Werden in diesem Jahr in Davos wieder Partys gefeiert?

André Schneider: Wenn Sie unter einer Party verstehen, dass Leute in gediegenem Rahmen gemeinsam zu Abend essen, dann muss ich sagen: Ja, das wird passieren. Die grossen Partys, die Sie ansprechen, werden - so sieht es zumindest derzeit aus - auch in diesem Jahr nicht gefeiert. Allerdings organisieren nicht wir diese Anlässe und haben dementsprechend auch keinen direkten Einfluss.

Wie man hört, ist die Assistenz der eingeladenen Top-Banker derzeit vornehmlich darum besorgt, wer die grössten Partyräume kriegt.

Schneider: Davon haben wir nichts gehört. Solches würde mich sehr erstaunen, denn wir haben unseren Mitgliedern klar mitgeteilt, dass die Zurückhaltung und eine Arbeitsstimmung, die wir bereits im Vorjahr empfohlen haben, auch für dieses Treffen gelten.

Ob das die Banker interessiert? Anderswo lassen sie schon längst wieder wilde Partys steigen und gönnen sich atemberaubende Boni.

Schneider: Wir vom WEF haben bereits mehrfach Stellung dazu genommen, was wir jetzt erwarten: Wir müssen alle etwas aus dieser Krise lernen. Das diesjährige Thema des WEF heisst «Rethink, Redesign, Rebuild» - wir müssen bereit sein, unsere Geschäftsmodelle und Vorstellungen von Erfolg in Frage zu stellen und je nach Ergebnis neu zu definieren.

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Wo legen Sie in diesem Jahr die Schwerpunkte bei den Panel-Diskussionen?

Schneider: Die Teilnehmer beschäftigen sich sehr intensiv mit der Frage, wie wir uns aus unserer misslichen Lage wieder befreien können und Lösungen für die grossen Herausforderungen finden. Ein Beispiel ist, dass wir von einer Finanzkrise in eine Wirtschaftskrise geraten sind und viele Länder derzeit eine Sozialkrise erfahren - die Arbeitslosenquote steigt, der Schuldenberg wächst und Diskussionen laufen, wie wir das alles bezahlen sollen. Wir wollen darüber diskutieren, wie wir die Wirtschaft wieder stärken und gleichzeitig sicherstellen, dass die Stärkung nachhaltig ist und alle sozialen Schichten erfasst.

Das klingt nach Schadensbegrenzung. Was ist mit Prävention?

Schneider: Ein weiterer Themenstrang betrifft globale Risiken und Systembrüche. Wenn es eine Finanzkrise geben kann, dann ist auch in anderen Systemen ein Totalversagen möglich. Wir wollen herausfinden, welche das sind und wie man einen nächsten Kollaps verhindern kann.

Das klingt ganz danach, als ob die Teilnehmer in den vergangenen 365 Tagen keine Lernfortschritte gemacht hätten.

Schneider: Im vergangenen Jahr steckten alle in einer tiefen Krise, jeder wollte es künftig besser machen, alle hatten gute Vorsätze. Wir sahen dann relativ rasch ein paar Fortschritte, die den Leidensdruck milderten. Für den ganz grossen Wurf reichte es dann aber doch nicht.

Wollen Sie sagen, dass der Leidensdruck zu gering war?

Schneider: Man soll nichts herbeiwünschen, was noch mehr Menschen in die Krise gestürzt hätte. Aber wir wollen in diesem Jahr ganz klar nochmals auf den Tisch legen, dass viele Punkte, von denen wir hätten lernen sollen und über die wir im Vorjahr diskutiert haben, noch immer nicht überall durchgegangen sind.

Machen Sie ein konkretes Beispiel.

Schneider: Wir werden nochmals über Fragen diskutieren wie «Was ist eine gute Finanzarchitektur?», «Was kann der Markt wirklich bringen?» und «Was ist ein sinnvolles Anreizsystem?».

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Überschreiten wir bereits wieder Grenzen?

Schneider: Ja, zum Beispiel bei der Staatsverschuldung. Im Fall von Griechenland muss man sich schon fragen, wie man da bloss wieder herauskommt. Oder Deutschland: Der Staat hat sich enorm verschuldet, gleichwohl spricht man in der Regierung über Steuersenkungen. Wir wollen Antworten auf die verschärfte Schuldensituation finden: Soll man die Steuern erhöhen und das Risiko in Kauf nehmen, dass die Wirtschaft abgewürgt wird? Oder muss der Staat eine massive Sparrunde starten und dabei auch die Sozialsysteme antasten?

Welche WEF-Gäste können denn diese Fragen beantworten?

Schneider: Wir werden alle wichtigen Notenbanker zu Gast haben. Sie werden darüber diskutieren, wie man nach den unzähligen staatlichen Rettungsaktionen eine sanfte Landung hinbekommt. Antworten erwarten wir auch von den führenden Vertretern der internationalen Finanzindustrie. Aber wir dürfen die Erwartungen nicht in den Himmel schrauben: Bei diesen Themen gibt es nicht nur Schwarz und Weiss. Sie sind zu komplex, als dass man auf einfachen Wegen zu eindeutigen Resultaten kommen kann. Gleichwohl: 2010 wird zeigen, ob wir wirklich etwas gelernt haben.

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