmen noch zeitgemäss ist.

Sportverbände gelten als gemeinnützig. Durch welches Merkmal, ausser dem Profit, unterscheidet sich die Ge­meinnützigkeit noch von der Gewinnorientierung?
 Zur Gemeinnützigkeit gehört vor allem Transparenz: Die Offenlegung und Kontrolle der Mittelverwendung. Durch Transparenz und interne Kontrolleinrichtungen sollte gewährleistet sein, dass die Einnahmen dem Verein zugutekommen und nicht in private Taschen fliessen. Das Gleiche gilt für die Vermarktung und die Ausrichtung von Fussballweltmeisterschaften, das Kerngeschäft der Fifa. Von 2011 bis 2014 nahm die Fifa rund 5,7 Milliarden Dollar ein und verfügte 2014 über ein Eigenkapital von 1,5 Milliarden Dollar. Das ist mehr, als der Verband je braucht. So hohe Barreserven haben mit Gemeinnützigkeit nichts mehr zu tun.

Wer erleidet einen Schaden, wenn private Sport­verbände bestechen?
 Wenn es um die Vermarktung von Übertragungsrechten geht, um die Auswahl von Austragungsorten für Grossveranstaltungen wie die WM oder um die Ausrüstung der Profisportler, dann liegt darin ein Schaden, dass Zuschauer, Fans und Konsumenten die Schmiergeldbeziehungen über Ticketpreise, Fernsehgebühren und Sportartikel mit finanzieren. Die Marge für Schmiergeld wird in Endpreise, Gebühren und Lizenzen eingerechnet.

Was macht ausgerechnet den Sport so anfällig dafür?
Der Sport ist gesetzlich weniger reguliert als die Privatwirtschaft. Auch fehlt es an zureichenden internen Kontrolleinrichtungen. Haupt- oder ehrenamtlich tätige Mitarbeiter eines Sportvereins gelten nicht als Angestellte eines Wirtschaftsbetriebs. Ob Verbandsfunk- tionär oder Angestellter eines Unternehmens, in beiden Fällen geht es um Wirtschaftsgeschäfte. Das Problem ist, dass bestehende Gesetzeslücken die Versuchung, zu bestechen, fördern. Und Staatsanwaltschaften können mangels gesetzlicher Grundlage nicht tätig werden.

Wie könnte das behoben werden?
Entweder durch neue Gesetze oder durch interne Verhaltensregeln und effiziente Kontrollstrukturen. Den meisten Sportverbänden fehlt es an einem Compliance- Management-System, das die Einhaltung der geltenden Gesetze und internen Regeln durch alle Mitarbeiter und Vorstände zum Ziel hat. In der Privatwirtschaft haben mittlerweile viele Unternehmen, allen voran die gros- sen Konzerne, Compliance-Strukturen eingerichtet. Man braucht das Rad für die Sportverbände nicht neu zu erfinden. Es fehlt jedoch vielerorts an Problembe- wusstsein und am Willen der effektiven Umsetzung.

Jeder Verband, jeder Verein soll ein umfassendes Compliance-­Management­-System einrichten?
 Der kleine Verein ist davon weniger betroffen. Es geht um die grossen Sportverbände mit ihren bedeutenden wirtschaftlichen Aktivitäten. Die Fifa zum Beispiel hat ja bereits eine Ethikkommission und einen Code of Con- duct. Aber ob der wirklich umgesetzt wird und nicht nur Scheinreglement ist zur Beruhigung der Öffentlichkeit, da würde ich mal ein grosses Fragezeichen setzen. Ein Ethikreglement ist sinnvoll, aber wenn es trotzdem möglich ist, dass über Jahrzehnte bestochen wird, und wenn es bereits Verfahren gab, von denen sich Fifa- Funktionäre mit zweistelligen Millionenbeträgen frei- kaufen konnten, dann stimmt etwas nicht.

*Wolfgang Schaupensteiner berät Unternehmen zum Thema Compliance. Der Jurist und ehemalige Oberstaatsanwalt ist einer der bekanntesten Korruptionsbekämpfer aus Deutschland.

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